Der „gefährlichste Mann Europas“ zu Besuch in Wien

Jens Weidmann könnte der nächste EZB-Chef werden. Der deutsche Hardliner wird oft angefeindet. Nicht so in Österreich.

GROSSES GOLDENE EHRENZEICHEN FUeR DEUTSCHE-BUNDESBANK-PRAeSIDENT: WEIDMANN / NOWOTNY
GROSSES GOLDENE EHRENZEICHEN FUeR DEUTSCHE-BUNDESBANK-PRAeSIDENT: WEIDMANN / NOWOTNY
APA/HERBERT NEUBAUER

Warum wird der deutsche Bundesbank-Chef, Jens Weidmann, mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet? Diese Frage sollte am Montag bei der Verleihung dieses Ordens in der Nationalbank beantwortet werden. Gouverneur Ewald Nowotny meinte aber gleich zu Beginn: „Die Verleihung der Auszeichnung bedarf bei Jens Weidmann eigentlich keiner speziellen Begründung.“ Immerhin sei Weidmann einer der „wichtigsten Notenbanker der Welt“, ein „Freund“ und ein „überzeugter Kämpfer für Europa“.

Also wurde der Orden rasch verliehen, um zum eigentlichen Grund des Termins zu kommen. Jens Weidmann, von Angela Merkel persönlich auserkoren, soll 2019 auf Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank folgen. Da kann es nicht schaden, ihn mal live zu erleben – und die Freundschaft zu betonen. Immerhin sitzen Österreich und Deutschland im selben Hartwährungs-Boot. Weder Wien noch Berlin will aus Europa eine Transferunion machen, aber beide wollen den Euro stärken. Die Frage ist nur: wie?

Dass Weidmann als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Draghis gilt, ist vor allem seiner Nationalität geschuldet. Deutschland ist dran. So einfach ist das. Leicht wird sein Job aber sicherlich nicht. Auch deshalb, weil der geldpolitische Hardliner es sich selbst schwer macht. Immerhin hat sich Weidmann als Einziger in Europa gegen das laufende Ankaufprogramm für Staatsanleihen und andere Wertpapiere gestellt.

Simon Tilford, der Chefökonom des bisher eher unbekannten Tony Blair Institute for Global Change, nennt Weidmann gar den „gefährlichsten Mann Europas“. „Der Favorit für die Leitung der EZB scheint nicht an Zentralbanken zu glauben“, schreibt Tilford im US-Magazin „Foreign Policy“. Weidmann habe die Interessen seiner Heimat mit mehr Nachdruck vertreten als andere EZB-Notenbanker. Eine Darstellung, der Weidmann selbst wohl mit Nachdruck widersprechen würde. Aber er ist solche Angriffe aus dem angelsächsischen Raum wohl längst gewohnt. Dort sind massive Eingriffe der Notenbank Usus, während sie in Deutschland und anderen europäischen Hartwährungsländern als geldpolitischer Hokuspokus abgelehnt werden.

Zinsschritte 2019?

Das wird sich auch nicht ändern. Die Geldpolitik müsse sich auf ihr Mandat der Geldwertstabilität konzentrieren können, so Weidmann am Montag in Wien: „Denn es tut ihr auf Dauer nicht gut, immer wieder als Krisenfeuerwehr ausrücken zu müssen.“ Die Anleihenkäufe müssten bald beendet werden, damit die Geldpolitik sich normalisieren könne, um Spielraum für neue Krisen zu schaffen. Erste Zinsschritte stellt er für 2019 in Aussicht. Überhaupt war seine Wiener Rede so etwas wie ein Ausblick in die Zukunft der Eurozone.

Eine Zukunft, in der sich die EZB wieder auf das Wesentliche konzentriert: Zinsen und Preisniveau. Man kann sich Jens Weidmann auch als europäischen Realisten vorstellen, der weiß, dass allzu schnelle Bewegungen genauso gefährlich sind wie Stillstand.

„Die asymmetrische Konstruktion der Währungsunion – gemeinsame, einheitliche Geldpolitik bei zugleich nationaler Souveränität in der Finanzpolitik – hat sich als anfällig für Fehlentwicklungen und Krisen erwiesen. Die Bereitschaft, nationale Souveränität zu europäisieren, ist aber nach wie vor sehr gering. Bis auf Weiteres wird es daher bei dieser Asymmetrie bleiben, und es gilt Wege zu finden, wie die Währungsunion auch in diesem Rahmen noch stabiler werden kann“, so Weidmann.

Der ESM, die Bankenunion und die gemeinsame Aufsicht hätten die Eurozone stabiler gemacht. Nach dem Ende der Krise seien die Ausgangsbedingungen so gut wie lange nicht mehr. Es müsse geklärt werden, welche Aufgaben die EU übernehmen soll, was den Staaten vielleicht zurückgegeben werde – und wo Einsparungen möglich seien. Die Zeit dränge, so Weidmann: „Denn ewig fortdauern wird auch der aktuelle Aufschwung nicht.“


[OBT9X]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2018)

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