Amerikas schwindende Mittelschicht

Lange Jahre galt die amerikanische Mittelklassefamilie als Musterbeispiel für die Welt. Doch die Mittelschicht schrumpft bedrohlich.

(c) REUTERS (LUCAS JACKSON)

Es war ein ausgelassenes Fest, mit dem Nate vor zehn Jahren die Geburt seines zweiten Sohnes feierte. Die Nachbarn hatten sich in dem Haus in Falls Church, einem kleinen Vorort von Washington, mit Budweiser und Steaks eingefunden. Er könne leider nichts spendieren, scherzte Nate damals, er brauche jetzt alles Geld für den zweiten College-Fund.

2016 scherzt Nate ebenfalls über seinen Zweitgeborenen, allerdings leicht verbittert: „Wenn wir Glück haben, ist er nicht klug genug für das College.“ Denn die monatlichen Einzahlungen in den Aktienfonds, mit denen Nate unmittelbar nach der Geburt seines Sohnes begonnen hat, haben bisher wenig gebracht. Und der „Bankomat“ von einst – das Haus mit seinem jährlich steigenden Wert, auf das man immer neue Hypotheken aufnehmen konnte – ist versiegt. „Das College für zwei Kinder zu finanzieren“, sagt Nate heute sehr ernst, „wird eng.“

Einkommen sanken um vier Prozent

Bisher gehörte es zum typischen Lebenslauf jedes US-Amerikaners, vier Jahre möglichst wild und ausgelassen auf der Uni zu verbringen, bevor man sich im biederen Lebensstil dem amerikanischen Traum widmet. Bei Preisen ab – im US-weit laut Collegeboard günstigsten Fall – 19.000 Dollar pro Jahr für Ausbildung und Unterkunft an einer öffentlichen Universität oder ab 42.400 Dollar an einer Privatuni werden viele Jugendliche einen neuen Lebenslauf schreiben müssen.

Denn die amerikanische Mittelschicht ist finanziell unter Druck: Die Einkommen gingen seit dem Jahr 2000 um mehr als vier Prozent zurück (nominal), das Vermögen sank sogar fast auf den Stand von 1983. Der Anteil der US-Amerikaner, die der Mittelschicht zugeordnet werden, fiel in 203 von 229 Stadtregionen. Erstmals seit 1971 bildet die Mittelschicht in den Vereinigten Staaten heute nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft, und sie erhält auch nicht mehr den Großteil des Einkommens: 1970 gingen noch 62 Prozent des Volkseinkommens an die Mittelschicht, 29 Prozent an die Oberschicht. 2014 kassierte die Oberschicht 49 Prozent des Gesamteinkommens, 43 Prozent gingen an die Mittelschicht und acht Prozent an die Unterschicht.

Die gesellschaftlichen Veränderungen in den USA sind so signifikant, dass sich die Forscher des renommierten Pew Research Center gleich in zwei Studien innerhalb eines halben Jahres damit beschäftigten und die Gründe untersuchten („The American Middle Class Is Losing Ground“, Dezember 2015, „America's Shrinking Middle Class: A Close Look at Changes Within Metropolitan Areas“, Mai 2016). Zur Mittelschicht werden in den Studien jene Personen gezählt, die zwei Drittel bis das Doppelte des nationalen Medianeinkommens haben. Für einen Mittelschichthaushalt – zwei Erwachsene, ein Kind – sind das brutto zwischen 42.000 und 126.000 Dollar pro Jahr, für einen Einpersonenhaushalt zwischen 24.000 und 72.500 Dollar.

Die Mittelschicht franst nach oben und unten aus. Die Anzahl der US-Amerikaner, die der Unterschicht zuzurechnen sind, stieg von 25 Prozent im Jahr 1971 auf 29 Prozent 2015. Die Oberschicht legte in dem Zeitraum von 14 auf 21 Prozent zu. Die Mittelschicht schrumpfte von 61 Prozent auf 50 Prozent. Bricht man die Zahlen auf Fünftel herunter, kletterte der Anteil der Erwachsenen mit dem geringsten Einkommensfünftel von 1971 bis 2015 von 16 auf 20 Prozent. Der Anteil des obersten Einkommensfünftels verdoppelte sich in diesem Zeitraum: von vier auf neun Prozent.

