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Fluch oder Segen? Das Gerangel um den Zwölf-Stunden-Tag

Dossier Die einen sprechen von einer dringend notwendigen Flexibilisierung, die anderen vom "Lohnraub". Beim neuen Arbeitszeit-Gesetz sind die Fronten verhärtet. Die "Presse" hat sich angeschaut, was sich künftig ändern soll - und betrachtet das Thema Arbeitszeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein Dossier von Herbert Asamer, Davina Brunnbauer, Stefanie Kompatscher und Elisabeth Postl.

Seit Wochen gehen die Wogen rund um das neue Arbeitszeit-Gesetz hoch. Wirtschaftskammer und Industrie auf der einen und Arbeitnehmervertretungen und SPÖ auf der anderen Seite werfen der Gegenseite fast täglich in Aussendungen "Lügen" und "Propaganda" vor. Die Regierungsspitze wird von den Gegnern sowieso fast nur noch als "Konzernkanzler" und "Arbeiterverräter" bezeichnet. Und fast 100.000 Menschen gingen nach einem ÖGB-Aufruf aus Protest gegen das neue Gesetz auf die Straße.

Während Vizekanzler Heinz-Christian Strache das neue Gesetz blumig auf seiner Facebook-Seite anpreist („Mehr Flexibilität für heimische Arbeitnehmer – weil uns Freiheitlichen mehr Zeit für die Familie und eine ausgewogene Work-Life-Balance ein Anliegen ist!“) und die Wirtschaft von einer Win-Win-Situation spricht, schlagen Arbeitnehmer und Gewerkschaft Alarm, dass bald nichts mehr so sein wird wie vorher und drohen mit Kampfmaßnahmen.

Am Donnerstag soll das Arbeitszeit-Gesetz - in dem es in erster Linie um eine Ausweitung der täglich Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden geht - dennoch im Parlament beschlossen werden.

"Die Presse" hat sich angeschaut, was auf die Arbeitnehmer zukommen soll und die verschiedenen Positionen rund um das große Streitthema zusammengefasst. Außerdem schauen wir über den Tellerrand und zeigen auf, wie es mit der Arbeitszeit im Europa-Vergleich bestellt.

Was sagt die Regierung?

Per Initiativantrag brachten Türkis-Blau ihre Änderungswünsche beim Arbeitsrecht ein. Der Ursprungsantrag der Regierung musste allerdings nachgeschärft werden.

Angekündigt hatte Türkis-Blau ja schon länger, der aktuellen gesetzlichen Arbeitszeitregelung an den Kragen zu wollen. Ende Mai schien das Projekt dann einen zeitlichen Rahmen zu bekommen: Im Herbst könne es so weit sein, meinte Sozialministerin Hartinger-Klein (FPÖ), deren großes Ressort für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz eigentlich inhaltlich für die Arbeitszeitregelung zuständig wäre. Doch: Um Hartinger-Klein machte die Regierung diesmal offenbar einen Bogen. Und schickte Mitte Juni eher überraschend einen gemeinsamen Initiativantrag ins Parlament. Der Rest, möchte man meinen, ist Geschichte.

Arbeitszeit soll an Auftragslage angepasst werden

Doch was sieht der Plan von ÖVP und FPÖ eigentlich vor? Im Initiativantrag zu lesen ist grundsätzlich eine Ausweitung der gesetzlichen Arbeitszeit: Die Regierung wünscht sich, dass "das Arbeitszeitvolumen besser an die Auftragslage" angepasst werden kann. Außerdem soll eine "bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit" gewährleistet werden. Wie das gelingen soll? Indem die mögliche Höchstarbeitszeit erhöht wird.

  • Geht es nach der Änderungsvorlage der Regierung, wächst die täglich mögliche Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden - fünf Mal pro Woche.
  • Arbeitnehmer sollen künftig auch mehr Überstunden machen können, gibt es "höheren Arbeitsbedarf" bei Unternehmen. Arbeitnehmer sollen in so einem Fall die Mehrarbeit aus "überwiegenden persönlichen Interessen" ablehnen können, allerdings nur dann, wenn dadurch eine Tagesarbeitszeit von zehn Stunden oder eine Wochenarbeitszeit von 50 Stunden überschritten würde.
  • Ganz vom Arbeitszeitgesetz ausgenommen werden Familienangehörige die im Unternehmen arbeiten. Auch bei Angestellten werden die Ausnahmen erweitert: Neben leitenden Angestellten werden künftig auch sonstige Arbeitnehmer, denen "maßgebliche selbstständige Entscheidungsbefugnisse" übertragen werden, von den Regeln ausgenommen. Für sie gelten dann keine Arbeitszeit-Beschränkungen.

