Fette Öle statt Synthetik für die Haut

Shanna Mirnig wollte keine schädlichen Wirkstoffe mehr an ihre Haut lassen – und stand irgendwann in einem leeren Bad. Aus der Not wurde ein Geschäft: Heute mixt sie Cremes, Seifen und Shampoo in ihrer Naturkosmetik-Manufaktur in Wien.

Shanna Mirnig im Geschäft in der Burggasse.
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Shanna Mirnig im Geschäft in der Burggasse.
Shanna Mirnig im Geschäft in der Burggasse. – (c) Die Presse/Clemens Fabry

Angefangen hat die Geschichte dieser Manufaktur für Naturkosmetik mit Hautproblemen und Hormonschwankungen. Hautunreinheiten, die man zuerst ja mit der Pubertät erklären könnte – Shanna Mirnig erzählt, sie hatte aber auch Jahre später noch damit zu tun, „da wusste ich, es stimmt etwas nicht“. Mittlerweile ist sie diese Probleme los – was sie vor allem auf die Umstellung in ihrer Hautpflege auf Selbstgemachtes zurückführt. Diese selbst gemischten Kosmetika, die mittlerweile den Markennamen Sevie Skincare tragen, verkauft sie heute auch online oder im kleinen Shop in der Wiener Burggasse, wo die diversen Cremes, Shampoos oder Deodorants quasi in einer Hinterzimmermanufaktur auch entstehen.

Zur Kosmetikherstellerin ist Mirnig, die die Firma mit ihrem Mann Mario führt, quasi durch die eigene Not geworden. „Ich dachte, ich kaufe Naturkosmetik und hochwertige Produkte. Dann habe ich irgendwann, vor fünf oder sechs Jahren, eine Doku über Chemie in Kosmetik gesehen.“ Nach eingehender Recherche studierte sie schließlich die Rückseiten sämtlicher Produkte zu Hause – und nachdem sie alles Bedenkliche weggeschmissen hatte, war das Bad leer.

Öle mixen in der Küche.
Womit also nun die Haut waschen und pflegen? Mario Mirnig hatte, er ist Shiatsupraktiker und Aromatherapeut, schon einmal einen Kurs in Kosmetikselbstmachen absolviert, so entstand die Idee, die Produkte für den Eigenbedarf selbst herzustellen. Aus Ölen oder Sheabutter sind dann in der Küche mit dem Mixer erste Cremes entstanden, „ich habe gesehen, wie sich meine eigene fettige Haut trotz der fetten Öle verbessert hat. Wir haben Freunden davon erzählt, die das ausprobieren wollten, dann haben wir die ersten Maschinen gekauft, und irgendwie ist uns dieses Geschäft in die Hände gefallen“, erzählt Shanna Mirnig. Zwischen der ersten Idee, Kosmetik professionell herzustellen, und der Eröffnung des Shops samt Manufaktur sind schließlich fast zwei Jahre vergangen. 2011 wurde der Sevie-Shop eröffnet – Sevie ist übrigens ein Fantasiename aus zwei Teilen: Das französische Sève steht für „Saft der Pflanze“, das „-vie“ für Leben. Mirnig hat ihren Job im Marketing einer großen Immobilienfirma aufgegeben, ihr Mann arbeitet nebenbei als Shiatsupraktiker, ebenfalls im Lokal in der Burggasse, in einem angeschlossenen Shiatsuraum.


Inflation der grünen Kosmetik.
Seither entwickle sich das Geschäft auch sehr positiv – was fast auf der Hand liegt, angesichts des allgegenwärtigen Themas Bio, Vegan, Selbstmachen, Müllreduzieren und so weiter. Mirnig greift diese Trends auf, die leeren Tiegel – sie sind, so weit es geht, aus Glas – kann man ins Geschäft zurückbringen, dann werden sie wiederverwendet. Bis vor Kurzem hat sie auch Workshops zum Selbstmachen von Naturkosmetik angeboten, das sieht Mirnig aber mittlerweile kritisch: Zu viele hätten an diesen Workshops teilgenommen, um dann, wenige Wochen später, selbst Ähnliches anzubieten, und hätten sich dazu quasi ihres mühsam angelernten Wissens bedient. „Viele Junge nennen sich heute nach einem schnellen Kurs grüner Kosmetiker oder grüner Kosmetikpädagoge, das heißt aber noch nicht, dass man sich mit Verkeimung, mit Schimmel oder den Hautschäden, die da entstehen können, auskennt“, sagt Mirnig. Sie selbst betont, dass sie eine mehrstündige Prüfung bei der Innung ablegen musste, um ihr Gewerbe anmelden zu können.


