Liberalisierung: Tierärzte als Vorreiter

In Österreich schlüpfen Tierärzte unter das Dach eines schwedischen Konzerns. Die Kammern schlagen Alarm. Sie fürchten negative Auswirkungen für Apotheker, Ärzte und Anwälte.

Auch Pferde müssen immer wieder zum Arzt. Die EU will, dass in Österreich der Berufsschutz für Tierärzte gelockert wird.
Auch Pferde müssen immer wieder zum Arzt. Die EU will, dass in Österreich der Berufsschutz für Tierärzte gelockert wird.
Auch Pferde müssen immer wieder zum Arzt. Die EU will, dass in Österreich der Berufsschutz für Tierärzte gelockert wird. – (c) REUTERS (ALEX DOMANSKI)

Wien. In den USA, Großbritannien und in Skandinavien gibt es bei manchen Berufen keinen so strengen Schutz wie in Österreich. In diesen Ländern sind Finanzinvestoren beispielsweise an Praxen und Kliniken von Tierärzten beteiligt.

Bekannt ist in den USA die Firma VCA, die bereits über 680 solche Kliniken betreibt und deren Aktien an der Börse notieren. Durch den Zusammenschluss von mehreren Kliniken entstehen Einsparungseffekte, wovon die Konsumenten mit niedrigeren Preisen profitieren sollen.

Die EU-Kommission nimmt sich das zum Vorbild und will die Liberalisierung bei den sogenannten freien Berufen vorantreiben. Das hätte nicht nur Auswirkungen auf Tierärzte, sondern auch auf praktische Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte, Architekten, Notare und Wirtschaftstreuhänder. Die Wiener Regierung erwartet sich von der Marktöffnung ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 880 Millionen Euro pro Jahr und 6000 zusätzliche Arbeitsplätze. Doch die Kammern der betroffenen Berufsgruppen laufen dagegen Sturm. Sie präsentierten am Montag eine Studie des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider. Dieser hält die 880 Millionen Euro für überzogen. Schneider fürchtet eine Marktmonopolisierung und eine Verteuerung der Leistungen.

Derzeit ist es in Österreich nicht erlaubt, dass sich berufsfremde Dritte wie Banken, Finanzinvestoren und Konzerne mehrheitlich an den freien Berufen beteiligen. Doch bei den Tierärzten gibt es bemerkenswerte Vorgänge. So sind zwei große Tierkliniken (Hollabrunn und Korneuburg) unter das Dach des schwedischen Konzerns AniCura geschlüpft. Hinter AniCura stehen unter anderem die schwedischen Investmentunternehmen Fidelio Capital und Nordic Capital. AniCura übernimmt in ganz Europa Tierkliniken und besitzt bereits 130 Einrichtungen mit 2500 Mitarbeitern.

Laut „Presse“-Informationen wollen die Schweden die Position in Österreich ausbauen. Kurt Frühwirth, Präsident der Tierärztekammer und Präsident der Bundeskonferenz der freien Berufe (Buko), befürchtet, dass die Büchse der Pandora geöffnet wird. Frühwirth sagt, er kenne die Verträge zwischen den Tierärzten und dem schwedischen Konzern nicht im Detail, doch möglicherweise sei das Ganze nicht legal.

 

Branche im Strukturwandel

Die Kammer will in den nächsten Wochen entscheiden, ob sie hier eine Klage einreichen wird. Die EU-Kommission ist für eine Liberalisierung und führt wegen der Barrieren bei den Tierärzten ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich. Die anderen freien Berufe wie Rechtsanwälte, Architekten und Apotheker beobachten die Vorgänge mit Argusaugen. Sie befürchten, dass die Tierärzte erst der Anfang sind. Werden weitere Berufsstände liberalisiert, können sich in weiterer Folge auch Pharmafirmen bei Apotheken und bei Arztpraxen einkaufen.

Das könne zu einer wirtschaftlichen Vereinnahmung führen, womit die Unabhängigkeit der freien Berufe in Gefahr sei, warnt Buko-Präsident Frühwirth.

Doch was sagen die Tierärzte, die mit dem schwedischen AniCura-Konzern zusammenarbeiten? „Die Branche befindet sich in einem Strukturwandel“, meint Otto Fischer von der Korneuburger Tierklinik. „Mit AniCura ist die Zukunft der Klinik nachhaltig gesichert.“

Fischer vergleicht die Situation mit der Lebensmittelbranche: Früher hat es viele kleine Greißler gegeben. Doch viele von ihnen überlebten nicht. Heute punkten die Supermärkte mit viel mehr Produkten und längeren Öffnungszeiten. Auch bei den Tierärzten sei die Zeit der vielen Einzelkämpfer vorbei, meint Fischer. Größere Kliniken mit mehreren Angestellten können einen besseren Service bieten. Nicht zu vergessen sind teure Investitionen in die Medizintechnik. Doch die Banken stehen mit Krediten für Freiberufler auf der Bremse.

Gerade ältere Tierärzte stehen vor dem Problem, dass sie eine große Klinik aufgebaut haben. Doch sie finden keinen Nachfolger. Schließlich fehlt den jungen Kollegen das Geld, um gleich eine Klinik zu übernehmen. Die Schweden sind dagegen bereit, sich bei Kliniken zu engagieren und die Mittel für größere Investitionen bereitzustellen. Die Tierkliniken in Hollabrunn und Korneuburg versichern, dass ihre Verträge mit AniCura wasserdicht sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2016)

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