So viel zu den wesentlichen Punkten des Änderungsvorschlages der Regierung - der das Arbeitszeitgesetz, das Arbeitsruhegesetz und das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz betreffen. Bei Letzterem will die Regierung ein "Risiko- und Auffälligskeitsanalyse-Tool" festschreiben, um Missbräuche überprüfen zu können, etwa bei Krankenständen oder bei Schwarzarbeitsverdacht. Alle Änderungen sollen mit 1. Jänner 2019 umgesetzt werden.

Nach der Kritik der Limbo

Die Kritik an den Plänen kam freilich - schnell und harsch. Die Regierung tanzte daraufhin Limbo beim Versuch, das Bild zu korrigieren: Weil die immer wieder betonte "Freiwilligkeit" bei Überstunden im angedachten Gesetz keinen Platz fand, verkündete Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) eine "Präzisierung" des Gesetzestextes, wobei auch das Ablehnen von elfter und zwölfter Arbeitsstunde ohne der Angabe von Gründen festgeschrieben werden solle. Sowohl Strache als auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hielten anschließend fest, dass der Acht-Stunden-Tag "gesetzlich gesicherte Normalität" sei. Die Reform, meinte Kurz erst kürzlich im Parlament, sei außerdem gar keine große.

Tatsächlich schrieben die Koalitionsparteien diese Änderung dann auch in einen Abänderungsantrag, genauso wie eine Präzisierung bei der Gleitzeit. Nachverhandeln will die Regierung nicht mehr.

Opposition dagegen, aber aus unterschiedlichen Gründen

Die SPÖ tritt gemeinsam mit der Gewerkschaft gegen den Zwölf-Stunden-Tag auf, auch wenn schon Christian Kern eine Reform der Arbeitszeit auf den Weg bringen wollte. In seinem "Plan A" sollen nur dann zwölf Stunden erlaubt werden, wenn es im Ausgleich "längere zusammenhängende Freizeitblöcke" gibt.

Die Liste Pilz tritt generell gegen eine Ausweitung der Maximalarbeitszeit auf und fordert die Einführung einer 35-Stunden-Woche.

Die liberalen Neos sind zwar für eine Arbeitszeitflexibilisierung. Die "Dampfwalzenpolitik" der Regierung goutiert die Partei aber nicht. Das Gesetz sei außerdem "handwerklich schlecht gemacht". Besonders problematisch findet man, dass künftig Angestellte mit "maßgeblich selbstständiger Entscheidungsbefugnis" vom Arbeitszeitgesetz und Arbeitsruhegesetz ausgenommen werden können.

Arbeitnehmer

Was sagen die Arbeitnehmer?

Die Gewerkschaft will "mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen" gegen die "60-Stunden-Woche" vorgehen und schießt sich auf "Konzernkanzler Kurz" und "Arbeiterverräter Strache" ein.

"Willkommen in der neuen Welt der Arbeit", so der Name eines aufwendig produzierten Internet-Videos der Wirtschaftskammer: Im Spot präsentiert die WKO eine heile kunterbunte Welt, in dem kleine animierte Männchen den Zwölf-Stunden-Tag als Segen für alle Menschen besingen. Als Segen entpuppte sich das Internetvideo, das für Spott und Häme sorgte, letztendlich für die Arbeitnehmerseite. Da nützte es auch nichts mehr, dass WKO-Chef Harald Mahrer von einem „gesteuerten Protest“ sprach.

