„Der Weg ist noch weit, aber es gibt Hoffnung“

Der Afrika-Experte Robert Kappel über übertriebene Erwartungen, die Unterschiede zu Asien und falsche Anreize durch Entwicklungshilfe.

An election officer prepares voting materials for the legislati
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(c) imago/Xinhua Afrika (imago stock&people)

Die Presse: Ist der „afrikanische Traum“ nun endgültig ausgeträumt?

Robert Kappel: Dieser Traum, dass Afrika jetzt rasch aufholen würde, fußte nicht auf starken Realitäten. Denn es war ein Traum, der von der Rohstoffnachfrage und vom Boom Chinas abhängig war. Es war eine übertriebene Erwartung, dass es immer so weitergehen könnte. Das ist jetzt zusammengebrochen. Die Vorstellung, Afrika sei der Zukunftskontinent der Welt, war an den Haaren herbeigezogen. Afrika muss hart kämpfen, um Anschluss zu finden.

Warum hat der Rohstoffboom den Kontinent so wenig vorangebracht?

Das Wachstum durch Rohstoffe hat nur wenig Beschäftigungswirkung. Ein Beispiel: Nigeria hat gewaltige Ölexporte, aber die Ölindustrie beschäftigt dort nur 100.000 von 180 Millionen Einwohnern. Die Rohstoffe werden fast unbearbeitet exportiert, es entsteht keine Wertschöpfung im Land. Es fehlt auch die Verknüpfung zur lokalen Wirtschaft. Das ist aktuell das Hauptthema für viele Länder: Wie bekommt man eine Industrialisierung hin, die Jobs schafft, eine größere lokale Wertschöpfung? Wie lassen sich mehr Unternehmen einbinden, wie können sie sich technologisch entwickeln, mithalten im globalen Wettbewerb?

Also kurz gesagt: Warum schafft Afrika nicht, was in Asien so gut gelungen ist?

Länder, die zu spät kommen, haben eine grundlegend andere Situation. Südkorea, Taiwan und China konnten vor 30, 40 Jahren noch durch staatlichen Schutz und Anreize viele Entwicklungen nachholen, weil die Globalisierung noch nicht so weit fortgeschritten war. Heute könnte das nicht mehr funktionieren, dazu ist die Welt zu globalisiert. Das macht es für die afrikanischen Länder viel schwerer. Sie müssen sich weit mehr anstrengen, um konkurrenzfähig zu sein und in internationale Wertschöpfungsketten reinzukommen. Bangladesch produziert T-Shirts um einen Euro – in Afrika ist das zu solchen Preisen und dieser Qualität gar nicht möglich. Produktionsstandards, Lieferpünktlichkeit – hier fehlt die Erfahrung, das muss alles neu entwickelt werden. Das ist eine Herkulesaufgabe!

Gibt es Staaten, die da schon weiter sind?

Es gibt ein paar Vorzeigeländer, die auch ohne Rohstoffe gewachsen sind, also von innen heraus, wie Ruanda und Senegal. Sie haben in eine nachhaltige Entwicklung investiert. Aber das sind nur wenige. Äthiopien produziert Schuhe und Handtaschen aus Leder, dank ausländischer Investoren, die mit den neuesten Technologien kommen. Die Regierung bringt sie dazu, mit lokalen Unternehmern zu kooperieren. Das kann man auch mit steuerlichen Anreizen machen. Auch für die Autoindustrie in Südafrika stimmen die Voraussetzungen. Aber in vielen Staaten fehlen sie. Dort gibt es keine berufliche Bildung. Für diese Länder bleiben nur Produkte, die es anderswo nicht gibt: Kaffee, Kakao, Palmöl. Aber sogar hier wächst die internationale Konkurrenz.

Was braucht es in Afrika an politischen Rahmenbedingungen?

Man kann heute in vielen Ländern viel leichter ein Unternehmen gründen, etwa in Ruanda. Investoren kommen auf jeden Fall nur, wenn die Eigentumsrechte gesichert sind, wenn es politische Stabilität gibt, keine großen Brüche. Das ist die Grundbedingung.

