Wie es mit der Armut weitergeht

Jede Minute befreien sich 66 Menschen aus bitterer Armut, zeigt die „World Poverty Clock“ der WU und des Wiener World Data Lab. Die UNO will das Übel bis 2030 ganz besiegen. Dafür reicht das Tempo aber nicht aus.

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Die Armutsentwicklung.
Die Armutsentwicklung. – (c) Grafik - Die Presse

Wien. Es schmerzt, es ist bitter, es ist wichtig – und doch war das Thema bisher schwer zu greifen: 650 Millionen Menschen leben immer noch in bitterer Armut, das sind neun Prozent der Weltbevölkerung. Wir wissen zwar: Es geht in die richtige Richtung, die Zahl nimmt ab. Aber wird es möglich sein, das Übel bis zum Jahr 2030 ganz zu besiegen, wie es die UNO als erstes und oberstes ihrer Entwicklungsziele fordert?

Die WU hat zusammen mit dem Wiener „World Data Lab“ ein Prognosetool entwickelt, das diese Frage nach heutigem Stand beantwortet und die Entwicklung auch für Laien anschaulich macht.

Jede Minute befreien sich 66 Menschen weltweit aus der bitteren Armut. Das zeigt die laufend aktuell gehaltene „World Poverty Clock“, die gestern in Berlin erstmals präsentiert wurde. Als extrem arm gilt, wer mit weniger als 1,90 Dollar (rund 1,75 Euro) pro Tag auskommen muss (gemessen in den Preisen von 2011, kaufkraftbereinigt). Die Dynamik ist aber je nach Weltgegend ganz unterschiedlich: In Asien sinkt die Zahl der Ärmsten jede Minute um 77, in Afrika aber steigt sie um zwölf.

Die „Armutsuhr“ zeigt nicht nur den aktuellen Stand für jedes Land, sondern bietet auch eine Prognose bis 2030. Das ernüchternde Fazit: Ohne zusätzliche Maßnahmen wird es auch in 13 Jahren noch 480 Millionen Bitterarme geben. Trotz des Rückgangs um rund ein Viertel sind immer noch 5,6 Prozent der dann 8,5 Mrd. Menschen auf der Erde betroffen – also bei weitem kein vollständiger „Sieg“. Woran liegt es?

 

Afrika bleibt zurück

Das aktuelle Tempo des Rückgangs, das wir ähnlich auch aus den letzten Jahren kennen, ist kaum zu halten. Die größten Fortschritte gibt es nämlich, wenn ein Staat den Sprung vom Entwicklungs- zum Schwellenland schafft und dabei auch von den technologischen Fortschritten der Ersten Welt profitiert. Das gelang in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen Asiens und Lateinamerikas, vor allem natürlich in China.

Der aktuelle Treiber ist Indien: Der Subkontinent ist zurzeit noch das Land mit der absolut höchsten Zahl an Bitterarmen. Aber bis 2030 wird die extreme Armut dort Geschichte sein, wie heute schon in China. Diese „Erfolgsstory“, die sich aus den Zahlen herauslesen lässt, hat WU-Professor Jesus Crespo Cuaresma „am meisten beeindruckt“. Aber der Ökonom warnt vor zu viel Euphorie. Denn die meisten anderen Staaten Asiens werden das UN-Ziel schon 2020 erreicht haben (absehen von den „Problemfällen“ Afghanistan und Nordkorea). Dann aber bleibt im wesentlichen nur noch Afrika, wo sich die Lage nur sehr langsam verbessert. Genauer gesagt: aktuell gar nicht, weil die Zahl der Ärmsten dort in Summe sogar steigt.

Das sollte sich erst im nächsten Jahrzehnt ändern, wenn die stärkeren Investitionen in die Schulbildung der Kinder in vielen Staaten zu greifen beginnen. Zudem kämpft Afrika südlich der Sahara immer noch mit extrem hohen Geburtenraten. Die Folge: Die Länder mit den meisten Armen werden 2030 voraussichtlich Nigeria und der Kongo sein.

 

Daten aus vielen Quellen

Wie aber kommt das Team zu seinen Zahlen? Basis sind aktuelle Prognosen zum Wirtschaftswachstum der Jahre bis 2021 (vom IWF) und der erwarteten demografischen Entwicklung (von der UNO). Das BIP pro Kopf reicht aber für die Analyse der Armut nicht aus. Dazu braucht es noch Daten über die Verteilung von Einkommen und Konsum, die vor allem von der Weltbank kommen. Bleibt noch das Wirtschaftswachstum für die Jahre ab 2022 abzuschätzen. Auch für sie gibt es Langfristprognosen, die bereits die Klimaforscher in ihren Modellen verwenden. In sie fließen Schätzungen ein, wie sich die Produktivität eines Landes entwickelt und wie rasch sich Innovationen verbreiten, differenziert nach Altersklassen und Bildungsschicht.

Eine Fülle an Daten also, die in dieser Form bisher noch nie verknüpft worden sind. So lässt sich die globale Armutsdynamik erstmals abbilden. Für Crespo Cuaresma ist das aber „hoffentlich nur ein erster Schritt“. Der Ökonom will sein Modell künftig nicht nur mit wahrscheinlichen Szenarien „füttern“, sondern auch „Effekte von Maßnahmen simulieren“, etwa in der Bildungs- oder Wirtschaftspolitik. Damit bei der Bekämpfung der Armut doch mehr gelingt, als heute schon abzusehen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)

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