Warum Goldman Sachs den Deutschen neun Prozent mehr Lohn zahlen würde

Laut einer Analyse der US-Investmentbank Goldman Sachs wurde deutschen Arbeitnehmern in den vergangenen Jahren viel zu wenig bezahlt. Das hat Auswirkungen auf ganz Europa.

(c) imago stock&people

Gegen diese Gehaltsforderungen klingen die Prozentsätze der Gewerkschaften direkt bescheiden: Die US-Investmentbank Goldman Sachs tritt einem Bericht der "Welt" zufolge für neun Prozent mehr Gehalt in Deutschland ein. Der Grund: Huw Pill, Goldman-Sachs-Chefökonom für Europa, hat die sogenannte Phillips-Kurve auf Deutschland angewandt. Die bewährte Formel, die 1958 vom Ökonomen Alban William Housego Phillips entwickelt wurde, geht davon aus, dass bei sinkenden Arbeitslosenzahlen die Löhne stärker steigen müssen. Genau das passiert derzeit aber nicht.

In Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit anders als in Österreich seit Jahren sinkt, hat sich den Berechnungen zufolge allein in den letzten fünf Jahren eine große Lohnlücke aufgetan. Die Gehälter stiegen durchschnittlich um rund zwei Prozent pro Jahr. Mittlerweile müssten sie um neun Prozent steigen, um den Rückstand wieder wett zu machen.

"Deutsche Wirtschaft saugt Menschen an"

Für die Situation gibt es mehrere Erklärungen. So wurde einerseits das Arbeitskräfteangebot ausgeweitet: Immer mehr Frauen gehen einer bezahlten Arbeit nachgehen und das Pensionsalter wurde angehoben. Außerdem suchen viele Menschen aus Osteuropa und Südeuropa in Deutschland einen Job: "So wie die deutsche Wirtschaft wächst, saugt sie geradezu Menschen an", so Goldman-Sachs-Ökonom Pill zur "Welt".

Doch es gibt noch einen weiteren möglichen Grund, warum die Phillips-Formel nicht greift: Analysten von Merrill Lynch/Bank of America beschreiben einen Inflationskreislauf. Die niedrige Inflation wird in die Gehaltsverhandlungen mit einbezogen – bei weniger Inflation gibt es ein kleineres Plus. Und so wird die Inflation weiterhin niedrig gehalten.

"Andere müssen Lohnentwicklung unter Deutschland halten"

Eine steigende Teuerungsrate ist ausschlaggebend dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB) von ihrer Niedrigstzins-Politik abrückt. Daher blickt Goldman Sachs auch zu unseren Nachbarn: "Denn Deutschland setzt die Bezugsgröße für den Rest Europas", sagt Pill. Aus demselben Grund würden auch andere Länder in Europa nicht ihre Gehälter anheben: "Die anderen müssen die Lohnentwicklung unter jener in Deutschland halten, um wettbewerbsfähig zu bleiben." Die Angst vor einem Ungleichgewicht ist zu groß.

Experten gehen davon aus, dass Deutschland noch länger bei den Löhnen hinterherhinken wird. Sogar die Gewerkschaften tragen etwas dazu bei: Denn diese verschieben seit einiger Zeit ihren Fokus zunehmen von hohen Gehaltsforderungen auf kürzere Arbeitszeiten und mehr Freizeit.

>>> Bericht auf "Welt.de"

(sk)

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