Mirko Kovats: „Österreich wird langsam verarmen“

Der Industrielle Mirko Kovats hält die Tobin Tax für sinnvoll – und überlegt, den Staat um Hilfe zu bitten. Österreich brauche "Know-how, Schnelligkeit, Flexibilisierung".

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Die Presse“: Sie gelten als Manager, der sich bei heiklen Themen kein Blatt vor den Mund nimmt. Wie beurteilen Sie denn die Wirtschaftspolitik der Regierung?

Mirko Kovats: Ich glaube, dass die Politik im Rahmen ihrer Möglichkeiten viel tut. Man kann sich immer mehr wünschen.

 

Was zum Beispiel?

Kovats: Die Reduzierung der Lohnnebenkosten und Vereinfachung der Verwaltung. Wir brauchen keine Verwaltungsapparate in den Bundesländern. Im Vergleich mit der Schweiz kommen wir nicht gut weg. Wenn wir keine Änderung schaffen, wird Österreich langsam verarmen. Nicht sofort, wir haben viel Substanz. Die Regierung muss gegensteuern. Der Leidensdruck ist bei Weitem noch nicht groß genug. Er wird aber kommen. Sicher.

 

Wenn die Staatsschulden steigen?

Kovats: Ja. Es wird Steuererhöhungen geben. Die Verwaltungsreform ist seit Jahren ein Thema, sie ist aber nie gelungen. Als gelernter Österreicher frage ich: Warum soll sie jetzt gelingen? Man wird lieber wieder Steuern erhöhen.

 

Es wird viel über die Vermögenszuwachssteuer und die Transaktionssteuer (Tobin Tax, Anm.) geredet.

Kovats: Die Tobin Tax ist sehr sinnvoll. Finanztransaktionen, die ein Mehrfaches der volkswirtschaftlichen Leistung ausmachen, muss man hinterfragen. Wir kamen nicht durch die Realwirtschaft in diese missliche Situation, sondern durch Finanztransaktionen, die in den USA entwickelt wurden. Am Ende der Finanzblase, als die Amerikaner schon ausgestiegen sind, sind die Europäer noch eingestiegen. Ganz wird man auch durch eine Tobin Tax solche Geschäfte nicht verhindern. Auch bestehende Steuern werden steigen, selbst, wenn jetzt dementiert wird.

 

Wird der Unternehmer Kovats Österreich verlassen, wenn es höhere Steuern gibt?

Kovats: Ich bin ein global denkender Mensch. Hier ist die Lebensqualität hoch, aber wenn das wirtschaftliche Umfeld nicht passt, muss man alles hinterfragen.

 

Würden Sie die A-Tec verkaufen?

Kovats: Ich verkaufe gar nichts. Wir unterliegen einem globalen Wettbewerb, justieren den Konzern laufend. Wir wollen hier bleiben, aber man muss wirtschaftlich entscheiden.

 

Sie sind ein Verfechter einer „staatsfreien“ Wirtschaft, beurteilen aber Staatsgarantien positiv. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Kovats: Sehen Sie uns auf irgendeiner Liste?

 

Noch nicht...

Kovats: Das Finanzsystem wird mit riesigen Staatshilfen gerettet. Warum soll das für die Wirtschaft nicht gelten? Die Unternehmen zahlen auch Steuern, wir bekommen nichts geschenkt. Die Garantien sind auch nicht gratis. Das heißt nicht, dass wir uns in Richtung Staatswirtschaft bewegen.

 

Werden Sie einen Antrag stellen?

Kovats: Wir prüfen.

 

Hat die Krise die Liquidität der A-Tec sehr ausgedünnt?

Kovats: Die Krise hat uns natürlich getroffen. Refinanzierungen sind schwierig geworden. Das betrifft auch die 2010 fällige Anleihe (in Höhe von 100 Mio. Euro, Anm.).

 

Sie haben zu Jahresbeginn angekündigt, dass die A-Tec 2009 Gewinne machen wird. Bleiben Sie bei Ihrer Prognose?

Kovats: Schauen Sie sich unsere Halbjahreszahlen an.

 

Da hat sich der Gewinn halbiert.

Kovats: Sondereffekte wie den Verkauf der Kupferbeteiligungen gibt es heuer nicht. Das operative Ergebnis war aber exzellent.

 

Sie rationalisieren dennoch kräftig?

