„Es fehlt Technologie-Außenpolitik“

Noch nie wurden so viele Firmen fusioniert wie in jüngster Zeit. Immer öfter greifen Staatsfonds nach Zukunftstechnologien, sagt der deutsche M&A-Forscher Stephan Jansen.

Panamera-Produktion mit Kuka-Robotern
Panamera-Produktion mit Kuka-Robotern
(c) APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas (Jan Woitas)

Die Presse: Es werden Firmen fusioniert und aufgekauft, was das Zeug hält. Besonders China griff eifrig zu. Wovon zeugt das?

Stephan Jansen: Wir konnten geschichtlich sechs Übernahmewellen feststellen. Die jetzige, siebente, ergibt ein Rekordhoch. 2015 haben wir 86.000 Übernahmen im Wert von sechs Billionen Dollar weltweit gezählt – um 1,3 Bio. Dollar mehr als 2014 und um zwei Bio. Dollar mehr als im Jahr 2008, in dem die vorherige Welle geendet hat. 2016 sahen wir gegenüber 2015 einen leichten Rückgang, in den deutschsprachigen Ländern allerdings nicht. Deutschland verzeichnete ein Plus von einem Drittel.

Wie erklärt man sich das Entstehen solcher Wellen?

Durch Regulierungen und industrielle Konsolidierungen. Bei diesen gibt es eine zumeist große Transaktion, dann setzt der „Deals are driving deals-Effekt“ ein: Nach einer Konzentration sehen sich die Dritten und Vierten einer Branche, die runtergerutscht sind, zur weiteren Konsolidierung genötigt.

Offenbar zu immer horrenderen Milliardenbeträgen.

Bei den Prämien (Aufgelder auf den Börsenwert, Anm.) zeigt sich, dass sie in der Anstiegsphase einer Welle gering sind, innerhalb der Welle dramatisch steigen – so wie in jüngster Zeit. Und das ist ein Indiz dafür, dass sich die Welle abschwächt. Gegen Ende einer Übernahmewelle sind die Käufer oft überhoffnungsvoll. Da werden die Prämien in der Regel nicht mehr hereingespielt. Die Ernüchterung folgt später – fast immer mit volkswirtschaftlichen Krisen.

Es sei denn, die Synergien rechtfertigen den Aufpreis.

Ja – aber das ist ja die Zaubervokabel wie in der Ernährungswissenschaft die Kalorie: Keiner hat sie gesehen, aber am Ende macht sie dick. Wir haben die Kostenmerger und die Wachstumsmerger der jüngsten Wellen isoliert analysiert und gesehen: Kostenmerger rechnen sich nicht. Die Integrationskosten, die man braucht, um die Einsparung zu realisieren, sind zu hoch. Die Wachstumsmerger hingegen zielen klar auf Wachstumsstrategien ab. Das wird bei den Käufen durch Schwellenländer besonders sichtbar. Sie entwickeln sich in der Regel besser als die anderen Industrieteilnehmer, weil sie gleichzeitig als Käuferland auch noch ihren eigenen Markt mit aufmachen.

Wann ging die aktuelle, die siebente Mergerwelle los?

So ab 2010 nach dem doch sehr starken Wirtschaftsrückgang aus der Finanzmarktkrise. Die Niedrigzinspolitik war ein massiver Treiber, da es günstig war, die M&A-Deals fremdzufinanzieren. Faktum ist: Die BRIC-Staaten sind auf dem globalen M&A-Markt aktiver bis aggressiver geworden. Und inzwischen kamen die unter dem Akronym CIVETS-Staaten laufenden Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei, Südafrika hinzu, die die nächste Kaufwelle aus Schwellenländern tragen könnten.

Welcher Trend zeichnet sich noch ab?

Einer, der medial ignoriert wird: Es sind die Käufe durch Staatsfonds. Es gibt über 75 Staatsfonds, die als Käuferfonds strukturiert sind. Und im Unterschied zu früheren Spekulationsprojekten etwa durch Hedgefonds geht es bei den Staatsfonds auch um eine strategische Anlagepolitik von Nationalstaaten. China ist hier besonders auffällig.

Wie auffällig?

Seit China vor zehn Jahren als internationaler Käufer aufzutreten begann, hat es an Kompetenz massiv zugelegt. Früher haben die Chinesen vorwiegend alte europäische Marken gekauft, unter denen sie dann mit chinesischer Technologie produziert haben. Jetzt gehen sie zunehmend auf Zukunftstechnologien, die sie auf dem Heimmarkt etablieren wollen. Die gekauften Firmen wollten ja ohnehin nach China. Die Chinesen finanzieren also gewissermaßen die Marktexpansion.

