Handel: „Sind keine Billiglohnbranche mehr“

Trotz Umsatzwachstums ist die Freude im Handel verhalten. Die Steuerreform sei nicht angekommen. Man hofft auf das neue Regierungsprogramm.

Two women shopping for clothes in a boutique model released Symbolfoto property released PUBLICATION
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Jahresbilanz: Der Handel plätschert dahin – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Wien. „Von den großen Sprüngen werden wir uns verabschieden müssen.“ Peter Buchmüller klingt leicht resigniert. Vor etwas mehr als einem Monat versammelte der Handelsobmann der Wirtschaftskammer (WKO) bereits die Medien um sich, um eine sehr ähnliche Weihnachtsbotschaft zu verkünden. Positiv formuliert lautete diese: Das Geschäft mit dem Fest blieb stabil. Negativer gesagt: Es stagnierte das dritte Weihnachten in Folge. Und dass es nicht ganz an Boden verlor, war nur dem Onlinehandel zu verdanken, fügte Ernst Gittenberger, Chef der KMU Forschung Austria, der die Handelssparte mit ihren Konjunkturzahlen versorgt, damals ehrlich hinzu.

Eine ähnliche Stimmung war nun beim Rückblick auf 2016 zu spüren: Man begnügt sich mit dem Ergebnis des abgeschlossenen Jahres, Luftsprünge macht man seinetwegen keine. Dabei fällt der Trend auf den ersten Blick positiv aus: Seit 2011 konnten sich die Umsätze im Einzelhandel wieder deutlich erholen. Inflationsbereinigt lag das Wachstum 2016 bei 0,6 Prozent. Fünf Jahre zuvor schrumpfte es noch um 1,7 Prozent.

Höhere Umsätze bedeuten aber naturgemäß nicht automatisch mehr Gewinn. Vor allem, wenn man beachtet, dass die durchschnittlichen Verkaufspreise im Einzelhandel seit 2011 stets schwächer als die Inflation zugelegt haben. „Der Einzelhandel ist keine Branche, in der Sie enorm gut verdienen. Die Erträge entwickeln sich nicht mit“, so Buchmüller.

Rabattschlacht drückt Preis

Gittenberger führt das auf die wachsenden Zahl an Rabattaktionen vor allem bei Lebensmitteln, Kosmetika und Elektronik zurück. Dazu komme der Druck der internationalen Onlineanbieter, mit deren Angeboten die heimischen Händler mithalten müssen. „Die Durststrecke ist überwunden“, schätzt Marcus Scheiblecke vom Wifo die Entwicklung des Einzelhandels deutlich positiver ein. Er schließt sich der Statistik Austria in ihren vorläufigen Zahlen an. Sie hatte für den Handel im November ein zwischenzeitliches reales Umsatzwachstum von 1,1 Prozent verkündet.

Nach Hinzurechnung des Weihnachtsgeschäfts hält Scheiblecker für 2016 ein Wachstum von 1,5 Prozent für „sehr plausibel“. Damit sind Wifo und Statistik Austria in ihren Berechnungen wieder einmal deutlich optimistischer als die Branchenvertreter in der WKO. Dennoch betont auch Scheiblecker: „Das Ergebnis ist für 2016 fast ein wenig enttäuschend.“ Vom Zuzug und der Steuerreform hätte die Branche weitaus stärker profitieren können. „Aber offensichtlich ist die Reform nicht so sehr im Einzelhandel angekommen.“

Der Meinung ist auch Gittenberger: Die steigenden Konsumausgaben wären nicht in den Einzelhandel, sondern in Autokäufe, Mieten und Restaurantrechnungen geflossen. Sofern das Geld nicht direkt am Sparbuch deponiert wurde.

Plan „nicht ganz ausformuliert“

Mit dem am Montag präsentierten wirtschaftspolitischen Plan der Koalitionspartner ist Buchmüller zufrieden. „Noch nicht ganz ausformuliert“ nennt er das geplante Vorgehen gegen die Steuervermeidungstaktiken internationaler Konzerne. Aber man freue sich über Rückendeckung im langjährigen Kampf gegen Onlineriesen wie Amazon oder Zalando, auf deren ausländische Konten der Großteil des Onlinegeschäfts abfließt. Auch von den angekündigten Plänen zur Abschaffung der kalten Progression und Investitionsförderungen verspricht sich der Handelsobmann „Aufschwung“.

Und die von ÖVP und SPÖ an die Sozialpartner weitergespielte Forderung nach einem flächendeckenden Bruttomindestlohn von 1500 Euro? Bei der Debatte sei der Einzelhandel völlig außen vor, erwidert Buchmüller. Wie zum Beweis zieht er die Kollektivvertrags-Tabellen hervor. Das Gehalt eines Arbeiters beginne bei 1528 Euro, das eines Angestellten bei 1546 Euro brutto. Das solle man einmal mit den Löhnen in der Gastronomie oder der Hotelerie vergleichen, sagt Buchmüller. „Wir sind keine Billiglohnbranche mehr.“


[NAHV1]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2017)

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