Das Vergessen ist kein Geschäft

Demenz verursacht weltweit Kosten von 818 Milliarden Dollar. Seit 15 Jahren tritt die Forschung auf der Stelle. Pfizer zieht sich zurück. Für Millionen Menschen schwindet die Hoffnung.

Alzheimer macht einsam: Im fortgeschrittenen Stadium erkennen die Patienten oft nicht einmal mehr ihre eigenen Kinder.
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Alzheimer macht einsam: Im fortgeschrittenen Stadium erkennen die Patienten oft nicht einmal mehr ihre eigenen Kinder.
Alzheimer macht einsam: Im fortgeschrittenen Stadium erkennen die Patienten oft nicht einmal mehr ihre eigenen Kinder. – (c) REUTERS (Marcelo del Pozo)

Es beginnt mit Vergesslichkeit. Man verliert den Faden, vergisst Verabredungen, erinnert sich nicht mehr daran, was man am Vortag gemacht hat. Später fällt es schwer, sich anzuziehen oder mit Besteck zu essen. Die Sprache geht verloren. Im Spätstadium kommen Infekte und Alterskrankheiten dazu. Am Ende haben Alzheimer-Patienten den Großteil ihrer Fähigkeiten verloren.

In Österreich leiden laut Schätzung der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft etwa 110.000 Menschen unter einer Art von Demenz. Für 60 bis 80 Prozent der Fälle ist die Alzheimer-Krankheit verantwortlich. Weltweit sind es fast 50 Millionen Menschen, und alle drei Sekunden kommt jemand dazu. Bis 2050 soll die Zahl auf über 130 Millionen explodieren.

Fast jeder kennt jemanden, der an Demenz leidet. Weshalb diese Meldung vom Montag für großes Aufsehen sorgte: Pfizer, der Pharmariese aus den USA, zieht sich aus der Alzheimer-Forschung zurück. Man wolle nur noch dort Geld ausgeben, wo die Aussichten und die eigene Erfahrung am größten sind, so der Konzern. Obwohl Pharmakonzerne wie Pfizer seit Jahrzehnten viel Geld investieren, ist die Krankheit bislang kaum erforscht. Medikamente, die sie heilen können, gibt es nicht. Auch keine, die den Krankheitsverlauf deutlich positiv beeinflussen können.

Stattdessen mussten die Unternehmen, die im Bereich forschen, in den vergangenen Jahren zahlreiche Rückschläge einstecken. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly scheiterte Ende 2016 mit einer entscheidenden klinischen Studie zum Alzheimer-Mittel Solanezumab, in das der Konzern große Hoffnungen gesetzt hatte. Ähnlich ging es eineinhalb Jahre zuvor der Hamburger Biotechfirma Evotec, das in der Alzheimer-Forschung mit dem Schweizer Konzern Roche zusammenarbeitet. Und auch Roche selbst brach vor rund drei Jahren die weit fortgeschrittene Entwicklung eines Alzheimer-Medikaments ab, weil es nicht die gewünschten Resultate brachte.

Medikamente wirken bedingt. „Seit 2002 ist in den USA kein Alzheimer-Medikament mehr zugelassen worden. Das zeigt, dass hier ein gewisses Vakuum entstanden ist“, sagt der Fondsmanager Harald Kober zur „Presse am Sonntag“. Kober verantwortet den Biotech-Fonds der Erste Sparinvest. Man blicke auf gut 15 Jahre, während der es auf dem Alzheimer-Markt keine Neuheiten gegeben hat. „Was relativ selten ist.“ In der Onkologie etwa kämen laufend neue Mittel auf den Markt.

Die Medikamente, die den Patienten aktuell zur Verfügung stehen, sind nur bedingt wirksam. Entsprechend groß ist der Bedarf. Das Unternehmen, das ein wirksames Medikament findet, knackt einen Jackpot. „Das wäre ein großes Milliardengeschäft“, sagt Kober. Und brächte „sicher mehr als fünf Milliarden Umsatz pro Jahr“. Das Analysehaus Global Data schätzt, dass der Markt für Alzheimer-Medikamente allein in den USA, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien pro Jahr um 17,5 Prozent auf fast 15 Milliarden Dollar (12,5 Mrd. Euro) im Jahr 2026 wachsen wird.

Kaum erforscht. Bei Alzheimer sterben Nervenzellen im Gehirn ab und Signale zwischen den verbliebenen Nervenzellen werden nicht mehr richtig weitergeleitet. Weder die Ursache noch die genauen Zusammenhänge sind aber bislang näher erforscht. Die Vorgänge, die zur Zerstörung von Nervenzellen und zur Entstehung von Alzheimer- und anderen degenerativen Formen von Demenz führen, sind nicht aufgeklärt. Was erklärt, warum das Angebot an Medikamenten dürftig ist.

Dabei steigt der Druck. Denn Demenz und Alzheimer sind wegen der alternden Gesellschaft längst volkswirtschaftliche Probleme. In Österreich wird jährlich etwa eine Milliarde Euro für die Betreuung Demenzkranker ausgegeben, schätzt die Österreichische Alzheimer Gesellschaft, das meiste für Pflege. Indirekte volkswirtschaftliche Kosten, die durch Arbeitsunfähigkeit entstehen oder durch pflegende Angehörige, die deshalb beruflich oder privat eingeschränkt werden, können nur geschätzt werden.

Häufigste Krankheit.
Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat das versucht. Laut einer Studie aus 2015 verursachte Demenz schon 2010 weltweit jährliche Kosten von 645 Milliarden Dollar. 213 Mrd. waren es allein in Europa. Der Welt-Alzheimer-Bericht beziffert die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten von Demenzkrankheiten für 2015 auf 818 Mrd. Dollar weltweit. In Deutschland entfallen laut OECD 3,7 Prozent der Gesundheitsausgaben auf Demenzen.

Alzheimer tritt verstärkt im Alter auf, in seiner erblichen Form aber auch schon relativ früh. Mit steigender Lebenserwartung steigt auch die Zahl der Betroffenen. Laut Schätzung der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft wird sich die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2050 auf mindestens 230.000 erhöhen.

Peter Dal-Bianco, Präsident des Vereins, appelliert an die Politik: „Man darf sich nicht auf die Industrieforschung verlassen“, so Dal-Bianco. Private Konzerne forschten ja nur profitorientiert, weil sie ihren Aktionären verpflichtet sind. Wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgeht, ist Schluss – wie im Fall von Pfizer. „Die Konsequenz für die EU muss sein, die klinische Forschung aus öffentlichen Mitteln viel stärker zu fördern.“

In Zahlen

213

Milliarden Dollar kosteten Demenzkrankheiten 2010 in Europa.

110

Tausend Menschen in Österreich leben mit einer Art von Demenz. Für 60 bis 80 Prozent der Demenzen ist die Alzheimer-Krankheit verantwortlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2018)

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