Russlands Luftfahrt sucht Anschluss ans 21. Jahrhundert

Moskau will mit dem neuem Mittelstreckenjet MS-21 Airbus und Boeing Konkurrenz machen.

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AFP (SERGEI KARPUKHIN)

Bei Kampfjets ist Russland Spitze, in der zivilen Luftfahrt sucht Moskau noch den Anschluss an die westliche Konkurrenz und sowjetische Größe. Die Branchenmesse MAKS nutzt Kreml-Chef Wladimir Putin als Schaufenster für die heimische Industrie.

Der Stolz der russischen Luftfahrt glänzt auf einem alten Flugfeld vor den Toren Moskaus in der Sonne. Hell reflektiert das Licht auf den Iljuschins, Tupolews und Suchois - traditionelle russische Flugzeugmarken. Nur der eigentliche Star fehlt bei der großen Luft- und Raumfahrtmesse MAKS in Schukowski: der neue Mittelstreckenjet MS-21, ein Angriff auf die westlichen Branchengiganten Airbus und Boeing.

Als Konstrukteur von Kampfjets spielt Russland international schon lange in der ersten Liga. Einschüchternd wirkt auf Bildern der neue MiG-35-Jagdflieger mit der Spitze, die an eine lange Nadel erinnert. Wie eine Machtdemonstration fliegen Militärjets Figuren. Doch in der zivilen Luftfahrt muss Russland Branchenkennern zufolge um den Anschluss an die Konkurrenz kämpfen. So sind es vor allem zivile Projekte, über die Experten bei der MAKS (bis 23. Juli) diskutieren.

Die MS-21 ist ein Hauptgesprächsthema, obwohl sie bei der MAKS gar nicht gezeigt wird. Eineinhalb Monate nach dem Jungfernflug vom Mai muss die Maschine noch dutzende Testflüge absolvieren, bevor der langwierige Zertifizierungsprozess aufgenommen werden kann. Auch Kreml-Chef Putin lässt sich bei der Messe ausführlich briefen. "Alles muss ohne Störungen verlaufen", verlangt er.

20 Prozent weniger Verbrauch

Mit der MS-21 will Russland in einen Markt vorstoßen, den Airbus und Boeing mit ihren Mittelstreckenjets A320 und 737 beherrschen. Dass der russische Hersteller Irkut aus Irkutsk mit höchsten Ansprüchen punkten will, steckt schon im Namen des neuen Flugzeugs: MS-21 steht für nichts Geringeres als "Verkehrsflugzeug des 21. Jahrhunderts".

Die Konstruktion aus leichten Verbundstoffen verbessere die Aerodynamik und senke den Verbrauch um 20 Prozent, erklärt Experte Dmitri Schugajew der "Rossijskaja Gaseta". Auch solle die MS-21 den Antrieb PD-14 bekommen - den ersten "vollständig in Russland entwickelten Antrieb für Passagierjets der vergangenen Jahrzehnte".

Geplant sind verschiedene Versionen für 150 bis 200 Passagiere. Auf mehr als 200 sei die Zahl der Bestellungen gestiegen, teilt die Regierung mit. Allein 50 davon gehen an den staatlichen Marktführer Aeroflot. Doch vor 2019 dürfte die Auslieferung nicht beginnen. Und auch die erwarteten Produktionszahlen dürften Airbus und Boeing zunächst kaum gefährlich werden: Ab 2020 will Irkut 20 Flugzeuge im Jahr bauen, bis 2025 soll die Zahl auf 72 pro Jahr steigen.

Die MS-21 ist nicht Russlands erster Versuch, die zivile Luftfahrt aufzumischen. Als erste Neuerung seit den Zeiten, als sowjetische Flugzeuge noch weltweit beliebt waren, brachte Suchoi 2011 den Kurzstreckenflieger Superjet 100 auf den Markt. Seither wurden rund 140 SSJ-100 ausgeliefert, immer wieder gab es Berichte von Engpässen bei der Produktion. Bis heute kratzt zudem ein tragischer Absturz 2012in Indonesien mit 45 Toten am Image des Fliegers.

Weiteres Prestigeprojekt

Trotz aller Schwierigkeiten ist Russland optimistisch. Die Branche habe ihre Produktion 2016 um 9 Prozent auf 900 Milliarden Rubel (13 Milliarden Euro) gesteigert, sagte Vize-Industrieminister Oleg Botscharow der Zeitung "Kommersant". Wichtige Baustellen seien eine Verbesserung des Services und niedrigere Preise. Die Regierung unterstütze diese Entwicklungen etwa mit Vergünstigungen bei Krediten für Käufer. Selbst die westlichen Sanktionen wegen der Ukraine-Krise sieht die Führung nicht als ernste Gefahr, sondern als Chance für die Branche.

Ein weiteres Prestigeprojekt beschäftigt die Experten bei der MAKS, das bislang ohne große Öffentlichkeit vorangetrieben wird: Gemeinsam mit China plant Russland einen zweimotorigen Langstreckenflieger.

Rund 13 Milliarden US-Dollar soll die Entwicklung des Typs CRAIC C929 kosten, in gut 10 Jahren soll die Lieferung beginnen. Bislang teilen sich auch hier die Platzhirsche Boeing und Airbus das Marktsegment weitgehend. "Die wollen kaum einen Konkurrenten haben", sagt Viktor Kladow vom staatlichen Technologiekonzern Rostec. "Man kann nicht sagen, dass es einfach ist, aber das Projekt läuft", meint er.

Putin nutzt die MAKS, um sich als Förderer der heimischen Luftfahrt in Szene zu setzen. Lässig mit Sonnenbrille schlendert er über das Areal und spendiert seinem Tross aus Ministern und Beamten Eis. Der Präsident ist stolz auf die alle zwei Jahre stattfindende Messe, die mit mehr als 400 000 Besuchern 2015 zu den größten der Welt gehört.

Branchenkenner sind weniger schwärmerisch. Gemessen am Wert der Verträge sei die MAKS ein Zwerg, so die Zeitung "Wedomosti". Während in Moskau zuletzt Abkommen im Wert von rund 5,7 Milliarden US-Dollar getroffen worden seien, kämen Messen wie in Le Bourget bei Paris und im britischen Farnborough auf 150 und 124 Mrd. Dollar.

Somit habe die MAKS doch eher regionalen Charakter, findet der Experte Oleg Pantelejew. Auch Julien Franiatt von Airbus Russland sagt: "Die MAKS ist einfach ein unfassbares Programm von Schauflügen, das es bei anderen Messen nicht gibt." Für ihn sei das aber eine gute Gelegenheit, um mit Kunden in der Region im Gespräch zu bleiben

(APA/dpa)

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