Natürlich haben Gewerkschafter und Arbeiterkammer auch aktiv die Werbetrommel für ihre Anliegen gerührt. Ihre Botschaft ist klar und sie ist auch angekommen: Am 30. Juni gingen zwischen 80.000 und 100.000 Menschen in Wien auf die Straße, um gegen eine Ausweitung der Maximalarbeitszeit zu protestieren. Das ist ein starkes Zeichen von einer Interessenvertretung, die einen Machtverlust befürchtet. Denn schon jetzt sind Zwölf-Stunden-Tage möglich, allerdings nur unter Mitsprache der Betriebsräte.

ÖGB-Demo: "Nein zum 12-Stunden-Tag": Die ÖGB-Demo in Bildern

 

Wenn sie den Arbeitskampf wollen, dann sollen sie ihn kriegen.

Baugewerkschafter Josef Muchitsch

Am 2. Juli wurden in mehreren Unternehmen – darunter die ÖBB – Betriebsversammlungen abgehalten, was zu Störungen im Verkehr führte. Kommt es bald zum Streik? ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian erklärte bei der Protestkundgebung: "Wir werden Widerstand leisten mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen“. Baugewerkschafter und SPÖ-Abgeordneter Josef Muchitsch meinte: "Wenn sie den Arbeitskampf wollen, dann sollen sie ihn kriegen.“ Sein Parteichef Christian Kern kündigte den Antrag auf eine Volksabstimmung an. Ansonsten wolle man gemeinsam "mit der Zivilgesellschaft" weitere Maßnahmen ergreifen - auch ein Volksbegehren stehe im Raum.

Ein Foul leistete sich Post-Gewerkschaftschef Helmut Köstinger, der für ÖGB-Verhältnisse komplett unüblich zum Sturz der "unsozialen Regierung" aufrief. Katzian bemühte sich zu besänftigen: Man akzeptiere eine demokratisch gewählte Regierung – dies gelte aber nicht für ihre Maßnahmen.

Wie mobilisieren nun die Arbeitnehmervertreter ihre Anhänger? Der Gewerkschaftsbund spricht, genauso wie die SPÖ, generell nur noch vom „12-Stunden-Tag“, und noch lieber von der „60-Stunden-Woche“. In ihrer Argumentation vergessen die Arbeitnehmervertreter meist zu erwähnen, dass eine 60-Stunden-Woche auf Dauer gar nicht möglich ist, gibt es doch eine EU-Richtlinie, die die höchstzulässige durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden begrenzt. Sprich: Wer eine Woche 60 Stunden arbeitet, muss das auch wieder ausgleichen.

„Konzernkanzler Kurz, Arbeiterverräter Strache“

Bei der Bezeichnung der Regierungsspitze hat man sich offenbar auf ein Wording geeinigt. In Aussendung von ÖGB und SPÖ ist fast nur noch vom „Konzernkanzler Kurz“ und „Arbeiterverräter Strache“ die Rede, die im Auftrag ihrer „Großspender aus der Industrie“ handeln würden. Damit spielen sie vor allem auf eine Spende von fast 440.000 Euro an, die KTM-Chef Stefan Pierer im Vorjahr der Volkspartei zukommen ließ – und die in der Tat ungewöhnlich hoch ist.

Die „Freiwilligkeit“, die zuletzt von der Regierung betont wurde, konnte die Gewerkschafter nicht besänftigen. „Das macht den Anschlag auf die Arbeitnehmer keinen Deut besser, denn wie oft kann man denn Überstunden ablehnen, ohne gefährdet zu sein, den Arbeitsplatz zu verlieren“, erklärt etwa Josef Muchitsch. Auch in der Arbeiterkammer (AK) hält man wenig davon: "'Freiwilligkeit" ist in der Arbeitswelt relativ'", heißt es in einer Stellungnahme. Schließlich seien Beschäftigten auf ihren Job und auf ein gutes Betriebsklima angewiesen.

Das kommt einem Lohnraub gleich!

Fritz Pöltl, Fraktion Christlicher Gewerkschafter

Ein strittiger Punkt ist stets, ob Personen in Gleitzeit künftig benachteiligt werden. Die Industrie beharrt darauf, dass sich nichts ändert – außer der Gleitzeit-Rahmen. Würden Überstunden angeordnet, gebe es ohnehin einen Zuschlag, ansonsten würde der Arbeitnehmer freiwillig so lange arbeiten. Ob das in der Praxis auch so sein wird? Gewerkschafter überzeugt die Argumentation jedenfalls nicht, auch nicht die Fraktion Christlicher Gewerkschafter im ÖGB, die dem ÖVP-Arbeitnehmerbund ÖAAB nahe steht: "Das kommt einem Lohnraub gleich!", kritisierte Landesgeschäftsführer Fritz Pöltl.

