Integration: „Geduld, es dauert einfach noch“

Selbst wenn ein Flüchtling studiert habe, bleibe Integration eine Herkulesaufgabe, sagt AMS-Chef Johannes Kopf. Wer noch nie in der Schule war, lerne mit Glück lesen und schreiben.

Johannes Kopf
Johannes Kopf
(c) Die Presse - Clemens Fabry

Die Presse: Österreich hat die neuntniedrigste Arbeitslosigkeit in der EU, vor nicht allzu langer Zeit war es die niedrigste. Warum der starke Rückfall?

Johannes Kopf: Die Unterschiede zu den Ländern vor uns sind relativ klein. Wir haben seit Jahren weniger Wachstum als die meisten anderen EU-Länder. Und ein deutlich stärker steigendes Arbeitskräftepotenzial, was auch an unserer Nähe zu Osteuropa liegt. Deshalb steigt bei uns die Arbeitslosigkeit, während sie fast überall sinkt.

Sie steigt eigentlich nur noch wegen der Zuwanderung.

Natürlich könnte man sagen: Gäbe es die Zuwanderung nicht, wäre die Arbeitslosigkeit rückläufig. Aber es gibt auch mehr Ältere auf dem Arbeitsmarkt und mehr Frauen. In Summe gibt es einfach mehr Menschen, die arbeiten wollen, als zusätzliche Jobs. Wir rechnen mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit nächstes Jahr. Es kommen noch größere Mengen an Asylberechtigten auf den Arbeitsmarkt, bisher sind viele noch nicht beim AMS gemeldet.

Es gab zuletzt um 17 Prozent mehr Langzeitarbeitslose, auch die Dauer der Arbeitslosigkeit steigt. Verfestigt sich die Arbeitslosigkeit weiter?

Leider ja, das ist die Folge von vier Jahren Wachstumsschwäche. Der Grund, warum die Beschäftigung zwischen 2012 und 2015 überhaupt gestiegen ist, sind die vielen Teilzeitstellen. Unter dem Strich sank das Arbeitsvolumen. Für die Arbeitslosigkeitsstatistik ist es zwar egal, ob jemand Teilzeit oder Vollzeit arbeitet, für Wohlstand, Wachstum und Kaufkraft aber nicht. Erst seit heuer entstehen wieder mehr Vollzeitjobs.

Langzeitarbeitslose sind ja in der Regel schlecht ausgebildet. Was kann das AMS da ehrlicherweise tun? Mehr als verwalten?

Wenn eine Person schon langzeitarbeitslos ist, tun wir uns tatsächlich sehr schwer. Was aktuell auch an der großen Konkurrenz liegt. Es gibt sehr viele Deutsche und Ungarn, die nicht nur Deutsch können, sondern auch tüchtig und gut ausgebildet sind. Da ist es schwierig, jemanden unterzubringen, der vielleicht schon fünfzig und seit zwei Jahren arbeitslos ist.

Werden Flüchtlinge vor allem in jene Bereiche drängen, in denen jetzt viele Osteuropäer arbeiten – wie den Tourismus?

Wir bemühen uns, dass es so passiert. Dann gibt es die geringste Verdrängung von Inländern, da kommen dann weniger andere Zuwanderer. Im Idealfall können wir die Geflüchteten für jene Bereiche qualifizieren und motivieren, wo es einen Arbeitskräftemangel gibt, der nur durch ausländisches Personal gedeckt werden kann: Tourismus, einige Metallberufe, Landwirtschaft. Und eher Westösterreich.

Letztes Jahr wurden rund 90.000 Asylanträge in Österreich gestellt. Wie viele von denen, die Asyl bekommen, werden Arbeit finden? Und wie lang wird das dauern? Manche Studien sagen, 50 Prozent in fünf Jahren, andere sprechen von zehn Jahren.

Wir haben uns angesehen, wie viele von jenen, die 2015 nach ihrem Asylbescheid zum AMS gekommen sind, heuer Arbeit haben. Ende Juni waren es 10,1 Prozent, Ende September 14,2. Es ist ein langer Prozess. Diese Menschen kommen aus einer anderen Kultur, haben keine Netzwerke, die Ausbildungen sind nicht vergleichbar. Das dauert. Es gibt Tausende Initiativen. Gerade wurde ich von einem Betrieb gefragt, der Mathematiker sucht.