Kovats: Die Krise hat zehn Prozent unseres Geschäfts getroffen, die Produktion von Niederspannungsmotoren der ATB und die Emco mit den Serienwerkzeugmaschinen. Da gab es Rückgänge von 40 Prozent. Deshalb haben wir vor allem in der ATB Personal abgebaut. Zum Halbjahr haben wir um zwölf Prozent weniger Mitarbeiter. In Österreich arbeiten 1700 von 12.200. Der Prozess geht weiter, wir müssen effizienter werden.


Wieso nützen Sie nicht Kurzarbeit?

Kovats: Kurzarbeit ist zu teuerin Österreich. In Deutschland nützen wir Kurzarbeit, weil sie dort besser geregelt ist.

Es heißt, das Ärgste der Krise sei bereits überstanden. Ist das so?

Kovats: In einigen Bereichen zieht das Geschäft wieder an. Ob das die nachhaltige Wende ist, können wir Ende des Jahres bzw. im ersten Quartal 2010 beurteilen. Bis dahin schnallen wir den Gürtel eng.

 

Sie haben in wenigen Jahren einen Milliardenkonzern aufgebaut, vor allem durch exzessive Zukäufe. Jetzt ist es still. Gibt es keine interessanten Kaufobjekte, oder fehlt das Geld?

Kovats: In diesem Wirtschaftsklima sind Finanzierungen schwierig. Akquisitionen sind derzeit kein Thema, erst in ein, zwei Jahren wieder. Firmen gibt es genug.

 

Wohin geht dann die Reise?

Kovats: Nach Asien, Afrika und Südamerika. In Asien haben die Menschen einen unbändigen Willen, den Wohlstand zu steigern. China und Indien haben eine Dynamik, die wir noch nicht begriffen haben, dort gibt es Termine um sieben Uhr früh. Russland nehme ich aus. Das Land ist extrem rohstoffabhängig, geht damit aber nicht gut um. Strukturänderungen fehlen. Russland wird sich nur sehr langsam erholen, wenn überhaupt. Die Politik dominiert die Wirtschaft, die Oligarchen arbeiten der Regierung zu. Und Alkoholismus ist ein großes Problem.

 

Wie können wir uns behaupten?

Kovats: Bei den Lohnkosten können wir nicht reüssieren, weshalb Produktionen verlagert werden. Die Chinesen holen aber auch bei anspruchsvolleren Produkten auf. Wir brauchen Know-how, Schnelligkeit, Flexibilisierung. Da geschieht seit Jahren nichts.

 

Macht die Industriellenvereinigung, in der Sie im Bundesvorstand sind, zu wenig Druck?

Kovats: Die Industriellenvereinigung entscheidet nicht.

 

Wo sehen Sie die A-Tec in fünf bis zehn Jahren?

Kovats: Wesentlich größer. Es wird vielleicht neue Geschäftsfelder geben. Energietechnik und Solarenergie sind interessant. Die Menschen wollen Kohle nicht, Kernkraft nicht, auch Wind wegen der Windräder nicht. Aber den Strom aus der Steckdose wollen wir und Elektroautos auch. Ich muss mich als Energietechnikanbieter nur zurücklehnen und warten.

AUF EINEN BLICK

Mirko Kovats war nach dem Studium der Handelswissenschaften als Händler für Maschinen in Osteuropa tätig. Nach der Ostöffnung konzentrierte er sich auf Immobilieninvestments. Sein Engagement bei mehreren Diskotheken brachte ihm ein Strafverfahren wegen betrügerischer Krida ein, das die Staatsanwaltschaft vor kurzem eingestellt hat.

Der Kauf der Emco bildete 1997 die Basis der A-Tec. Etliche Firmen im In- und Ausland kamen hinzu.

Die A-Tec umfasst vier Geschäftssparten: Emco (Werkzeugmaschinen), ATB (Austria Antriebstechnik, Kleinelektromotoren), Austrian Energy&Environment (Energietechnik) und die Montanwerke Brixlegg (Kupferbergbau). Der Konzern machte im ersten Halbjahr des laufenden Jahres mit 12.200 Beschäftigten 1,46 Mrd. Euro Umsatz. Das Betriebsergebnis wuchs um 5,3Prozent auf 69,8 Mio. Euro. Netto halbierte sich der Gewinn wegen höherer Steuerbelastungen auf 22,6 Mio. Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2009)

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