Welche Geschütze führen Arbeitnehmervertreter neben dem „Lohnraub“ sonst noch auf? Da wären die Warnung vor gesundheitlichen Belastungen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch die vor einem Zusammenbruch der „solidarischen Gesellschaft“. So warnten mehrere Arbeitnehmervertreter in Aussendungen davor, dass auch das „Ehrenamt in Gefahr“ sei. Wie lasse sich ein Engagement in der Freiwilligen Feuerwehr mit einem Zwölf-Stunden-Tag vereinbaren, fragte man sich – und startete einen Aufruf an die zahlreichen Vereinsmitglieder in Österreich: Sie sollen bei ihren Bürgermeistern protestieren.

Arbeitgeber

Was sagen die Arbeitgeber?

Wirtschaftskammer und Industrie sehen im Machtverlust der Gewerkschaft den Grund für den Widerstand. Die Beschäftigten würden ohnehin flexibler arbeiten wollen.

Die Sozialpartnerschaft scheint aus dem Gleichgewicht geraten, verfolgt man die Wortmeldungen zur geplanten Arbeitszeitflexibilisierung. Die Gewerkschaft spricht von "Lohnraub" und droht mit Kampfmaßnahmen. Industrie und die Wirtschaftskammer sprechen dagegen von dringend notwendigen Anpassungen und sehen im Gegenüber die Ursache dafür, dass hierzulande nichts weitergehe. Nicht die Beschäftigten würden die Flexibilisierung verhindern, sondern vielmehr die Gewerkschaften, die einen Machtverlust fürchten. Denn künftig müssen Arbeitgeber nicht mehr zu Betriebsrat und Gewerkschaft pilgern, ob sie aufgrund von Auftragsspitzen ihre Mitarbeiter länger als zehn Stunden arbeiten lassen können.

Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer verweist darauf, dass fallweise Elf- oder Zwölf-Stunden-Tage in weiten Bereichen ohnehin schon Normalität sind, etwa in Krankenhäusern oder im öffentlichen Dienst. Durch die Reform können junge Unternehmer und Start-ups flexibler auf Kundenaufträge reagieren, argumentiert die Junge Wirtschaft. Vor allem müsse auch dem durch die Digitalisierung erfolgten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel Rechnung getragen werden.

Wirtschaftsbund-Umfrage: 75 Prozent für mehr Flexibilität

Um zu zeigen, dass die Stimmung unter den Beschäftigten gar nicht so negativ ist, hat der ÖVP-Wirtschaftsbund bei GfK eine Studie in Auftrag gegeben, um die Stimmung bei den heimischen Beschäftigten auszuloten. Demnach sind 75 Prozent der Arbeitnehmer der Meinung, dass Unternehmer und Mitarbeiter wegen des internationalen Wettbewerbs flexibler sein müssen als früher. Ebenso viele der Befragten können sich sehr wohl vorstellen können, einen Zeitpolster aufzubauen, um dadurch mehr Freizeit konsumieren zu können.

Die Arbeitnehmer-Vertretung ist in der neuen Arbeitswelt wohl noch nicht ganz angekommen

Wirtschaftsbund

Für den Wirtschaftsbund ein Signal, dass die Mitarbeiter in den österreichischen Betrieben flexibler als Gewerkschaft und Arbeiterkammer sind. Das Fazit: "Die Arbeitnehmer-Vertretung ist in der neuen Arbeitswelt wohl noch nicht ganz angekommen".

