DIW-Chef Fratzscher: „Ungleichheit schadet uns massiv“

Für DIW-Chef Marcel Fratzscher lässt sich Ungleichheit nicht mit mehr Umverteilung bekämpfen, sondern mit besseren Chancen. Die Integration von Flüchtlingen werde gelingen.

„Wer von Eltern oder Lehrern in die Hauptschule gedrängt wurde, schafft es kaum noch an die Uni“, sagt DIW-Chef Fratzscher.
„Wer von Eltern oder Lehrern in die Hauptschule gedrängt wurde, schafft es kaum noch an die Uni“, sagt DIW-Chef Fratzscher.
„Wer von Eltern oder Lehrern in die Hauptschule gedrängt wurde, schafft es kaum noch an die Uni“, sagt DIW-Chef Fratzscher. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Ihr Buch startet mit der steilen These: Die Soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr. Dafür gibt es viel Gegenwind, auch von prominenten Kollegen. Sind Sie über das Ziel hinausgeschossen?

Marcel Fratzscher: Ich stehe dazu: Deutschland hat heute keine Soziale Marktwirtschaft mehr. Zumindest nicht eine solche, wie wir sie in der Nachkriegszeit anvisiert haben. Die Idee war: Wohlstand für alle. Das hat die ersten 30 Jahre sehr gut funktioniert. Alle haben vom Aufschwung profitiert. Seither gehen wir in die andere Richtung.

 

Die Sozialausgaben steigen aber immer weiter. Wie passt das zusammen?

Der Staat verteilt in Deutschland und Österreich viel um. Es gibt kaum Länder, die so viele Transferleistungen haben. Aber staatliche Umverteilung ist immer ineffizient, es braucht einen Riesenapparat. Oft verteilt der Staat von oben nach oben um. Er nimmt aus Ihrer rechten Tasche und gibt einen Teil wieder in Ihre linke. Wir brauchen nicht mehr Staat, mehr Steuern oder mehr Umverteilung.

 

Genau das aber wird gegen steigende Ungleichheit immer gefordert. Worum geht es Ihnen?

Um die Ursachen. Ungleichheit mag vielen aus Gerechtigkeitsgründen gegen den Strich gehen. Ich als Ökonom habe dazu nichts zu sagen. Ich zeige nur auf: Die Ungleichheit ist in Deutschland und Österreich hoch, und sie verursacht massiven Schaden für Wirtschaft und Gesellschaft. Mein Punkt sind die fehlenden Chancen, vor allem bei der Bildung. Chancengleichheit ist ein Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft: das Beste aus eigenen Talenten machen können. Eigenverantwortung, Unabhängigkeit, Freiheit: Das fehlt Ihnen, wenn Sie mit 35 von der Sozialhilfe leben. Das kann kein Geld der Welt kompensieren.

 

Wir haben aber Gratisschulbesuch, bis zur Uni. Wo liegt da die Benachteiligung?

70 Prozent der Akademikerkinder in Deutschland gehen zur Uni, aber nur 20 Prozent der Kinder von Nichtakademikern. Warum? Wir wissen: Intelligenz und Talente werden nur zu einem sehr geringen Teil genetisch vererbt. Es hängt vom Umfeld ab, von der Familie und staatlichen Leistungen. Da gibt es bei uns riesige Barrieren: Ein Kita-Platz kostet Geld. Wir wissen: Gerade Kinder bildungsferner Familien profitieren massiv vom Kita-Besuch. Es fehlt an Ganztagsschulen, Betreuung am Nachmittag, Hilfe bei Hausaufgaben. Das Schulsystem ist nicht durchlässig: Wer von Eltern oder Lehrern in die Hauptschule gedrängt wurde, schafft es kaum noch an die Uni. Viele Lehrer sehen das langfristige Potenzial der Schüler nicht.

 

Der schnelle Weg zu weniger Ungleichheit wäre: Steuern von Arbeit auf Vermögen verschieben.

Ungleichheit ist nicht per se schlecht. Die Frage ist nicht: Wer hat wie viel, sondern: Was wird damit gemacht? Wenn bei uns das oberste Prozent so viel hat, weil es Familienunternehmen besitzt und damit sichere Jobs schafft, ist das gar kein Problem. Das Problem sind die unteren 40 Prozent, die gar kein Vermögen haben. Wir verbinden das zu häufig: Wir müssten oben mehr wegnehmen, damit unten mehr ankommt. Das funktioniert nicht. Außerdem: Die Steuereinnahmen sind so hoch wie noch nie. Das Geld ist da. Und es gibt genug unsinnige Ausgaben. Nur zwei Beispiele: das fatale Betreuungsgeld und das Ehegattensplitting.


Die Vermögensungleichheit steigt auch, weil es keine Kriege und keine Hyperinflation mehr gibt. Ist das nicht gut?

Ja. Aber das Problem ist die sehr enge Verbindung von Vermögen, Einkommen und Bildungschancen. Immer häufiger gilt: Arm bleibt Arm, Reich bleibt Reich.

 

Ist das Problem bei den Flüchtlingen nicht noch viel größer?

Deutschland hat in den 1960er- und 1970er-Jahren viele Türken gut integriert, die kein Wort Deutsch konnten, selbst in der Türkei den geringsten Bildungsstand hatten und Muslime sind. Genau, wovor mancher Politiker heute warnt. Wir haben in den letzten fünf Jahren über drei Millionen Jobs geschaffen, die Hälfte davon füllen Zuwanderer aus. Erfolg heißt nicht, dass alle Ärzte oder Ingenieure werden. Auch eine Altenpflegerin mit extrem geringem Einkommen ist ein Gewinn. Nicht für den Staat, weil sie mehr Sozialleistungen bekommt als Steuern zahlt, aber für Wirtschaft und Gesellschaft.

 

Aber der Anteil der Bezieher von Hartz IV oder Mindestsicherung ist bei Migranten viel höher.

So wird es unter Zuwanderern immer sein. Trotzdem integriert sich die große Mehrheit. Es wird jetzt bei der großen Zahl an Flüchtlingen auch dauern, fünf bis zehn Jahre. Aber natürlich schaffen wir das. Die Frage ist nur, wie schnell und wie gut. Es liegt in erster Linie an uns, ob wir den Flüchtlingen eine Chance geben. Und wenn sie erst zwei Jahre wo sitzen müssen und nicht arbeiten dürfen, wird es natürlich schwierig. Aber das wäre für Sie und mich, wenn wir nach Syrien geschickt würden, auch nicht viel leichter als für Syrer bei uns.

ZUR PERSON

Marcel Fratzscher (45) ist einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen. Er leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das größte des Landes. Die Thesen seines neuen Buches „Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird“ wurden von prominenten Kollegen kritisiert. Am Montag war Fratzscher zu Gast bei der Agenda Austria in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2016)

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