Venezuela: Eine Staatspleite als Posse

Beim Schuldengipfel bekamen die verdutzten Gläubiger statt eines Angebots nur Schokolade. Welches Spiel spielt Präsident Maduro?

Trauriger Alltag in Venezuela: Die Regale in den Supermärkten sind leer, die Bevölkerung darbt.
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Trauriger Alltag in Venezuela: Die Regale in den Supermärkten sind leer, die Bevölkerung darbt.
Trauriger Alltag in Venezuela: Die Regale in den Supermärkten sind leer, die Bevölkerung darbt. – (c) REUTERS

Wien/Caracas. Immerhin: Der rote Teppich war ausgerollt. Im weißen Palast in Caracas grüßte der verstorbene Revolutionsführer Hugo Chávez die rund 100 angereisten Investoren von einem Poster. Die Verhandlungen über eine „Umstrukturierung“ der Staatsschulden von Venezuela führten wie angekündigt zwei Geächtete: der Vizepräsident und der Wirtschaftsminister, beide auf der Sanktionsliste der Amerikaner, wegen Drogenhandels und Korruption. Schon nach einer guten halben Stunde war das als „wirr“ beschriebene Treffen zu Ende. „Es gab kein Angebot, keine Konditionen, keine Strategie“, wunderte sich ein Teilnehmer. Stattdessen erhielt jeder Gläubiger ein buntes Geschenksackerl mit Schokolade und Kaffee.

Die groß angekündigte Investorenkonferenz war also eine Farce. Es drängt sich die Frage auf: Was führt Präsident Nicolás Maduro im Schilde? Bemüht er sich überhaupt ernsthaft, die Staatspleite im letzten Moment zu verhindern? Und warum reagieren die Geldgeber so gelassen? – Die Kurse der venezolanischen Anleihen brachen auch nach dem skurrilen Termin nicht ein. Dabei wissen alle: Es ist nur eine Frage der Zeit bis zum offiziellen Bankrott.

Aber die Gläubiger setzen darauf, dass es bis dahin noch ein wenig dauert. Das Risiko scheuen sie nicht. Es ist eine besondere Art von Finanzinvestoren, angelockt von den sehr hohen Renditen, die das ruinierte Land anbieten muss, um noch zu Geld zu kommen.

Dass es seine Schulden bisher noch bedient, ist erstaunlich genug: Die Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen vier Jahren um 36 Prozent eingebrochen, die Inflation ist auf über 700 Prozent angeschwollen, die Devisenreserven sind aufgebraucht. Aber Maduro setzte bisher alles daran, die Brücken zur internationalen Finanzwelt nicht völlig abzubrechen.

 

Hungern für Devisen

Denn wenn die Gläubiger bei einem Zahlungsausfall klagen, könnten Gerichte auf wertvolle Aktiva im Ausland zugreifen – vor allem die Raffinerien und Tankstellenketten, die der verstaatlichte Ölkonzern PDVSA etwa in den Vereinigten Staaten betreibt. Ganz zu schweigen von einem möglichen Embargo auf Öllieferungen, die 96 Prozent aller Exporte Venezuelas ausmachen und damit praktisch die einzige Devisenquelle sind. Und dann sind da noch hohe Funktionäre des Regimes, die sich selbst in großen Mengen mit den hochlukrativen Ramschanleihen ihrer Heimat eingedeckt haben.

Also verwendet Maduro alle Liquidität, die er in harten Devisen zusammenkratzen kann, für fällige Rückzahlungen – und verzichtet dafür auf Importe von Lebensmitteln und Medikamenten. Die Regale im Supermarkt sind leer, die Bevölkerung hungert, Krankheiten breiten sich aus. Die Proteste werden lauter, auch wenn die Polizei sie brutal niederschlägt. Aber im nächsten Jahr stehen Präsidentschaftswahlen an.

Also hat Maduro jüngst seine Strategie geändert und verkündet nun: Die Versorgung der darbenden Bevölkerung habe doch Vorrang, die Investoren sollten sich ein wenig gedulden und einer Umschuldung zustimmen.

Aber eine solche Vereinbarung mit den Gläubigern, in der Geschichte von maroden Staaten hundertfach geübt, ist für Venezuela fast unmöglich. Mit dem Währungsfonds, der eine Sanierung mit Auflagen und Kontrollen begleiten könnte, hat man schon 2007 gebrochen.

Washington verbietet den US-Investoren, die das Gros der Gläubiger stellen, neu ausgestellte Anleihen des verfemten Regimes zu kaufen. Damit freilich dient Präsident Trump seinem Amtskollegen als perfekter Sündenbock. Maduro kann sich, wenn die Pleite da ist, einmal mehr als Opfer hinstellen – und damit verschleiern, dass es seine linksradikalen Chavisten waren, die das Land seit 1999 systematisch in den Ruin getrieben haben. Dann wird es heißen: Wir haben alles versucht, auch die Investoren hätten mitgespielt, aber die amerikanischen Imperialisten haben eine Lösung verhindert. Die Anti-US-Rhetorik kommt vor allem in Moskau gut an. Russland und China lassen sich bereitwillig auf Umschuldungen ein – und sichern sich im Gegenzug Anteile an Ölfeldern, im verarmten Land mit den reichsten Ressourcen der Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2017)

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