Das Märchen vom chinesischen Stelzenbus

Weltweit haben führende Medien über den futuristischen Stelzenbus, der die Verkehrsprobleme in China lösen sollte, berichtet. Doch nun stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen Betrugsfall handelt.

Transit Elevated Bus
Transit Elevated Bus
Transit Elevated Bus – (c) imago/China Foto Press (imago stock&people)

Peking. Das Projekt war zu schön, um wahr zu sein: In China sollten riesige Busse auf Stelzen gebaut werden. Damit wollten die asiatischen Megastädte ihre Verkehrsprobleme lösen. Die Busse sollten über die im Stau stecken gebliebenen Autos hinwegfahren. Im Inneren eines Busses sollte Platz für 300 Passagiere sein.

Weltweit berichteten führende Medien in den vergangenen Jahren immer wieder über diese futuristische Erfindung aus China. Zwar gab es in den sozialen Medien zahlreiche kritische Stimmen, wonach ein solches Fahrzeug niemals auf öffentlichen Straßen eingesetzt werden kann. Doch solche Warnungen wurden in den Wind geschlagen.

Die Euphorie steigerte sich, als im Sommer 2016 ein Prototyp des Busses fertiggestellt wurde. Dieser sah aus wie eine fliegende Untertasse. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua informierte ausführlich über die erste Testfahrt in der Stadt Qinhungdao. Der Bus sollte serienmäßig hergestellt werden und umgerechnet vier Millionen Euro pro Stück kosten. Zeitungsmeldungen zufolge habe es zum damaligen Zeitpunkt bereits Interessenten aus Frankreich, Brasilien, Indien und Indonesien gegeben. Doch nach der Testfahrt wurde es still um das Projekt.

Nun stellt sich heraus, dass es sich bei dem Stelzenbus um einen großen Betrugsfall handelt. Die Polizei in Peking nahm den Chef des Unternehmens, der den Bus herstellen sollte, und viele Mitarbeiter der Firma fest. Laut Mitteilung der Polizei soll es dem Unternehmer nur ums Geld gegangen sein. Das Projekt sei unrealistisch gewesen. Die Polizei rief Investoren im In- und Ausland auf, sich zu melden. Über den möglichen Schaden kursieren unterschiedliche Angaben. Die Rede ist von einem höheren dreistelligen Millionenbetrag. Für die Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.

Angeblich soll der Prototyp nutzlos auf einem Parkplatz gesehen worden sein. Die Teststrecke in der Stadt Qinhungdao soll mittlerweile abgerissen worden sein.

 

Nur ein Hirngespinst

Schuld an der Euphorie sind unter anderem chinesische Medien, die lange Zeit in großer Aufmachung über das Projekt berichteten. Im Internet kursieren Videos mit Berichten des staatlichen chinesischen Fernsehsenders CCTV, in denen der Stelzenbus in höchsten Tönen gelobt wurde. Er soll viel billiger als der Bau einer U-Bahn sein und innerhalb von einem Jahr in großen Städten installiert werden können.

Mit den Bussen wollten chinesische Ingenieure gegen die Smogprobleme und Staus ankämpfen, hieß es. Viele internationale Medien übernahmen die Berichte der chinesischen Staatsmedien unkritisch. Dabei ist es für ausländische Journalisten schwer, den Wahrheitsgehalt solcher Darstellungen zu überprüfen, weil kritisches Nachfragen in China nicht so einfach möglich ist.

Allerdings gab es in der Vergangenheit durchaus Hinweise, dass der Stelzenbus ein Hirngespinst sein dürfte. Schließlich berichteten chinesische Medien schon 2010 über ein ähnliches Projekt. Damals war vom 3D-Bus die Rede. Dieser soll einem Zug auf Kufen ähneln und wie ein beweglicher Tunnel, durch den Autos hindurchfahren können, fungieren. Es sei zu erwarten, dass der erste 3D-Bus schon Ende 2011 in der Hauptstadt Peking im Bezirk Mentougou eingesetzt wird, war in chinesischen Zeitungen zu lesen. Doch bis heute existieren vom 3D-Bus nur Bilder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2017)

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