Russlands Dilemma mit dem Rubel

Seit 2014 wertete der Rubel drastisch ab. Nun ist die Währung plötzlich so stark wie lange nicht. Anderen Schwellenländern ergeht es ähnlich. Aber warum ist Moskau panisch?

Mit dem Rubel ging es zuletzt wieder bergauf. Nicht alle sind darüber froh.
Mit dem Rubel ging es zuletzt wieder bergauf. Nicht alle sind darüber froh.
Mit dem Rubel ging es zuletzt wieder bergauf. Nicht alle sind darüber froh. – (c) imago/ITAR-TASS

Wien/Moskau. Man weiß in Moskau nicht so recht, ob man sich freuen soll. Grundsätzlich ist ja alles, was nach Stärke klingt, Balsam auf die Seele der Russen. Umso mehr alles, was eine wirtschaftliche Erholung nach zwei Jahren Rezession signalisiert und bestätigt.

Da kann auch die Nachricht, dass der Rubel im ersten Quartal zu den drei populärsten Schwellenländerwährungen zählte und entsprechend erstarkte, nicht emotionslos vorbeigehen. Um 7,7 Prozent legte er gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn zu. Stärker entwickelten sich nur der mexikanische Peso und der südkoreanische Won.

 

Divergierende Sichtweisen

Und dennoch ist die Freude in Moskau nicht ungetrübt. Zwar ist man sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass der Rubel durch den Ölpreisverfall, die westlichen Sanktionen und die strukturelle Wirtschaftskrise von Herbst 2014 bis Jänner 2016 um über 50 Prozent – sprich ungleich mehr als andere Schwellenländerwährungen – abgewertet hatte und dadurch mehr Aufwärtspotenzial besaß. Aber der Umstand, dass der Rubel innerhalb eines guten Jahres von damals 83,59 Rubel je Dollar in der Vorwoche auf 55,96 Rubel je Dollar angestiegen ist und damit rasant ein Niveau erreicht hat wie zuletzt Anfang Juli 2015, ruft eben auch Besorgnis hervor.

Vor allem das Finanzministerium ist damit unzufrieden, schließlich war die Rubelschwäche eine Möglichkeit, das Budget zu retten, obwohl die Dollareinkünfte aus dem Ölverkauf ölpreisbedingt eingebrochen sind. Das Umwechseln der Dollareinkünfte in den schwachen Rubel nämlich ergab formal eine große Summe, die mit den inländischen Rubelausgaben besser mithalten konnte.

Aktuell jedoch steht Russland vor dem Phänomen, dass sich der Rubelkurs von seiner traditionell starken Abhängigkeit vom Ölpreis gelöst hat. Der Effekt des Ölpreises auf den Rubel habe um zwei Drittel nachgelassen, erklärte Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina. Das Ergebnis: Der Ölpreis ging in den vergangenen Wochen zurück, der Rubel aber wurde sogar stärker. Der Rubel ist um zehn bis zwölf Prozent überbewertet, sagte denn auch Finanzminister Anton Siluanov.

Gewiss, nicht alle teilen Siluanovs Sorge. Besagte Nabiullina etwa. Sie ist allerdings von anderen Motiven geleitet. Ihr Hauptziel ist, die historisch hohe Inflation heuer auf vier Prozent zu senken. Daher geht sie auch bei der Senkung des Leitzinses nur sehr zögerlich vor. Zuletzt hat sie ihn im März von zuvor zehn auf 9,75 Prozent verringert. Ähnlich wie in anderen Schwellenländern geht die Inflation stärker zurück als der Leitzins. Das bringt höhere Realrenditen und stärkt eben auch die Währung. Längst strömen auch die sogenannten Carrytrader in die Schwellenländer, die mit der Zins- und Währungskursdifferenz zu entwickelten Staaten spekulieren.

 

Angst um Importsubstitution

Das treibt in Moskau freilich nicht nur Siluanov die Sorgenfalten ins Gesicht. Die Rubelschwäche – in Kombination mit dem Importverbot für westliche Agrarprodukte – hatte nämlich in den vergangenen zweieinhalb Jahren auch zu einer signifikanten Verringerung des Imports geführt, weil sich dieser plötzlich auf das Doppelte verteuert hatte. Im Inland gewann dadurch die Entwicklung der eigenen Produktion an Fahrt. Selbst der Export aus Russland wurde in manchen Segmenten interessant.

Auch um diese Effekte fürchtet der Staat nun. Im Februar ließ das Finanzministerium daher zum ersten Mal seit über zwei Jahren wieder auf dem Devisenmarkt intervenieren und kaufte Dollar auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2017)

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