Studie: Frischer Stoff für den Steuerstreit

WU-Forscher haben erstmals die gesamte Abgabenbelastung für jede Einkommensgruppe erfasst. Ein politisch brisantes Detail: Ganz oben nimmt der Beitrag prozentuell leicht ab.

(c) REUTERS (Dado Ruvic)

Wien. Wie viel von dem, was wir verdienen, geht insgesamt an den Staat? Und wie unterscheidet sich die Belastung von Armen, Mittelschicht und Reichen? Zwei Forscher der WU Wien haben versucht, diese Fragen für Österreich zu beantworten. Dazu verwenden sie auch Vermögensdaten der Nationalbank und die Konsumerhebung der Statistik Austria, beides von 2010 (zu den aktuellen Ergebnissen beim Konsum siehe unten).

Was ist an den Resultaten neu? Vieles wissen wir schon: Der österreichische Staat verteilt sehr kräftig um, sodass die Einkommen nach Steuern und Transfers in wenigen Staaten so gleichmäßig verteilt sind wie hierzulande. Der große Umverteilungseffekt kommt aber aus den Transfers, weniger aus dem Steuer- und Abgabensystem, um das es hier geht. Zwar ist die Einkommensteuer stark gestaffelt: Wer mehr verdient, zahlt auch prozentuell deutlich mehr. Aber die Sozialversicherung ist gedeckelt. Und dass wir zehn Prozent Mehrwertsteuer aufs eingekaufte täglich Brot und 25 Prozent auf Sparerträge abliefern, gilt für Arme und Reiche gleich. Damit verteilt sich die Belastung in Summe weniger progressiv als oft angenommen (noch etwas weniger, wenn man Gebühren einrechnet, die hier fehlen).

In den Grafiken ist die Bevölkerung in je 100 gleich große Einkommensgruppen (Perzentile) unterteilt. Stärker steigt die Kurve an, wenn man auf die einzelnen Steuerzahler abstellt (mittlere Grafik). Flacher fällt sie aus, wenn man zu Haushalten zusammenfasst (untere Grafik). Was ist richtiger? „Da wir eine Individualbesteuerung haben, würde der Finanzminister auf Personen abstellen“, erklärt Studien-Koautor Mathias Moser der „Presse“. „Ökonomen denken eher in Haushalten“, weil sich in der Ressourcengemeinschaft besser zeige, „wie die Belastung wirkt“.

Aber trotz gedämpfter Progression: Absolut leisten die Wohlhabenden enorme Beiträge, wie die oberste Grafik zeigt. So weit, so bekannt. Aber sieht man sich die drei großen Einkommensgruppen genauer an, zeigen sich dann doch erstaunliche Details:

Schon die niedrigen Einkommen sind mit über 30 Prozent recht stark belastet.

Zwar zahlen die drei unteren Dezile (fast) keine Einkommensteuer und – durch die Ausgleichszulage – auch unterdurchschnittliche Sozialabgaben. Aber rund ein Viertel ihres Einkommens geht für Konsumsteuern drauf, vor allem die Mehrwertsteuer. Freilich: Neben den Pensionisten gibt es in dieser Gruppe auch viele Erwerbsfähige, die einen großen Teil ihres Einkommens aus staatlichen Transfers beziehen – und einen Teil davon wieder an den Staat abgeben.

Die breite Masse ist sehr gleichmäßig belastet – mit knapp unter 40 Prozent.

Vom 30. bis zum 80. Perzentil, also bis weit in die obere Mittelschicht hinein, wirkt unser Steuersystem fast wie eine Flat Tax. Ihre Höhe läge zwischen 35 und 40 Prozent. Der ruhige Verlauf zeigt sich an den in diesem Bereich gleichmäßig ansteigenden Kurven. Übrigens kommen hier beim Einkommen „imputierte Mieten“ dazu: Was sich Wohnungs- und Eigenheimbesitzer an Mietkosten sparen, wird ihnen zum besseren Vergleich als Einkommen zugerechnet.

Im oberen Fünftel steigt die Belastung, fällt aber bei den Spitzenverdienern wieder ab.

Die Pointe der Studie betrifft die wirklich Reichen. Vom 80. bis zum 99. Perzentil steigt die Belastung weiter an, auf bis zu 47 Prozent. Aber beim obersten Perzentil bricht sie wieder auf 40 Prozent ab. Hier verdoppeln sich noch einmal die Einkommen. Und nur hier spielen Kapitalerträge, vor allem aus Beteiligungen an Unternehmen und Wertpapieren, eine große Rolle. Dazu fehlten bis jetzt Daten. Die Forscher holten sie aus einer Umfrage, die der Verein Respekt.net auf seiner Plattform Steuerzahler.at durchgeführt hat. Nur 2000 der 13.000 Teilnehmer erfüllten die strengen Vorgaben. Und unter ihnen waren, erklärt Moser, „sehr viele gut Betuchte“.

Sollte das oberste Prozent nun stärker besteuert werden? Die Wissenschaftler hüten sich, das zu fordern. Aber sie wollen, dass der Finanzminister all seine Daten veröffentlicht – sonst sei jede Steuerreform ein Blindflug. Eine weise Zurückhaltung. Denn wie die steile absolute Kurve zeigt, werden auch die reichsten ein Prozent in keiner Einkommensklasse wirklich verschont. Der halbierte und fixe Satz bei den Kapitalerträgen soll dafür sorgen, dass sich eine Investition in Unternehmen lohnt. Dort fällt ja auch noch die Körperschaftsteuer von 25 Prozent an. Zumindest bis jetzt. Woran man sieht: Die Daten bieten allen Parteien neuen Stoff.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2016)

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