Die Stabilität hat sich ja verbessert. Auch manche asiatische Staaten waren eher spät dran: Bangladesch, Vietnam, Kambodscha. Sie hatten anfangs auch nur niedrige Lohnkosten zu bieten. Warum haben sie es dennoch besser geschafft, sich in die globalen Wertschöpfungsketten einzuklinken und auch hinaufzusteigen? Wo liegt der Unterschied?

Ganz einfach: in der Produktivität.

(c) Die Presse

Warum bleibt sie in Afrika so niedrig?

Es gibt kaum gute Ingenieure, in manchen Ländern nicht einmal eine technische Universität. Ich habe Tausende Unternehmen gesehen, von Gambia bis Uganda. Da gehen oft die Produktionsschritte überhaupt nicht Hand in Hand. Firmen mit 200 Beschäftigten arbeiten mit einfachsten Geräten, wie in der vorindustriellen Zeit. Wenn da eine Maschine ausfällt, steht die ganze Produktion lang still. Aber es ist auch die Arbeitsqualität schlechter, die Schulung der Mitarbeiter. Es geht dabei auch um Werte, um Arbeitsethos. Es fehlt an Schnelligkeit und Pünktlichkeit. Nicht, weil die Afrikaner das nicht können, das ist ein falsches Argument. Sondern weil sie diese Lernerfahrung bisher nicht gemacht haben. Die Bereitschaft, hochwertig zu produzieren, muss man eben erst lernen. Das musste man auch in Bangladesch und Vietnam. Hier gibt es in Afrika noch einen großen Nachholbedarf.

Was kann Europa tun?

Der Westen sollte weniger durch Entwicklungshilfe intervenieren, das schafft falsche Anreize. Man sollte die Handelsbeziehungen verbessern – nicht nur theoretisch die Märkte öffnen, sondern aktive Unterstützung leisten, damit afrikanische Exporteure auch wirklich nach Europa liefern können. Und vor allem in Infrastruktur investieren. Es gibt in Afrika viel zu wenig Handel und Austausch zwischen den einzelnen Ländern. Die Kosten dafür sind zu hoch. Die Märkte sind erst zu erschließen. Es fehlt an Straßen, Städte sind schlecht verbunden, Dörfer oft abgekoppelt. 60 Prozent der Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität. Wer in diese Bereiche investiert, leistet einen ganz wichtigen Beitrag zur Entwicklung. Da können wir von China lernen.

Chinas Einfluss ist also positiv?

Er ist eher positiv. Rohstoffe gegen Infrastruktur: Das ist eine sinnvolle Zusammenarbeit, eine große Hilfe. Die Chinesen investierten in den vergangenen Jahren wesentlich mehr in Afrika als die Europäer. Auch in Landwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie und Dienstleistungen. Natürlich sind unsere Produkte viel hochwertiger und finden in Afrika weniger Absatz. Und China kann mit seinem Staatskapitalismus leichter strategisch vorgehen. Aber ein wenig können wir schon lernen. Solche Investitionen rentieren sich, man braucht nur einen langen Atem.

Sehen Sie heute wieder Parallelen zur großen Krise der 1980er- und 90er-Jahre?

Das waren Jahrzehnte von politischen Unruhen, von Bürgerkriegen und Kriegen. In der Hoffnung auf dauerhaft hohe Rohstoffpreise hatten sich viele Länder so stark verschuldet, dass sie dann ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Das führte zu massiven Interventionen von IWF und Weltbank, die Strukturanpassungsprogramme auferlegten. Das alles hat zu einer zwanzigjährigen Krise beigetragen, einem wirtschaftlichen Niedergang. Heute beginnen viele Länder neuerlich, sich stärker zu verschulden, und geraten vielleicht wieder in die gleiche Falle. Das ist kein gutes Zeichen, angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums und der stark wachsenden Bevölkerung. Jährlich müssten sieben bis acht Millionen Jobs geschaffen werden, was gar nicht möglich ist. Deshalb bleibt die Bereitschaft, den Kontinent zu verlassen, weiter groß. Das werden wir stark spüren, besonders in Europa.

