Bewundert, gehasst, verjagt: Der jähe Sturz des Werbezaren

Sir Martin Sorrell, Gründer und Chef des weltgrößten Werbekonzerns WPP, kam seiner Ablöse wegen Untreueverdachts zuvor.

Ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen? WPP-Gründer Sorrell muss gehen.
Ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen? WPP-Gründer Sorrell muss gehen.
Ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen? WPP-Gründer Sorrell muss gehen. – (c) REUTERS (Stefan Wermuth)

Wien/London. Der Mann hat nicht wenige Feinde, und auf ihre Schadenfreude kann man wetten. Als einen „widerlichen kleinen Dreckskerl“ bezeichnete ihn Werbelegende David Ogilvy. Ein Vorstandschef des französischen Rivalen Havas lästerte: „Normalerweise sind die Franzosen arrogant, aber ich habe einen Kerl gefunden, der arroganter als unsere ganze Nation ist.“ Da klingt es ja schon fast versöhnlich, wenn ein Nachfolger des soeben Zitierten nun resümiert: „Er war nicht weithin beliebt, aber er wurde von allen bewundert.“

War, wurde: Man spricht nun von Martin Sorrell, als wäre der Gründer von WPP, der weltgrößten Weberholding der Welt, soeben verstorben. In einer Abschiedsbotschaft an über 200.000 Mitarbeiter schreibt der 73-Jährige selbst: „WPP ist für mich nicht einfach eine Sache von Leben und Tod, es ist wichtiger für mich – und wird es bleiben.“ In der Nacht auf Sonntag hat der Alleinherrscher über ein globales Werbe-, Marketing- und PR-Imperium seinen Hut genommen.

Und das nicht freiwillig: Am kommenden Freitag sollten externe Juristen dem Verwaltungsrat die Ergebnisse ihrer Untersuchung präsentieren. Der Vorwurf: Der längstdienende Chef eines börsenotierten britischen Konzerns soll Firmengelder veruntreut und sich auch sonst unredlich benommen haben. Auch wenn Sorrell die Vorwürfe bestreitet: Es ist ein unrühmlicher Abgang, ein tiefer Fall.

Denn was der Sohn jüdischer Immigranten aus der heutigen Ukraine aufgebaut hat, ist eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der britischen Wirtschaft. Nach einem Studium in Cambridge und Harvard arbeitete er anfangs als Investmentbanker und dockte als erster Finanzchef von Saatchi & Saatchi eher zufällig bei der Werbebranche an. 1985 kaufte der damals 40-Jährige mit einem Kredit eine kleine Provinzfirma: Wire and Plastic Products (WPP) stellte bis dahin, wie der Name verrät, Einkaufskörbe für Supermärkte aus Draht und Plastik her. Von da an Werbung, von einem Drei-Mann-Büro in London aus. Bald schon startete der ehrgeizige Workaholic seine eigene Einkaufstour: 1987 kaufte er J. Walter Thomson, die älteste Werbeagentur der Welt. Zwei Jahre später (dazwischen lag der Börsengang) schnappte er sich Ogilvy & Mather – zu teuer und mit zu hohen Schulden, was fast in den Ruin führte. Stattdessen ging es munter weiter: Kurz nach dem Ritterschlag durch die Queen kam 2000 Young & Rubicam dazu, 2005 dann Grey.

 

Revolte gegen hohes Gehalt

Die Gruppe, an der Sorrell nur mehr zwei Prozent der Anteile hält, wurde fast unüberschaubar. Nur die eiserne Hand des Chefs hielt sie zusammen – freilich mit so viel Erfolg, dass sein Board ihm ein immer üppigeres Gehalt gewährte. Bis es den Eigentümern zu bunt wurde: 2012 stand Sorrell im Zentrum des „Shareholder-Frühlings“, einer Revolte von Aktionären gegen als überhöht empfundene Gehälter. Mit wenig Erfolg: 2015 streifte der Manager 70 Mio. Pfund ein, eine der höchsten Jahresvergütungen der britischen Geschichte; in den fünf Jahren bis Ende 2016 waren es 200 Mio. Pfund. Damit war der Zenit des Ruhms aber überschritten: Seit dem Vorjahr laufen die Geschäfte schlecht, der Aktienkurs ist um ein Drittel eingebrochen.

Freilich rutsche er am Montag weiter ab – die Aktionäre trauern der legendären Unternehmerpersönlichkeit dann doch nach. Nun fürchten viele das Chaos. Vorerst steuern interne Vizechefs den schlingernden Dampfer weiter. Manche Analysten erwarten, dass WPP zerschlagen wird. Das Ganze ist hier weniger wert als die Summe seiner Teile.

Auch privat hat Sorrell alle Höhen und Tiefen erlebt. Drei Jahrzehnte Ehe mündeten 2005 in einen hässlichen, vom Boulevard breitgetretenen Rosenkrieg mit dem bisher teuersten britischen Scheidungsvergleich: 23 Mio. Pfund, ein historisches Stadtpalais und zwei Stellplätze bei Harrods.

Seine zweite Frau, eine 35-jährige Italienerin, darf ihn nun trösten, wie auch seine drei Söhne, erfolgreiche Hedgefondsmanager und Finanzvorstände in fremden Firmen. Für seine Leidenschaft, das Endlosspiel Cricket, bleibt nun mehr Zeit. „Glück auf“, ruft Sorrell seiner Mannschaft zu, „ich werde euch alle sehr vermissen!“ (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2018)

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