Statistik

Zwei-Klassen-Gesellschaft der Mieter

Seit 2012 sind die Kosten für Mietwohnungen im Schnitt um 14,3 Prozent gestiegen. Betroffen sind davon vor allem neue Mieter. Wer schon lange mietet, zahlt per Gesetz viel weniger.

Wien. Wohnen wird immer teurer. Die Kosten für Mietwohnungen sind in den vergangenen fünf Jahren österreichweit um 14,3 Prozent gestiegen. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Erhebung der Statistik Austria hervor. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich die Haushaltseinkommen allerdings nur um sechs Prozent. Besonders teuer sind private Wohnungen. Hier kam es zwischen 2012 und 2016 zu einem Preisanstieg von 15,7 Prozent. Doch selbst bei Genossenschafts- und Gemeindewohnungen stellte die Statistik Austria eine Verteuerung um 11,6 Prozent fest.

Seit Jahren streiten SPÖ und ÖVP über eine Reform des Mietrechts. Die ÖVP fordert unter anderem höhere Mieten beim Eintritt in Altverträge, die SPÖ steht hier auf der Bremse. Die ÖVP will sich zudem für die Schaffung von Wohnungseigentum einsetzen.

Tatsächlich zeigt ein EU-Vergleich, dass in kaum einem anderen Land der Anteil der Bevölkerung, die in einer Mietwohnung leben, so hoch ist wie in Österreich. Schuld daran ist die Situation in Wien. Hier liegt die Eigentumsquote bei 19 Prozent. In Niederösterreich sind es 62 Prozent und im Burgenland 71 Prozent.

 

Viele Gemeindebauten

In Wien macht sich die Dominanz des sozialen Wohnbaus bemerkbar. Laut Statistik Austria gibt es in Wien 690.900 Hauptmietwohnungen. Davon entfallen 31 Prozent auf Gemeindewohnungen und 26 Prozent auf Genossenschaftswohnungen.

Doch warum finden trotzdem so viele Menschen in Wien keine günstige Wohnung? Dies hängt unter anderem mit den Altverträgen zusammen. So liegen bei Neuvermietungen die durchschnittlichen Mietkosten österreichweit bei 8,9 Euro pro Quadratmeter (6,8 Euro für die Miete und 2,1 Euro für die Betriebskosten). Kaum ein anderes Bundesland verzeichnet eine so starke Zuwanderung wie Wien. Daher sind in Wien die Wohnkosten höher. Laut Statistik Austria kommt man in Wien bei Neuvermietungen auf durchschnittliche Mietkosten von zehn Euro pro Quadratmeter (7,6 Euro für die Miete und 2,4 Euro für die Betriebskosten).

Auf der anderen Seite stehen die Inhaber von Altverträgen. Wer 30 Jahre oder länger in einer Wohnung lebt, kann sich österreichweit über Mietkosten von fünf Euro pro Quadratmeter (3,1 Euro für die Miete und zwei Euro für die Betriebskosten) freuen.

Laut Statistik Austria besteht bei 23 Prozent der Gemeindewohnungen ein Mietverhältnis von 30 Jahren und länger. Dabei dürfte es sich vor allem um ein Wiener Phänomen handeln, denn in Wien ist der Anteil der Gemeindebauwohnungen besonders hoch. „In Wien werden nicht nur Gemeindebauwohnungen, sondern auch private Wohnungen auf Jahrzehnte unter dem Marktpreis vermietet“, kritisiert Wolfgang Louzek, Präsident des Verbandes der institutionellen Immobilieninvestoren, im „Presse“-Gespräch. Er spricht in diesem Zusammenhang vom „Wohnadel“.

 

Mietrecht schützt Wohnadel

Gemeint sind Menschen, die in die günstigen und lang bestehenden Mietrechte (auch Friedenszins genannt) eines Verstorbenen eintreten können wie Kinder und Lebensgefährten. Schuld daran sei laut Louzek der strenge Mieterschutz. So sei es beispielsweise möglich, dass ältere Menschen zu einer besonders günstigen Miete in einer großen Wiener Altbauwohnung leben.

Das an der gleichen Adresse gemeldete Enkelkind könne später – unabhängig von seinem Einkommen – zu gesetzlich limitierten Konditionen einsteigen. Ähnlich sei die Situation im Gemeindebau. „Beim Eintritt in Altverträgen sollten die Regeln verschärft werden“, sagt Louzek. Er hält es für unredlich, dass die SPÖ immer wieder den privaten Mietmarkt dafür verantwortlich macht, dass sozial Bedürftige so schwer eine für sie leistbare Wohnung finden. Denn das derzeitige Mietrecht schütze den Wohnadel. Louzek: „Würde in Österreich generell eine ganz normale marktgerechte Miete bezahlt werden, wie fast überall in Europa, und Altmieten langsam aber beständig an eine normale Miethöhe herangeführt werden, dann hätten auch junge und sozial bedürftige Menschen eher die Chance, günstige Mietwohnungen zu finden.“

AUF EINEN BLICK

Die Mietkosten sind in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Laut Statistik Austria gab es zwischen 2012 und 2016 österreichweit einen Preisanstieg von 14,3 Prozent. Auch die Mietkosten (inklusive Betriebskosten) in Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen verteuerten sich österreichweit um 11,6 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2017)

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