Interpol sucht das Bitcoin-Phantom

Ermittlungen. In der Causa Optioment werden Opfer und der Hauptverdächtige Lucas M. in ganz Europa gesucht. Aber gibt es diesen Mann wirklich?

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Bitcoin – APA/AFP/JACK GUEZ

Wien. „Let's build something big“ lautete der Werbespruch von Optioment: „Bauen wir etwas Großes!“ Das ist gelungen. Aber nicht so, wie geplant. Aus der als besonders schlau, sicher und ertragreich vermarkteten Bitcoin-Anlage ist ein gigantischer Finanzskandal geworden, der die Behörden lange beschäftigen wird. Einer der größten Kriminalfälle rund um Kryptowährungen bisher.

Jetzt nehmen auch die strafrechtlichen Ermittlungen Fahrt auf. Wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, Christina Ratz, der „Presse“ mitteilte, hat die Behörde die Polizei mit Erhebungen beauftragt. Sie soll alle Anzeigen zusammentragen, die österreichweit gegen das Optioment-Netzwerk gemacht wurden.

Die Staatsanwaltschaft wiederum hat Interpol eingeschaltet. So soll ermittelt werden, wo überall in Europa Anleger geschädigt wurden. Vor allem aber wollen die Wiener Fahnder mit Hilfe der Interpol-Kollegen nähere Daten zu Verdächtigen bekommen, die im Ausland aufhältig sind.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) hat ihre Anzeige nämlich gegen den Dänen Lucas M. und einen Letten Namens Alex P. eingebracht. Das sind die beiden Männer, die auch von jenen drei Österreichern, die das Optioment-Vertriebs-Netzwerk von Österreich aus aufgezogen haben, bereits im Dezember wegen Betruges angezeigt worden sind. Auch die FMA-Anzeige lautet auf Betrug und/oder Pyramidenspiel.

Kein Vertrag vorhanden

Recherchen der „Presse“ und des ORF zufolge dürften in das Optioment-System bis zu 10.000 Menschen verwickelt sein. Die meisten davon Österreicher – aber das bisher bekannte Netz hat sich bis nach Deutschland, Polen, Rumänien, die Türkei und auf den Balkan gespannt. Die Beteiligten sprechen von bis zu 12.000 Bitcoin, die via Optioment angelegt worden waren.

Offiziell hieß es, der Trader Lucas M. würde dieses Geld mithilfe eines Trading-Roboters vermehren und die Gewinne als Rendite an die Investoren auszahlen: 1,5 bis vier Prozent pro Woche soll es gegeben haben. Seit November sind diese Auszahlungen aber ausgeblieben. Die Optioment-Websites sind verschwunden. Die Investoren haben keinen Zugriff auf ihr Geld.

Das Problem: Die Vertreiber, die als „drei Optioment-Musketiere“ aufgetreten sind, haben zwar ein Multi-Level-Marketingsystem entworfen, über das Tausende und ihr Geld zu Optioment gekommen sind. Einen Vertrag mit Lucas M. haben sie seltsamer Weise aber nie abgeschlossen. Von Lucas M. gibt es kein einziges Foto, keine Adresse und keine Beschreibung – obwohl die „Musketiere“ ihn zweimal getroffen haben wollen. Lucas M. ist ein Phantom.

Die Verbindung zwischen ihm und den drei heimischen Vertreibern war ursprünglich durch einen Bitcoin-Unternehmer aus Österreich zustande gekommen. Ob dieser bereits von den Behörden einvernommen wurde, ist bisher nicht bekannt.

Von den so genannten Top-Leadern, also jenen Männern, die gemeinsam mit den „drei Musketieren“ an der Spitze des Vermarktungssystems gestanden sind, dürften einige von der Bildfläche verschwunden sein, berichten Betroffene der „Presse“. Viele Optioment-Investoren hegen auch den Verdacht, dass Lucas M. und Alex P. nur vorgeschoben wurden – und dass man sie nie finden wird. „Die gibts in Wahrheit nicht“, glaubt einer der Betroffenen.

Aus dem Landeskriminalamt heißt es, dass erste Vernehmungen stattgefunden haben. Es gebe eine Spur nach Nordeuropa, etwa zu Lucas M. und Alex P. Aber, so Pressesprecher Paul Eidenberger zur „Presse“: „Man muss prüfen, ob das stimmt und wer das sein könnte. Man kann sich da auf sehr langwierige Ermittlungen einstellen. Jetzt müssen erstmal die Geschädigten erfasst werden. Das sind sehr viele. Auch der Schaden muss festgestellt werden.“

Viele Optioment-Teilnehmer haben Dutzende weitere Leute - oft Verwandte - dazu geholt – und Provision kassiert. Die meisten fühlen sich nun als Opfer und um ihr Geld betrogen. Noch ist aber nicht klar, ob es sich überhaupt um Betrug handelt, weil dieser Tatbestand eine Täuschung voraussetzt. Aber auch Pyramidenspiele sind verboten und mit Haftstrafe bedroht.

„Die Teilnehmer an Pyramidenspielen unterliegen keiner Täuschung. Sie wissen, dass sie ihren Einsatz und Gewinn nur wiedersehen, wenn sie selbst Leutedazu bringen, ins System einzuzahlen. Man beginnt als Opfer und wird zum Täter“, sagt der Anwalt und Strafrechtsexperte Gerald Ruhri. Vielen „Opfern“ ist noch gar nicht bewusst, dass sie nicht nur Geld verloren haben, sondern auch mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten sind.

AUF EINEN BLICK

In der Causa Optioment hat die Staatsanwaltschaft Interpol eingeschaltet. Auch das LKA Wien ermittelt. Es gibt in dem Fall, wo Bitcoin im aktuellen Gegenwert von mehr als 80 Millionen Euro verschwunden sein dürften, Spuren nach Nordeuropa, Deutschland und in die Türkei. Rund 10.000 Investoren dürften betroffen sein – der Großteil davon in Österreich. Der Verein „Bitcoin Austria“ warnt vor ähnlichen Systemen: „Wenn Kryptowährungen von provisionshungrigen Verkäufern angepriesen werden, sollten alle Alarmglocken läuten.“


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2018)

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