Aufstand der Pfleger und Betreuer

Die Gewerkschaft will in den Sozialberufen eine 35-Stunden-Woche durchsetzen. Das könnte Signalwirkung für andere Branchen haben. Die Wirtschaft schlägt Alarm.

Mit der alternden Gesellschaft steigt auch der Bedarf an Pflegepersonal.
Mit der alternden Gesellschaft steigt auch der Bedarf an Pflegepersonal.
Mit der alternden Gesellschaft steigt auch der Bedarf an Pflegepersonal. – (c) Angelika Warmuth / dpa / picture (Angelika Warmuth)

Wien. Walter Marschitz weiß, wie es in der Branche zugeht. Er war 15 Jahre lang Geschäftsführer des Hilfswerks Österreich. Heute leitet er die Sozialwirtschaft Österreich. Das ist die Interessenvertretung der Arbeitgeber für Gesundheits- und Sozialberufe. Für die aktuellen Forderungen der Gewerkschaft hat er wenig Verständnis. „Würden wir das alles erfüllen, wären manche Organisationen existenziell gefährdet. Dann stehen wir in ein paar Monaten vor einem Pflegekollaps.“

Die Gewerkschaft verlangt eine Lohnerhöhung um drei Prozent und eine Arbeitszeitverkürzung von 38 auf 35 Wochenstunden. Weil man sich nicht einigen konnte, hat sie für den gestrigen Donnerstag und heute, Freitag, zu Warnstreiks in 144 Einrichtungen aufgerufen. Allein in Wien beteiligten sich 11.000 Beschäftigte.

Zu den großen Betrieben der Sozialwirtschaft Österreich gehören die Volkshilfe, die Lebenshilfe und das Hilfswerk. In den 400 Einrichtungen der Branche sind gut 100.000 Menschen beschäftigt: als Pfleger, Sozialarbeiter, Behinderten- oder Flüchtlingsbetreuer, in Heimen oder bei mobilen Pflegediensten. Im Vorjahr nahmen 147.037 Menschen in Österreich mobile Pflege in Anspruch. Das kann Essen auf Rädern sein – oder die stundenweise Putzhilfe.

 

„Festhalten an Retro-Idee“

Die Arbeitnehmervertreter beklagen, dass viele Beschäftigte „am Limit“ seien. Die Arbeit, etwa als Pfleger in einem Hospiz, sei „physisch und psychisch anstrengend“, sagt Hansjörg Miethling von der Gewerkschaft Vida. Der Arbeitsdruck sei enorm. Die Beschäftigten brauchten dringend mehr Zeit zur Erholung und Regeneration.

Die Arbeitszeitverkürzung dürfe aber nicht zu einer Verdichtung der Arbeit führen. Deshalb verlangt die Gewerkschaft die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

Für die Arbeitgeber sind die Forderungen unerfüllbar. „Es gibt sicher Bereiche, in denen die Belastung sehr groß ist“, sagt Arbeitgeber-Chefverhandler Marschitz. Dass die Beschäftigten durchwegs alle „am Limit“ seien, glaubt er nicht. Die Branche leide ohnehin an Personalmangel. Mit einer 35-Stunden-Woche würde dieser Personalmangel künstlich erhöht. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Arbeitskräften, weil immer mehr Menschen Pflege brauchen.

Setzen die Gewerkschaften Vida und GPA-djp die 35-Stunden-Woche durch, hätte das Signalwirkung für andere Branchen. Der Österreichische Gewerkschaftsbund hat die 35-Stunden-Woche schon lang auf der Agenda. So offen gefordert wurde sie aber noch nicht. Schon gar nicht mittels Streiks.

Kein Wunder also, dass sich am gestrigen Donnerstag auch die Wirtschaftskammer zu Wort meldete, um den Arbeitgebern zur Seite zu springen. Es sei völlig unverständlich, dass die Gewerkschaft „an dieser gescheiterten Retro-Idee festhält“, sagte Martin Gleitsmann, der in der WKO die Abteilung Sozial- und Gesundheitspolitik leitet. Die Arbeitszeitverkürzung habe in Frankreich nachweislich Jobs gekostet und in Österreich bei den Ärzten medizinische Engpässe verursacht. Statt kürzerer brauche es flexiblere Arbeitszeiten, so Gleitsmann.

 

Keine Alternative zum Sparen

Auch die deutsche Gewerkschaft hat das Thema Arbeitszeit auf der Tagesordnung. Bei den gerade zu Ende gegangenen Lohnverhandlungen erstritt sie für die Beschäftigten die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit vorübergehend auf 28 Stunden zu reduzieren – und ein Rückkehrrecht in die Vollzeit. Den geforderten Lohnausgleich konnte sie nicht durchsetzen. In Österreich soll heute jedenfalls noch einmal gestreikt werden. Dabei sind Gewerkschaft und Arbeitgeber in manchen Punkten sogar einer Meinung – etwa bei den Löhnen. Marschitz spielt den Ball an die öffentliche Hand weiter. Das Hilfswerk oder die Volkshilfe bekommt von den Ländern fixe Kostensätze als finanzielle Unterstützung. Die seien zuletzt nicht ausreichend erhöht worden. Daher könne man die Löhne nicht um drei Prozent anheben.

Die öffentliche Hand messe mit zweierlei Maß, sagt er: Im öffentlichen Pflegebereich würden die Gehälter erhöht, die Kostensätze für private und gemeinnützige Einrichtungen aber nicht einmal an die Inflation angepasst.

In der Bundeshauptstadt zahlt der Fonds Soziales Wien die Kostensätze aus. Dessen Geschäftsführer, Peter Hacker, will mit der Diskussion eigentlich gar nichts zu tun haben – sagt dann aber doch: Man habe einen Sparpfad einzuhalten, der vom Bund vorgegeben sei. „Wir haben keine Alternative, als das umzusetzen.“

AUF EINEN BLICK

Das Medianeinkommen im Gesundheits- und Sozialbereich liegt bei 2226 Euro brutto inkl. Sonderzahlungen. 70 Prozent der Beschäftigten arbeiten Teilzeit, 70 Prozent sind Frauen. Ein Vollzeitpflegeassistent (Verwendungsgruppe 5) erhält 1913 Euro brutto.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2018)

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