Macht der Mindestlohn arm?

Eine Wifo-Studie im Auftrag der AK zeigt Überraschendes: Die Ökonomen kommen zu dem Ergebnis, dass der Mindestlohn die Armutsgefährdung in Österreich erhöht.

Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer.
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Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer.
Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer. – (c) Clemens Fabry

Eine Wifo-Studie zeige, „der Mindestlohn tut nicht weh“. Mit diesen Worten fasste Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer, dieser Tage eine im Auftrag der AK durchgeführte Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts zusammen, „Die Presse“ berichtete. Und ja, die Ökonomen kommen darin auch wirklich zu dem Schluss, dass „die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines Mindestlohns gering sind“.

Zwar würde die Einführung einer unteren Einkommensschwelle von 1500 Euro für 291.000 Personen einen Anstieg des Stundenlohns um 1,26 Euro im Schnitt bedeuten. Dieses Plus würde jedoch durch gegensätzlich wirkende Effekte großteils wieder konterkariert. So würden höhere Einkommen zu höheren Preisen (Lohn-Preis-Spirale) und vermehrter kalter Progression führen. Der größte Gewinner des Mindestlohns wäre also wieder einmal der Staat. Auf die Beschäftigung habe ein Mindestlohn indes fast gar keinen Einfluss. Sie „verändert sich kaum“, schreiben die Ökonomen.

In der Betrachtung der gesamten Volkswirtschaft mag das durchaus stimmen. Allerdings sind hierbei die Detailergebnisse der Studie interessant, die von der AK nicht präsentiert wurden. In diesen wurden die Effekte auch auf Unternehmen unterschiedlicher Größe durchgerechnet. Und diese zeigen, dass sich der Mindestlohn deutlicher auswirkt, je kleiner ein Betrieb ist. So sind bei Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern nur 4,4 Prozent aller Beschäftigten von ihm betroffen. Anders sieht das jedoch bei Firmen aus, die weniger als neun Mitarbeiter zählen. Bei ihnen betrifft der Mindestlohn mit 18,1 Prozent fast jeden fünften Mitarbeiter.

Und auch die Lohnsteigerung fällt bei kleineren Firmen deutlicher aus. Steigen die Gehälter bei den Großbetrieben um 1,21 Euro je Stunde, sind es bei den Kleinen 1,42 Euro – beinahe 20 Prozent. In Summe mag der Mindestlohn somit also weniger drastisch wirken, als von vielen Gegnern befürchtet. Die Lasten tragen dabei jedoch vor allem die Kleinbetriebe, die sich schon jetzt gegen die Großen eher schwertun.


Die interessanteste Erkenntnis findet sich in der Wifo-Studie aber ohnehin an ganz anderer Stelle. So kommen die Ökonomen zu dem für viele wohl eher überraschenden Ergebnis, dass der Mindestlohn die Armutsgefährdung in Österreich erhöht. Des Rätsels Lösung: Die Armutsgefährdungsschwelle liegt hierzulande bei 60 Prozent des Medianeinkommens. Steigt dieses durch den Mindestlohn, nimmt auch der Anteil der armutsgefährdeten Personen zu. Statt wie bisher 13,09 Prozent der Bevölkerung wären künftig 13,33 Prozent von Armut gefährdet. Was AK-Chefökonom Marterbauer wohl dazu sagt?

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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