Das Thema Arbeitszeit werde seit mehr als 15 Jahren verhandelt. Und die Arbeitnehmerseite habe dringende Anliegen sowohl von Beschäftigen als auch Unternehmen ignoriert und auf sozialpartnerschaftlicher Ebene beständig Lösungen blockiert, sagt die Industriellenvereinigung (IV). Die freiwillige Interessenvertretung der heimischen  Industrie möchte auch mit dem "Märchen eines generellen 12-Stunden-Tages oder einer generellen 60-Stunden-Woche" aufräumen. Solche Regelungen gebe es weder jetzt noch in Zukunft. Eine diesbezügliche Kampagne der Industrie vor der ÖGB-Zentrale sorgte für Ärger bei der Gewerkschaft.

Die IV wird jedenfalls nicht müde zu betonen, dass die Anhebung der maximalen Tageshöchstarbeitszeit lediglich bedeute, dass an einzelnen Tagen statt zwei künftig bis zu vier Überstunden pro Tag geleistet werden können. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit dürfe sowieso 48 Stunden nicht überschreiten, wie es eine EU-Richtlinie vorsieht.

WKO: Aufträge können nicht angenommen werden

Der Industrie geht es um längeres Arbeiten, wenn etwa ein Projekt dringend abgeschlossen werden muss. Oftmals können Aufträge nicht angenommen werden, monieren Unternehmer. Die für den Standort überfällige Flexibilisierung der Arbeitszeit würde helfen, trotz Fachkräftemangels die viel zitierten "Auftragsspitzen" abdecken zu können. Mit "Überstundenklau" soll das nichts zu tun haben.

Österreich als stark exportorientiertes Land profitiere von der Internationalisierung. Der Außenhandel sichere immerhin 1,7 Millionen hochwertige Arbeitsplätze im Land. Daher verweist die IV auf den internationalen Vergleich, wonach es in den „Parade-Sozialstaaten“ Norwegen und Schweden nur Vorgaben für Ruhepausen gebe, aber keine gesetzlichen Höchstgrenzen für die tägliche und wöchentliche Höchstarbeitszeit. Ein 13-Stunden-Tag wäre dort daher möglich. Und über 80 Prozent der Unternehmen mit mehr als neun Mitarbeitern in Finnland, Dänemark und Schweden würden diese flexible Arbeitszeiten auch leben, führt die IV ins Treffen.

Auch der Tourismus, der oft händeringend nach Mitarbeitern sucht, verteidigt den Gesetzesentwurf. Die Wertschöpfung des Wirtschaftszweigs lag im Vorjahr bei 58,8 Milliarden Euro, immerhin 15,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Über 480.000 Menschen sind in der Branche beschäftigt. Dort sieht man mit den neuen Rahmenbedingungen eine große Chance, flexibel auf Gästeströme und die Bedürfnisse der Kunden zu reagieren. Denn: Die Ruhezeiten der Tourismus-Mitarbeiter können unter gewissen Bedingungen von elf auf acht Stunden verkürzt werden.

Zitate: ''Alles, was uns die Arbeitgeber über die Regierung wegnehmen, werden wir uns über die KV-Runde zurückholen''

Europa

Was sagt der Europa-Vergleich?

Wo steht Österreich bei der Arbeitszeit im Europavergleich? Wie lange darf in anderen Ländern maximal gearbeitet werden und wie viel wird überhaupt durchschnittlich gearbeitet?

Die Österreicher arbeiten schon jetzt sehr viel: im Durchschnitt 42,7 Stunden pro Woche. Das liegt über der EU-Mitte bei 41,3 Stunden pro Woche. Schlusslicht ist Dänemark bei 38,7 Stunden. Die meisten Staaten bewegen sich bei rund 40 bis 41 Stunden - etwa Schweden, Frankreich, Italien, die Niederlande und Ungarn. Mehr als in Österreich wird nur noch in Griechenland mit durchschnittlich 44 Stunden gearbeitet. Und die Griechen werden einzig von ihren Nachbarn in der Türkei geschlagen - hier kommen die Menschen durchschnittlich auf 49,6 Stunden pro Woche.

Mit der gesetzlichen Grundlage hat dies aber nicht zwangsläufig zu tun. Was die rechtliche Einschränkung betrifft, gibt den Rahmen eine EU-Richtlinie zur Arbeitszeit aus 2003 vor. In dieser wurde festgelegt, dass eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden einschließlich der Überstunden nicht überschritten werden darf. Der Durchrechungszeitraum, in dem Überschreitungen dieser Grenze ausgeglichen werden können, beträgt vier Monate. Unter bestimmten Bedingungen kann er auch auf sechs Monate ausgedehnt werden. Wenn es im Kollektivvertrag ausgehandelt wurde, ist auch eine Durchrechnung über ein ganzes Jahr zulässig.

