USA: Der zweite Akt der Korrektur

Erstmals seit zwei Jahren bricht die weltweit wichtigste Börse um mehr als zehn Prozent ein. Mittelfristig sollte sich die Lage wieder entspannen. Große Sorge bereitet das US-Budgetdefizit.

Cool bleiben statt in Panik geraten: Das Motto für Börsianer in diesen Tagen.
Cool bleiben statt in Panik geraten: Das Motto für Börsianer in diesen Tagen.
Cool bleiben statt in Panik geraten: Das Motto für Börsianer in diesen Tagen. – (c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

New York. Nach der Euphorie kommt die Korrektur: Das war schon immer so an den Börsen, und es ist auch diesmal nicht anders. Mit den Kurseinbrüchen der vergangenen Tage verloren die beiden wichtigsten Aktienindizes, der Dow Jones und der S&P 500, erstmals seit Anfang 2016 zwischenzeitlich mehr als zehn Prozent. Das löste auch Verunsicherung in Europa und Asien aus. Denn der neuerliche Kurssturz aus Übersee kam eher unerwartet.

Doch ist das aktuelle Geschehen an sich noch kein Drama. Im Schnitt kommt es zu einer derartigen Korrektur etwa einmal pro Jahr. Diesmal hat es länger gedauert. Nicht zuletzt deshalb sind die Bewertungen immer noch hoch. Am Freitag standen die Zeichen bereits wieder auf Erholung. Entspannt zeigt sich deshalb auch Ethan Harris, globaler Chefökonom bei der Bank of America. Mit einem Lächeln sitzt er im fünften Stock an der noblen Adresse Bryant Park One in Manhattan. „Fundamental ist alles in Ordnung an den Märkten, die Investoren passen sich an veränderte Inflationserwartungen an“, sagt er während eines Gesprächs mit Journalisten.

 

Bank of England als Auslöser

So macht seit einer Woche die Sorge um eine höhere Teuerung die Runde an den Handelsplätzen. Zunächst stiegen die Löhne in den USA stärker als erwartet, was die Inflation antreiben und die Federal Reserve zu schnelleren Zinserhöhungen veranlassen könnte. Dann deutete die Bank of England an, die Zinsen früher als geplant anzuheben, um einer Überhitzung der Wirtschaft vorzubeugen. Höhere Zinsen können das Wirtschaftswachstum bremsen, weil Kredite für Unternehmen teurer werden.

„Eine Korrektur aus Sorge vor zu starkem Wirtschaftswachstum ist so ziemlich der beste Grund, den es für Kursverluste gibt“, sagt Harris. Tatsächlich hatten die anderen Markteinbrüche seit der Krise von 2008 ganz andere Ursachen. 2010 und 2011 sorgte die Schuldenkrise in Europa für Schockwellen, 2015 und 2016 waren es ein Kurssturz in China sowie das Brexit-Votum in Großbritannien. Eine derartige globale Verunsicherung ist derzeit nicht zu sehen. Kurzfristig spricht deshalb wenig für weitere dramatische Kurseinbrüche.

Und doch wäre es ein Fehler, sich in Sicherheit zu wiegen. Auch wenn jetzt bereits viele Experten empfehlen, die Verluste zu nützen, um Aktien zu günstigeren Preisen einzukaufen, ist eine schnelle Kehrtwende keineswegs garantiert. Einerseits sind Firmentitel historisch betrachtet immer noch recht teuer. Völlig ausgeschlossen ist deshalb selbst ein Bärenmarkt nicht. Davon sprechen Börsianer, wenn der Gesamtverlust 20 Prozent oder mehr beträgt. Dafür müssten die wichtigsten Indizes also nochmal rund zehn Prozentpunkte verlieren. Dazu kommt es in der Regel alle drei bis vier Jahre. Aktuell liegt der letzte Bärenmarkt schon neun Jahre zurück.

Auch die Politik in Washington, konkret das ausufernde Budgetdefizit, macht den Marktteilnehmern immer größere Sorge. „Verantwortungsvolle Fiskalpolitik sieht anders aus“, sagt Harris, und dabei verschwindet das Lächeln von seinen Lippen. Mit dem im Kongress beschlossenen und von Präsident Donald Trump unterzeichneten Budgetdeal erhöht sich das Defizit weiter und wird im kommenden Jahr bei rund fünf Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. In der Nachkriegszeit war es nur zweimal höher: Nach der Ölpreiskrise der 1980er-Jahre sowie nach dem Wirtschaftseinbruch von 2008, der die weltweit größte Volkswirtschaft an den Rande des Abgrundes führte.

 

Missachtete Faustregel

„Damals gab es gute Gründe für das hohe Defizit“, erklärt Harris und beruft sich auf die Faustregel, wonach Regierungen in guten Zeiten ausgeglichene Budgets liefern sollten, um im Krisenfall die Volkswirtschaft mit höheren Staatsausgaben stützen zu können. Die nächste Rezession wird irgendwann kommen. „Und dann haben wir einen Mix aus Rekordverschuldung und Wirtschaftsabschwung“, sagt Harris. „Ich weiß nicht, wann es soweit sein wird, aber davor fürchte ich mich schon heute.“

AUF EINEN BLICK

Zum zweiten Mal in wenigen Tagen haben die US-Börsen einen empfindlichen Rückschlag erlitten: Nach einem Einbruch von über vier Prozent schloss der Dow Jones am Donnerstag mit 23.860 Punkten neuerlich tief im Minus und zog die anderen Weltmärkte mit. Am Freitag startete der Index mit unklarer Tendenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)

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