Toys'R'Us hat das Spiel gegen Amazon verloren

Der weltgrößte Spielzeughändler muss Insolvenz anmelden. Die Ursachen sind hohe Schulden und die übermächtige Onlinekonkurrenz. Führt der schleichende Niedergang des US-Einzelhandels zu einer neuen Immobilienkrise?

Der Eindruck trügt: So lebhaft ging es vor Toys'R'Us-Läden zuletzt nur mehr beim Weihnachtsgeschäft zu.
Der Eindruck trügt: So lebhaft ging es vor Toys'R'Us-Läden zuletzt nur mehr beim Weihnachtsgeschäft zu.
Der Eindruck trügt: So lebhaft ging es vor Toys'R'Us-Läden zuletzt nur mehr beim Weihnachtsgeschäft zu. – (c) APA/AFP/DON EMMERT

Wien/New York. Ein Seufzer geht durch die Reihen der Babyboomer. Wehmütig erinnern sie sich an viele schöne Stunden, die sie in jungen Jahren und später mit eigenem Nachwuchs in einem kindlichen Schlaraffenland verbracht haben: einer Filiale der US-Kette Toys'R'Us. Am Montag hat der weltgrößte Spielzeughändler am Heimmarkt und in Kanada Insolvenz angemeldet, unter der Last von fünf Mrd. Dollar Schulden und der übermächtigen Konkurrenz des Onlineriesen Amazon. Auch wenn das Geschäft dank eines Massekredits vorerst weiter läuft; auch wenn die Auslandstöchter (in Österreich gibt es 15 Filialen) beteuern, nicht betroffen zu sein, so geht doch eine Erfolgsgeschichte zu Ende. Selbst im besten Fall, wenn die Firma gesund geschrumpft überlebt, müssen viele der 1600 Läden weltweit schließen, verlieren viele der 64.000 Mitarbeiter ihren Job. Das Scheitern des bunten Imperiums wirft ein düsteres Licht auf die Lage des Einzelhandels in den USA.

 

Fressen und gefressen werden

Dabei ist Toys'R'Us einst selbst als Branchenschreck groß geworden. Der Weltkriegsveteran Charles Lazarus hatte Ende der 1950er-Jahre die Idee: ein großer Spielzeugladen, der funktioniert wie ein Supermarkt – mit Selbstbedienung, Regalen und Einkaufswagen. Die Giraffe Geoffrey machte das Konzept im Fernsehen bekannt: günstige Preise und ein riesiges Sortiment, das alles abdeckt, was Kinder lieben und Eltern für sie brauchen. So verdrängte die rasch expandierende Kette viele kleine Geschäfte und schluckte Konkurrenten. In den 1990er-Jahren gab es ersten scharfen Gegenwind: Die großen Diskonthändler Walmart und Target drangen mit aggressiven Lockangeboten in das Spielzeugsegment vor. Im Jahr 2005 kauften Investoren den Konzern aus New Jersey um 6,6 Mrd. Dollar. Bain Capital, KKR und der Immobilienfonds Vornado finanzierten die Übernahme mit Schulden.

Von dieser Bürde konnte sich die Firma nicht mehr befreien. Auf den Online-Zug sprang das Management zu spät und zögerlich auf. Amazon hatte damit leichtes Spiel. Seit 2013 schreibt Toys'R'Us Verluste, zuletzt ging auch der Umsatz zurück. Die Lieferanten – fast 40 Prozent der Ware kommt aus China – wurden nervös und stoppten in den letzten Wochen Lieferungen. Auch US-Hersteller wie Mattel und Hasbro kannten schon bessere Zeiten: Die Geburtenrate geht zurück. Die verbliebenen Kinder sehen weniger auf klassischen Kanälen fern, lassen sich also nicht mehr so leicht durch Werbung erreichen. So bleiben Begehrlichkeiten auf das neueste Spielzeug ungeweckt.

Aber auch bei anderen Waren gilt: Der stationäre Handel ist auf dem Rückzug. Zwar liegt der Anteil der Onlinekäufe in den USA erst bei rund 13 Prozent. Aber er steigt rasant, vor allem die Jungen stellen ihr Kaufverhalten um. Die Ladenketten sind für die Gegenwehr schlecht gerüstet. Viele haben vor der Krise übertrieben expaniert (die Ladenfläche pro Person ist sechsmal so hoch wie in Europa) und sich dabei stark verschuldet. Auch jene, die ihre Onlinepräsenz ambitioniert ausbauen, stöhnen: Gegen den technologischen Vorsprung und die gewaltigen Datenmengen von Amazon kommen sie nicht an. Zudem ist das Onlinegeschäft trotz niedriger Kosten weniger ergiebig, weil die ergänzenden Impuls- und Gelegenheitskäufe beim Surfen im Netz meist wegfallen.

Die Folge ist eine Welle von Pleiten. Schon 24 Ketten traten heuer den Gang vor den Konkursrichter an. Traditionsreiche Warenhäuser wie Sears wanken. 9000 Jobs gehen in der Branche pro Monat im Schnitt verloren. Volkswirtschaftlich scheint das vorerst kein Problem zu sein: Es gibt, wie so oft, einen Strukturwandel, das bessere Angebot setzt sich durch. Weil Waren im Internet günstiger sind, steigt die Kaufkraft, was neue Jobs entstehen lässt. Die Gefahr kommt von woanders: Was passiert, wenn ein Einkaufszentrum nach dem anderen seine Pforten schließt? Die Flächen werden neu vermietet, aber zu weit niedrigeren Preisen. Das könnte den gesamten Markt für Gewerbeimmobilien in die Baisse treiben. Und wozu eine US-Immobilienkrise führt, hat die Welt noch in frischer, schlechter Erinnerung. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2017)

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