In der nationalen Gesetzgebung haben die einzelnen EU-Länder neben dieser durchschnittlichen Höchstgrenze auch eine grundsätzliche Maximalarbeitszeit festgelegt. Die meisten Staaten setzen die wöchentliche Maximalarbeitszeit inklusive Überstunden auf 48 Stunden fest. Nur Österreich, Belgien und Kroatien haben derzeit eine gesetzliche Maximalarbeitszeit von 50 Stunden pro Woche, Deutschland und die Niederlande halten bei wöchentlich 60 Stunden. Österreich würde durch das geplante neue Arbeitszeitgesetz auch 60 Stunden ermöglichen. Norwegen, freilich kein EU-Land, hat die Maximalarbeitszeit pro Woche gar auf 69 Stunden pro Woche festgelegt.

Maximal 13 Stunden pro Tag

Die tägliche Maximalarbeitszeit wird in der EU-Richtlinie nicht festgelegt, nur eine Ruhephase von elf Stunden je 24-Stunden-Zeitraum. Im Umkehrschluss macht dies also eine tägliche Maximalarbeitszeit von 13 Stunden aus. Anders als bei der wöchentlich erlaubten Arbeitszeit befindet sich Österreich bei der täglich erlaubten Arbeitszeit im unteren Drittel. Im Schnitt haben die meisten EU-Länder die tägliche Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden festgelegt.

Mit der von ÖVP-FPÖ geplanten Gesetzesänderung würde sich Österreich damit in den EU-Durchschnitt einreihen. Einzig Norwegen tanzt auch bei den täglichen Arbeitsstunden aus der Reihe: Mit 16 Stunden ist das skandinavische Land auch hier an erster Stelle bei den erlaubten Stunden. Der Vergleich mit den durchschnittlich geleisteten Arbeitstunden zeigt aber, dass dort tatsächlich nicht mehr gearbeitet wird. Mit durchschnittlich 39 Stunden pro Woche ist das sogar um einiges weniger als in Österreich (42,7).

Experten

Was sagen die Experten?

Zwei Experten, drei Meinungen: Wissenschaftler sind sich nicht einig, wie der Zwölf-Stunden-Tag zu bewerten ist.

Einige Experten aus Recht, Politikwissenschaft, Medizin, Psychologie und Soziologie gehen mit der von der Regierung geplanten Erweiterung der täglichen Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden hart ins Gericht. "Die Notwendigkeit der Novelle ist bei genauerer Betrachtung nicht zu sehen - auch nicht die ökonomische", sagte der Soziologe Jörg Flecker von der Universität Wien. Längere Arbeitszeiten, um Aufträge schneller abarbeiten zu können, bedeute nicht ein Mehr an Aufträgen, sondern, dass ein anderes Unternehmen eben diesen Auftrag nicht bekomme.  Der Wissenschafter von der Uni Wien ortet die Gefahr von Sozialdumping. Ebenso bestreitet er die von der Regierung ins Treffen geführten Vorteile sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer.

Der Psychologe Gerhard Blasche von der Medizinischen Universität stößt sich nicht so sehr an vereinzelten Zwölf-Stunden-Tagen, sondern vor allem an der 60-Stunden-Woche. Über einen längeren Zeitraum mehr als 52 bis 55 Stunden zu arbeiten erhöhe das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden sowie für psychische Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen und Burnout. Der Zwölf-Stunden-Tag stelle keine nachhaltige Gefahr für die Gesundheit dar, so lange genug Erholung eingeplant ist. Studien mit Altenpflegern hätten gezeigt, dass nach zwei Zwölf-Stunden-Schichten drei Tage Erholung nötig sind.

