Geigen, Bögen und die EU

Die Beziehung zwischen einem Musiker und einem Geigenbauer ist wie jene zwischen einem Patienten und einem Arzt − die Grundlage ist Vertrauen.

Walter Neubauer in seiner Geigenbauwerkstatt beim Wiener Stadtpark. Unter anderem betreut er die unweit angesiedelten Symphoniker.
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Walter Neubauer in seiner Geigenbauwerkstatt beim Wiener Stadtpark. Unter anderem betreut er die unweit angesiedelten Symphoniker.
Walter Neubauer in seiner Geigenbauwerkstatt beim Wiener Stadtpark. Unter anderem betreut er die unweit angesiedelten Symphoniker. – (c) Clemens Fabry

Zu einem Fixpunkt an einem klassischen Einkaufsnachmittag zählt eine Geigenbauwerkstatt eher nicht. Zufällig verirren sich wohl auch nur wenige zu einem Geigenmacher. Aber dennoch haben viele eine konkrete Vorstellung, wie es bei einem Geigenbauer aussehen könnte. Eine große Werkbank, traditionelle hölzerne Wandverkleidung und natürlich Geigen, Celli und Bässe in jedem Eck. Und genau so ist es, zumindest in Walter Neubauers Geigenbauwerkstatt. Der 55-Jährige betreibt seit 1997 ein Geigenbaugeschäft beim Wiener Stadtpark, unweit von den bekannten Konzertsälen der Stadt, wie dem im Konzerthaus, dem Musikverein und der Oper.

Tendenziell nimmt die Zahl der Handwerksunternehmen und Meisterbetriebe ab. Diese Entwicklung ging an der Geigenbauerbranche allerdings gänzlich vorbei. Ganz im Gegenteil – seit Österreich im Jahr 1995 der Europäischen Union beigetreten ist, hat sich die Anzahl der Geigenbauer sogar vervielfacht. Zahlen der Wirtschaftskammer Wien zufolge gab es Anfang der 1990er-Jahre in der Bundeshauptstadt nur etwa zehn Geigenbauer, mittlerweile sind es 47 und drei spezialisierte Bogenbauer. Speziell aus Deutschland haben sich seit dem EU-Eintritt viele Geigenbauer angesiedelt. In Deutschland ist die Dichte der Geigenmacher im Verhältnis noch weit höher als in Österreich. Besonders Wien und Salzburg waren daher geeignete Ausweichorte.

Ein konstantes Geschäft. Die Menge der Anbieter hat in diesem Fall allerdings nichts mit der Nachfrage zu tun. „Der Geigenmarkt ist ein Nischengeschäft, es wird nicht viel mehr, dafür aber auch nicht weniger“, sagt Walter Neubauer. Sein Kerngeschäft ist jedoch nicht der Bau von Geigen, sondern die Reparatur und Instandhaltung. Der Geigenbau selbst „läuft nur nebenbei mit“. Es bleibe einfach nicht genügend Zeit, um sich mehr darauf zu konzentrieren.

Rund vier Wochen dauert es, bis eine Geige fertig gebaut ist. Die Lackierung bedarf weiterer ein bis zwei Monate – pro Tag jedoch nur noch circa eine Stunde. Zu den Klassikern im Reparaturgeschäft zählt das Nachjustieren und Austauschen des Stimmstocks oder des Steges. „Die Position des Stimmstocks und des Steges spielt für das Klingen der Violine eine essenzielle Rolle. Eine Verschiebung um nur einen halben Millimeter kann den Klang bereits entscheidend verändern“, erklärt Neubauer. Der Steg ist jenes Fichtenstück, das die Saiten hebt und die Schwingung auf die Decke und den Boden der Geige überträgt.