Ganz oben stiegen die Einkommen signifikant: Seit 1982 erhöhte sich beispielsweise das Einkommen amerikanischer Firmenchefs um mehr als 190Prozent. Im Schnitt verdient ein CEO heute 286-mal mehr als ein durchschnittlicher Arbeiter. In den 1970er-Jahren betrug der Unterschied noch 34 Einkommen.

Um wie viel reicher die Spitze geworden ist, zeigt ein Blick in die „Forbes“-Liste der 400 US-Bürger mit dem größten Vermögen: 2006 waren erstmals alle aufgelisteten Personen Milliardäre, 2015 besaß das durchschnittliche „Forbes“-400-Mitglied 3,9 Milliarden Dollar. Der reichste Amerikaner aus dem Jahr 1982, als die Liste zum ersten Mal erstellt wurde, der Schiffstycoon Daniel Ludwig, käme mit seinem damaligen Vermögen heute selbst inflationsbereinigt nicht einmal mehr unter die Top 60.

Mehr Arme, mehr Reiche

Um die tief greifende Wende besser zu illustrieren, verglichen die Forscher die Städte Goldsboro (North Carolina) und Midland (Texas). Das eine ein alter Knotenpunkt für Eisenbahnlinien und eine Luftwaffenbasis, Midland wiederum eine Stadt mitten in den Öl- und Erdgasfeldern von Texas.

Midlands Mittelschicht schrumpfte, weil die amerikanische Öl- und Gaswirtschaft zwischen 2000 und 2014 einen enormen Aufschwung erfuhr und gestiegene Löhne und Gehälter zahlreiche Menschen in die Oberschicht der Einkommensklassen hoben. Ihr Anteil an der Bevölkerung der Stadt verdoppelte sich in dem Zeitraum von 18 auf 37 Prozent.

In Goldsboro dagegen, wo es keinen Schiefergasboom gibt und die Stadt den Wandel hin zu Technologiezentren wie im neuen Süden der USA nicht schaffte, stieg der Anteil der Erwachsenen, die zur ökonomischen Unterschicht zählen, von 27 auf 41 Prozent. Ein Grund dafür ist auch, dass die Beschäftigung in der Industrie – traditionell das Rückgrat der Mittelschicht – seit 2000 US-weit um 29 Prozent gesunken ist.

Das Haus als Bankomat

Die amerikanische Mittelklasse galt lang als Musterbeispiel für die Welt und die Sage vom Tellerwäscher, der es mit harter Arbeit zum Millionär bringt, als Ansporn für ganze Generationen. In den Boomzeiten der Wirtschaft wurde der amerikanische Traum millionenfach wahr. Später, als das Wachstum abkühlte, konnte man sich deshalb noch viel leisten, weil die Immobilienpreise dank niedriger Zinsen nach oben schossen. Jeder, der sich ein Haus leisten konnte – und auch viele, die es eigentlich nicht konnten (Subprime) –, verwirklichte sich den Traum vom Eigenheim. Mit immer neuen Krediten auf das Haus, dessen Marktwert jedes Jahr stieg, finanzierte man Autos, LED-Fernseher, Urlaube, die Collegeausbildung.

Schon damals, Mitte der 2000er-Jahre, lebte die Gesellschaft in einem (Kredit-)Kartenhaus. Im Jahr 2007 hatte jede US-Familie im Durchschnitt 9000 Dollar Schulden – die Kredite für den Haus- oder Wohnungskauf nicht eingerechnet. 2006 betrug die Sparquote minus ein Prozent – die Menschen gaben also jeden Monat mehr Geld aus, als sie einnahmen.