"Selbstbestimmtes Gleiten als Mythos"

Für den Arbeits- und Sozialrechtler Martin Risak von der Universität Wien ist ein Problem, "dass das selbstbestimmte Gleiten natürlich in vielen Betrieben ein Mythos ist. Dass im Gleiten oft Überstunden versteckt werden." In den meisten Gleitzeitvereinbarungen sei eine tägliche Höchstarbeitszeit von 10 Stunden enthalten. "Das heißt, man muss diese 10 Stunden, die in den meisten Vereinbarungen enthalten sind, durch 12 ersetzen, und das geht nicht einseitig, sondern eben nur durch Verhandlung". Risak kritisiert auch die geplante Ausweitung des Begriffs „leitender Angestellter“. Diese Beschäftigten haben weitreichende Entscheidungsbefugnis und sind vom Arbeitszeitgesetz ausgenommen. Für die Betroffenen würde das einen Wegfall von Überstundenzuschlägen bedeuten.

Wirtschaftsforscher für Flexibilisierung

Der Arbeits- und Sozialrechtler Wolfgang Mazal - er berät die Regierung - verteidigt dagegen das türkis-blaue Vorhabe. Es werde sichergestellt, dass Arbeitnehmern, die es auf Basis der Freiwilligkeit ablehnen, länger zu arbeiten, keine Konsequenzen fürchten müssten, auch wenn Freiwilligkeit im Arbeitsrecht immer nur bedingt sei. Der Bedarf an Zwölf-Stunden-Tagen sei bei vielen Unternehmen hoch. Bisher gebe es zu viele bürokratische Hürden.

Die Chefs von IHS und Wifo, Martin Kocher und Christoph Badelt sind an sich für eine grundsätzliche Flexibilisierung. Jedoch hätten sie eine Einigung unter Einbindung der Sozialpartner, also Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, eher goutiert. Für den Wifo-Chef ist "das wirkliche Problem, dass die politische Diskussion mit Übertreibungen arbeitet, die schon ans Lächerliche grenzen - auf beiden Seiten."

Franz Schellhorn, Leiter des liberalen Think Thank merkt in einem Gastkommentar im "Profil" an: "In öffentlichen Spitälern durfte bis vor Kurzem noch bis zu 72 Stunden am Stück gearbeitet werden, mittlerweile sind es noch 29 Stunden. In vielen Kollektivverträgen wurden 12-Stunden-Schichten vom ÖGB abgesegnet, etwa in der produzierenden Industrie, im Infrastrukturbereich oder der Gastronomie." Seine Interpretation: "Dem ÖGB geht es nicht um den 12-Stunden-Tag. Sondern um den drohenden Bedeutungsverlust, den es abzuwehren gilt."

Geschichte

Was sagt die Geschichte?

Im Mittelalter arbeiteten die Menschen gar nicht so viel mehr wie heute. Der große Umbruch kam durch die Industrialisierung.

Schon einmal vom „Blauen Montag“ gehört? Im Mittelalter sperrten die Handwerksbetriebe oft am ersten Wochentag zu. Auch wenn es noch keine Arbeitszeitgesetze gab, schufteten die Menschen damals nicht bis zum Umfallen. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im Mittelalter hat der Ökonom Bert Rürup berechnet: "Die jährliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers im 16. Jahrhundert betrug - ohne einen tariflichen Urlaubsanspruch zu haben, aber bedingt durch die zahlreichen kirchlichen und weltlichen Feiertage - etwa 2000 Stunden pro Jahr“. Das ist nicht viel mehr als heute: Im EU-Raum liegt die Jahresarbeitszeit zwischen 1600 und 1800 Stunden.

Im Sommer dauerte der Arbeitstag zwar schon einmal 16 Stunden (von Sonnenanfang bis zum Sonnenuntergang), dafür war aber die Sonne auch der einzige Taktgeber. Minuten und Sekunden waren noch nicht einmal messbar, die Menschen arbeiteten gemächlich, mit ausgiebigen Mittagspausen und Nachmittagsschlaf.

Mit der Industrialisierung war nichts mehr wie zuvor. Die Maschinen gaben den Rhythmus vor – und die brauchten keine Pause. Die Arbeitswoche dauerte oft 80 Stunden, Urlaub gab es keinen, auch Kinder schufteten in den Fabriken, die Zustände waren miserabel. Doch mit der Industrialisierung kam auch die große Zeit der Arbeiterbewegungen.

Eine Chronologie:

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