Zusätzlich hat sich Neubauer auf Bogenbehaarungen spezialisiert. Das Pferdehaar eines Bogens spielt sich mit der Zeit ab und greift nicht mehr richtig. Daher muss ein Profi seinen Bogen alle drei bis vier Monate neu behaaren lassen. Von der geografischen Nähe zu den berühmten Wiener Orchestern profitiert Neubauer natürlich: „Ich betreue beispielsweise die Symphoniker, und auch Mitglieder der Philharmoniker vertrauen mir regelmäßig ihre Instrumente an.“ Neben professionellen Orchestermusikern zählen auch Geigenschüler, Lehrer und private Musiker zu seinen Kunden. Neubauers drittes Geschäftsfeld ist der Handel mit Instrumentenzubehör wie Saiten, Bögen oder Instrumentenkoffer. Bau und Reparatur sind seit Jahren stabile Geschäftsfelder, wie viele andere Branchen leidet der Geigenhandel jedoch unter dem Versandhandel im Internet. „Es haben sich ein paar große Versandhäuser etabliert, die kleine Fachgeschäfte wie meines mit Schleuderpreisen unterbieten. Mit diesen Preisen kann ich unmöglich mithalten, das macht sich beim Umsatz bemerkbar“, sagt der Geigenbaumeister.

Die Beziehung zwischen einem Geigenbauer und einem Musiker ist etwas ganz Spezielles. „Es ist vergleichbar mit einer Beziehung zu einem Arzt – als Geigenmacher bist du eine Vertrauensperson. Man kann immerhin sehr viel kaputt machen“, sagt Neubauer. Ein guter Ruf und fehlerfreie Arbeit sind essenzielle Voraussetzungen für diesen Beruf. Deshalb ist Mundpropaganda eines seiner wichtigsten Marketinginstrumente. Es kommt regelmäßig vor, dass Neubauer Geigen anvertraut werden, die mehrere 100.000 Euro wert sind. Für solche Fälle hat er die Möglichkeit, eine kurzfristige Zusatzversicherung abzuschließen. „Es ist immer eine heikle Sache mit derart wertvollen Instrumenten. Am liebsten habe ich sie schnell wieder außer Haus.“

Die Ausbildung zum Geigenbauer hat Neubauer im Jahr 1980 bei dem bekannten Wiener Geigenbauer Anton Jirowsky III begonnen. Die Meisterprüfung legte er in weiterer Folge im Betrieb seines Vaters ab, der selbst Geigenbauer war und eine Werkstätte in der Nähe des Ronachers betrieben hat. 1997 ging sein Lehrmeister in Pension und bot Neubauer die Übernahme seiner ehemaligen Lehrstätte an. „Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, deshalb gab es für mich nie Zweifel, ob ich dieses Angebot annehmen sollte. Außerdem gefiel mir der Gedanke, zu meinen Wurzeln zurückzukehren“, erzählt Neubauer.

100 Jahre sind perfekt

Immer wieder werden Geigenmacher nach dem Zusammenhang von Alter, Preis und Klang einer Geige gefragt. Eine Faustregel besagt, das ideale Alter für eine Geige betrage rund 100 Jahre. Es kommt allerdings maßgeblich darauf an, ob sie regelmäßig gespielt wurde. Guter Klang entwickelt sich dadurch, dass die Violine immer wieder in Schwingung versetzt wird. Deshalb stehen ein große Namen wie Stradivari, Guarneri oder Amati nicht automatisch für einen einwandfreien Klang. Neubauer vertritt jedoch die Meinung, dass gegen ein neues Instrument nichts einzuwenden sei, solange es „ehrlich und gewissenhaft“ gebaut ist. Er selbst spielt seit seiner Jugend Geige. Heute findet er jedoch kaum noch Zeit dafür. Außerdem sei es für einen Geigenbauer zwar hilfreich, selbst spielen zu können – unbedingt notwendig sei es aber nicht.

Geigenbau

Vor 20 Jahren hat Walter Neubauer das Geigenbaugeschäft am Wiener Stadtpark übernommen.

Die Reparatur und Instandhaltung von Geigen ist sein eigentliches Kerngeschäft.

1, Lothringerstraße 11, geöffnet von Mo bis Do 13.00−18.00 Uhr Tel.: 01/718 10 58

www.neubauer-geigenbau.com

Auf Behaarungen von Geigenbögen hat er sich spezialisiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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