Kommen die dunklen Zeiten zurück?

Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir in eine Phase der ganz großen Krisen zurückfallen. Eine große Anzahl von Ländern ist heute stabil, sie gelten als sicher. Da sind die Voraussetzungen zehnmal besser als damals, auch im Gesundheitssystem und der Bildung. Was wir oft nicht beachten: Es gibt auf diesem Kontinent heute viel mehr Bereitschaft der politischen und wirtschaftlichen Eliten, etwas zu verändern, vor Ort zu investieren, ihre Länder voranzubringen. Vor allem junge, besser ausgebildete Menschen lassen sich begeistern. Sie engagieren sich, gründen Unternehmen, wissen selbst am besten, was in ihren Ländern möglich ist. Dass Afrika die anderen überholen würde – das war alles Quatsch. Es gibt noch einen weiten Weg zu gehen. Aber es gibt Hoffnung.

ZUR PERSON

Robert Kappel (70) ist ein deutscher Ökonom und einer der führenden Experten zur Wirtschaft Afrikas. Er lehrte an den Unis in Bremen, Leipzig und Hamburg. Von 2004 bis 2011 war er Präsident des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg, wo er bis heute forscht. Kappel beeinflusste die deutsche Entwicklungsökonomie maßgeblich mit. [ Giga/Werner Bartsch ]

Sorgenkinder

Simbabwe heißt Hunger, Inflation und Arbeitslosigkeit

Robert Mugabe regiert das Land seit 1980 diktatorisch. Hunger, Arbeitslosigkeit und Energieknappheit prägen den Alltag der Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist von internationalen Hilfsprogrammen abhängig. Im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen nimmt Simbabwe unter 188 Ländern Platz 155 ein. Mugabes Reformen zogen eine unkontrollierbare Hyperinflation nach sich.

Nigeria befindet sich in einer rasanten Abwärtsspirale

Das Land ist mit seinen Öl- und Gasvorkommen reich an Bodenschätzen. Die Volkswirtschaft ist dennoch sehr schwach. Nachdem der Ölpreis in den vergangenen beiden Jahren stark gefallen ist, befindet sich Nigeria in einer Rezession. Die Abwärtsspirale manifestiert sich in der hohen Inflation, allein 2016 wurde die Währung, Naira, um 18 Prozent abgewertet. Auch die Staatskasse ist leer, drei Viertel der Beamten bekommen derzeit keine Löhne mehr ausgezahlt.

Hoffnungsträger

Ruandas Wirtschaft wächst seit vielen Jahren kontinuierlich

Die Wirtschaft Ruandas befindet sich seit Jahren in einer stabilen Wachstumsphase. In den vergangenen Jahren hat sich in dem ostafrikanischen Staat der Tourismus gut entwickelt. Die Landwirtschaft ist Lebensgrundlage für rund 85 Prozent der Bevölkerung, sie macht etwa 40 Prozent des BIPs aus. Im Vergleich zu anderen Ländern Afrikas hat Ruanda eine gute Infrastruktur und relativ gut geschulte Arbeitskräfte.

Senegal lässt sich demokratische Grundwerte nicht mehr nehmen

Mit seiner neuen Verfassung wurden die rechtsstaatlichen Strukturen des westafrikanischen Staates 2001 gestärkt. Grundlegende Freiheitsrechte wie Religions-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sind weitgehend gewährleistet. Wie wichtig dem senegalesischen Volk die Demokratie ist, hat sich 2012 gezeigt, als es Präsident Abdoulaye Wade abgewählt hat. Er hat versucht, sich mit einer fragwürdigen Verfassungsänderung zum dritten Mal wählen zu lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)

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