Regularien fehlen. Überhaupt ist das Metier der Natur- oder naturnahen Kosmetik eines, in dem viel Wildwuchs und Verwirrung herrschen. Umweltorganisationen wie Global 2000 kritisieren immer wieder, dass auch in Produkten, die den Anschein naturnaher Kosmetik erwecken, synthetische oder hormonell wirksame Inhaltsstoffe nachgewiesen werden. Die Vielzahl an beliebigen Ökosiegeln macht es den Kunden zudem nicht leichter, tatsächliche Naturkosmetik zu erkennen (siehe Info rechts unten).

Auch Mirnig erzählt von vielen Kontrollen diverser Instanzen. Seit einigen Wochen sind die Produkte nun als Biokosmetik nach dem österreichischen Lebensmittelbuch zertifiziert – 95 Prozent aller Inhaltsstoffe müssen also bio und von zertifizierten Händlern stammen. Einiges, ätherische Öle etwa, gebe es nicht in Bioqualität.

Parabene, Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs, chemische Duftstoffe oder Zutaten, die von genmanipulierten Bakterien erzeugt werden – Zitronensäure, zum Beispiel – seien nun tabu. Auch die Kunden würden da mittlerweile genau nachfragen. Der Kundenkreis für Naturkosmetik sei heute weiter gefasst als die besser verdienenden 20- bis 40-Jährigen im siebten Bezirk, die Mirnig ursprünglich im Auge hatte. „Mittlerweile kommen viele Frauen um die 70 zu uns.“ Mit der Klientel ist auch das Angebot gewachsen: Es gibt 45 Produkte, der Großteil für Frauen oder Unisex-Artikel, eine eigene Linie für Männer ist dazugekommen, auch für Hunde gibt es nun Shampoo – wäscht man den Hund damit, riecht er angeblich nicht mehr.


Gewöhnungsbedürftige Naturkosmetik. Verkauft wird online, im Shop und über Handelspartner, Reformhäuser in der Schweiz, in Niederösterreich und Kärnten. Anfragen großer Handelsketten habe es gegeben – aber da ist eine Kooperation bisher an den strengen Vertragsbedingungen gescheitert. Schließlich fordern die Handelsketten lange Haltbarkeiten. Kosmetika müssen (vor Öffnung) oft jahrelang haltbar sein, „da kann man sich vorstellen, was drinnen ist“, so Mirnig. Solche Haltbarkeiten schafft sie nicht, native Öle werden ranzig, es sei denn, man ersetzt sie durch raffinierte Produkte. Mittlerweile erreichen Sevie-Produkte eine Haltbarkeit von zwölf Monaten ab Herstellung, „wir empfehlen den Kunden, ihre Produkte in drei bis vier Monaten zu verbrauchen.“ Trotzdem ist Naturkosmetik für viele gewöhnungsbedürftig. Stellt man die Pflege um, dauert es oft Wochen, bis sich Haut und Haare daran gewöhnen. Bis dahin fetten die Haare schnell, werden mitunter struppig, die Haut reagiert mit Unreinheiten. Mirnig spricht von Entgiftung: „Bei manchen dauert es einen Monat, bei anderen ist die Haut nach zwei Wochen gut, das kommt auch auf den Konsum von Alkohol oder Kaffee an.“


Neuer Standort gesucht. Künftig will Mirnig ihr Sortiment ausbauen – sie plant eine Linie für Wellnessanbieter und Spas, später Produkte für Babys. Zum Weihnachtsgeschäft soll ein erster Mitarbeiter im Verkauf eingestellt werden, und das vielleicht schon an einem neuen Standort: Mirnig will umziehen, die kleine Manufaktur in der Burggasse ist zu klein geworden – und die gürtelnahe Lage nicht mehr ideal. Stichwort U6, der präsente Drogenhandel. Laufkundschaft verspricht sie sich eher in zentralerer Lage– und sucht nun vor allem im vierten Bezirk.

Vorsicht bei Kosmetik

Die Gesetzgebung unterscheidet nicht zwischen konventioneller Kosmetik und Naturkosmetik, theoretisch kann jeder Hersteller Produkte mit Fantasielabels auszeichnen. Bei einem Test von Global 2000 wurden auch in Produkten, die den Anschein naturnaher Kosmetik erwecken, synthetische oder hormonell wirksame Inhaltsstoffe nachgewiesen.

Tipps: Die Kennzeichnungssituation ist verwirrend, einen Überblick über Ökosiegel gibt es auf www.global2000.at. Mit der App Toxfox kann man Kosmetika anhand des Strichcodes auf hormonell wirksame Inhaltsstoffe scannen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2016)

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