Also eine Win-win-Situation. Oder vielleicht doch nicht?

Betriebswirtschaftlich sind die Übernahmen kein Problem, aber hinsichtlich der nationalstaatlichen Interessen an Zukunftstechnologien und Wettbewerbsfähigkeit müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass im Bereich Robotik, Maschinenbau und Automotive insbesondere Zukunftstechnologien verkauft werden.

Ist Europa darauf vorbereitet, seine Interessen zu wahren?

Der Staat muss sich fragen, was an industriellen Innovationen und Technologien behalten werden kann. Uns fehlt in Europa eine systematische Innovations- und Technologieaußenpolitik. Übrigens thematisiert man auch die Monopolisierungstendenzen im digitalen Raum der Shared Economy kaum. Diese Firmen kaufen ja nichts, die sind einfach Monopole. Uber, Airbnb, eBay, Amazon.

Europa reagiert hier also, anstatt aktiv zu werden.

Außerhalb Europas ist man proaktiver. Nehmen Sie Japan: Dort gibt es ein Ministerium, das nur dazu da ist, weltweit nationalstaatliche wirtschaftliche Entwicklungen und die dortigen relevanten Unternehmen für strategische Zukäufe zu beobachten. In Europa bestehen große Paradoxien: Deutschland hat noch sehr lang Entwicklungshilfe nach China gezahlt, als China bereits in Afrika strategisch seltene Erden eingekauft hat.

Ist angesichts von Industrie 4.0 und der wirtschaftlichen Weichenstellungen für Europa die siebente M&A-Welle eine Gefahr?

Ja, auch weil die Apples und Googles in der Regel mit enormen Kriegskassen Softwarebuden und damit Zukunfts- und Softwaretechnologien zusammenkaufen. Daher werden perspektivisch jetzt Cross-Industrie-Transaktionen relevanter – etwa, dass die deutsche Maschinenbau- und Robotikindustrie sich selbst aktiver in digitale Geschäftsmodelle einkauft, um diese dann selbst durchzuführen.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Situation der Nachfolge in Familienbetrieben, die ja auch zu Objekten der Übernahme werden?

Wir müssen das in der Tat stärker im Auge behalten, denn durch ihre gewöhnlich starke Eigenmittelausstattung sind sie sehr interessante Kaufobjekte, weil man mit ihnen durch viel Fremdkapital riesige Wachstumssprünge realisieren kann. Die Zahl der zu übergebenden Unternehmen ist hoch. Es ist also eine ziemlich aufgestaute Welle, die da auf uns wartet.

Sehen sich die europäischen Unternehmen zu wenig um in der Welt?

Das kann man schon sagen. Wir Deutschen kaufen etwa gern österreichische Firmen wie auch umgekehrt, auch ein bisschen in der Schweiz, und dann kommen die USA. Das sind aber keine strategischen, technologischen und wettbewerblichen Entscheidungen, sondern kulturelle, sprachliche. Die Jugend in den Schwellenländern ist internationalisierungserfahrener als unsere Austauschstudenten.

Kann man am M&A-Markt künftige Entwicklungen ablesen?

Eindeutig. Der M&A-Markt ist ein Seismograf für Interessen, für Strategie, für Kapitaleinsätze, für Regulierung der Länder.

Was tun? Nicht hysterisch sein, aber etwas hellhöriger und proaktiver?

Absolut. Hysterie ist allerdings nicht nötig. Sonst müssten wir ja längst hysterisch sein, wenn wir ansehen, wem die österreichischen und deutschen Unternehmen eigentlich gehören. Nehmen Sie die Aufregung um den Bayer-Zukauf bei Monsanto. Und dann stellt sich heraus, dass der deutsche Aktionärsanteil an der Bayer AG nur noch rund 20 Prozent betrug. Was die Gesellschaft braucht, ist Finanzalphabetisierung, um zu verstehen, wie das kleine ABC der Börse und das große ABC der Weltwirtschaft geht.

ZUR PERSON

Stephan A. Jansen ist Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an der Karlshochschule in Karlsruhe. Sein Fachgebiet ist unter anderem internationales Fusionsmanagement. Jansen hat zu diesem Thema mehrere Bücher publiziert. Der 46-Jährige leitete bis 2003 das Institute for Mergers & Acquisitions an der Universität Witten/Herdecke.

Laut Jansen sind wir in einer Übernahmewelle, der siebenten seit Ende des 19. Jahrhunderts. Hinter der jüngsten Welle stecken oft strategische Ziele – etwa Zukunftstechnologien, meint Jansen. [ Archiv ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)

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