Der Mathematiker wird nicht das Problem sein. Was ist mit dem Afghanen, der noch nie in der Schule war?

Bisher sind beim AMS 4500 Afghanen vorgemerkt. Das ist wenig, weil die Afghanen voriges Jahr die größte Gruppe der Asylwerber waren. Die meisten sind noch nicht beim AMS angekommen. Die ersten Ergebnisse unserer Kompetenzchecks haben ergeben, dass 25 Prozent der Afghanen noch nie in der Schule waren, das ist die Herausforderung. Allerdings sind die zu uns kommenden Afghanen deutlich jünger als die anderen Flüchtlingsgruppen. Und damit noch leichter zu qualifizieren.

Auf welches Ausbildungsniveau bringt man jemanden, der noch nie in der Schule war?

Meist wohl nur auf ein niedriges. Mit Glück kann er am Schluss lesen und schreiben und ist in der Lage, eine Hilfstätigkeit zu machen. Und auch das wird Jahre dauern. Was mir generell wichtig ist: Unter den Geflüchteten gibt es viele junge, geschickte Leute, die man relativ rasch für Hilfsarbeiten einsetzen könnte. Das ist aber gefährlich. Denn niemand ist ewig jung und kräftig. Und unter den Hilfskräften haben wir jetzt schon 27 Prozent Arbeitslosenquote. Es ist besser, statt des schnellen Erfolgs die mitgebrachte Qualifikation zu nützen, dann ist die Integration nachhaltig.

Und wie schnell werden Akademiker Jobs finden?

Selbst wenn jemand ein Studium hat, bleibt Integration eine Herkulesaufgabe und dauert. Das Studium in Syrien ist nicht eins zu eins mit unserem vergleichbar, und man muss die Sprache dann besonders gut lernen. Aber das ändert nichts daran, dass ein Studium eine gute Neuigkeit ist. Denn man lernt schneller, wenn das Gehirn trainiert ist. Und auch die Kinder werden eher studieren oder eine höhere Ausbildung machen.

Das AMS führt gerade Kompetenzchecks durch. Die letzten haben Sie als beeindruckend bezeichnet – wird der Befund wieder so ausfallen?

Ich habe die Ergebnisse nicht pauschal als beeindruckend bezeichnet, sondern den hohen Akademikeranteil unter Syrern, Iranern und Irakern. Die Afghanen schnitten schlechter ab als befürchtet. Eine Studie der Akademie der Wissenschaften hat kürzlich ein ähnliches Ergebnis geliefert. Es dürfte eine massive Selektion bei der Flucht passieren: Die Menschen, die nach Österreich kommen, sind im Schnitt besser ausgebildet als die Bevölkerung im Herkunftsland.

Kritisiert wurde an beiden Studien, dass sie auf Befragungen basieren und die Angaben nicht überprüft wurden.

Auch die Bildungsstatistik der österreichischen Bevölkerung basiert auf Befragungen. Die Unterstellung, dass Syrer mehr lügen als Österreicher, würde ich als rassistisch bezeichnen. Wir wollen herausfinden, was die Leute können, dazu machen wir auch Arbeitserprobungen. Wir haben nicht den Eindruck gewonnen, dass uns die Geflüchteten anlügen. Sie haben auch nichts davon, weil es rasch auffallen würde.

Laut einer Deloitte-Studie stehen österreichische Firmen Flüchtlingen als Mitarbeitern positiv gegenüber. Aber nur ein Prozent beschäftigt welche. Warum?

Manche Betriebe sagen, sie wollen Flüchtlinge aufnehmen. Das AMS bekommt dann Anforderungsprofile, in denen Qualifikationen verlangt werden, die wir auch unter den österreichischen Arbeitssuchenden nicht finden, und auch noch sehr gutes Deutsch. Andere Betriebe bemühen sich mit sozialem Engagement Geflüchtete einzustellen. Aber auch hier können wir oft noch nicht „liefern“, weil viele noch nicht gut genug Deutsch können. Oder noch nicht nostrifiziert haben. Ein Großteil ist noch im Asylverfahren, manche sind traumatisiert. Wir müssen Geduld haben, es dauert einfach noch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2016)

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