Doch dank des Immobilienbooms konnte man sich ein recht angenehmes Leben auf Pump finanzieren. Als die Immobilienblase 2007 platzte und die ganze Welt in die Krise stürzte, standen auch viele amerikanische Hausbesitzer vor den Trümmern ihres finanziellen Gebarens: Plötzlich schuldeten sie den Banken mehr Geld, als ihr Haus überhaupt noch wert war. Die Mittelschicht hatte mit den Rückzahlungsraten zu kämpfen, die Subprime-Kreditnehmer verloren gleich reihenweise ihre Häuser.

Die Pew-Studien haben diese Entwicklung mit harten Zahlen untermauert: „Die Folgen der Rezession von 2007 bis 2009 waren so gravierend und die Verluste so hoch, dass nur Familien in den oberen Einkommensschichten im Lauf von 30 Jahren einen Vermögenszuwachs verzeichnen konnten“, schreiben die Autoren.

Die Mittelschicht besitzt heute nur wenig mehr als im Jahr 1983: Damals betrug das durchschnittliche Vermögen (der Wert aller Güter abzüglich der Schulden) einer Mittelschichtfamilie (drei Personen) laut Pew 95.879 Dollar. 2013 waren es 98.000 Dollar.

Bemerkenswert ist der Verlauf über die Jahre, der die „reichen“ Zeiten der Mittelschicht zeigt. Von 1983 bis 2007 stieg das Vermögen dank des Immobilienbooms um 68 Prozent auf durchschnittlich 161.050 Dollar. Nach dem Platzen der Blase sank es rapide, bis es 2010 den Stand von 98.000 Dollar erreichte, auf dem es seither weitestgehend verharrt (in der Oberschicht, wo die Hauspreise einen geringeren Anteil am Gesamtvermögen ausmachen, gab es zwischen 1983 und 2013 eine Verdoppelung auf 650.000 Dollar, in der Unterschicht fiel das Vermögen in diesem Zeitraum laut Pew von 11.500 auf 9500 Dollar).

Aristoteles und die Mittelschicht

Was bedeutet das Schwinden der Mittelschicht für die Gesellschaft? Eine Gefahr, wie Tobias Symanski in seinem Buch „Die Mittelstandsorientierung in der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft“ (Tectum-Verlag) unter Bezug auf Aristoteles Schriften meint.

Wo der Mittelstand reich vertreten sei, bestehen auch die beste Gemeinschaft und die beste Verfassung des Staates, schreibt Symanski. Die Mittelschichten seien diejenigen im Staat, die der Vernunft am leichtesten gehorchen. Sie seien „die Geheimwaffe der Demokratie“. ?

Zahlen

322

Millionen Einwohner haben die USA (Stand Dezember 2015).

53.101

Dollar beträgt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (Stand April 2014). Die USA liegen damit nach den Zahlen des IWF auf Platz neun, Österreich belegt in der Liste Platz elf (48.957 Dollar pro Kopf). Auf Platz eins rangiert Luxemburg mit 110.424 Dollar.

43.585

Dollar beträgt das Haushaltseinkommen in den USA (Median) vor Steuern laut einer Gallup-Umfrage von 2006 bis 2012. Laut dieser Umfrage kam ein österreichischer Haushalt auf 34.911 Euro, Platz eins belegt Norwegen mit 51.489 Dollar.

39,6

Prozent beträgt der Höchststeuersatz, der bei Einkommen ab 415.000 Dollar pro Jahr zur Anwendung kommt. Im Durchschnitt bezahlt ein US-Amerikaner laut Tax Policy Center eine Einkommensteuer in Höhe von 19,8 Prozent auf Bundesebene. Dazu kommen noch lokale Steuern von manchen Gemeinden und manchen Bundesstaaten (zwischen 4,5 und elf Prozent), die aber auf Bundesebene geltend gemacht werden können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2016)

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