Ein Rätsel, was Russland plötzlich mit den US-Staatsanleihen macht

Über viele Jahre war Russland neben China und Japan einer der größten Gläubiger der USA. Nun scheint es wie aus heiterem Himmel nicht einmal mehr auf der Liste auf.

Russland zieht sich aus US-Staatsanleihen zurück
Russland zieht sich aus US-Staatsanleihen zurück
Russland zieht sich aus US-Staatsanleihen zurück – REUTERS

Die Verblüffung in der Fachwelt ist im Moment groß. Gewiss, man hatte bemerkt, dass da im April und Mai Bewegung in den Markt für US-amerikanische Staatsanleihen gekommen war und die Renditen zehnjähriger Anleihen von 2,7 auf 3,1 Prozent hochschnellten. Aber man hatte eine wichtige Ursache dafür nicht eindeutig zu erklären vermocht.

Bis Mittwoch. Da gab das US-Finanzministerium die aktuellsten Daten zu ausländischen Eigentümern von US-Staatsanleihen bekannt. Und da kam ans Licht: Russland hat im April und Mai massenweise US-Staatsanleihen auf den Markt geworfen. Unterm Strich hat sich das Land von Papieren im Volumen von 81,2 Milliarden Dollar getrennt.

Fast nichts mehr übrig

Hatte Russland im März noch US-Staatspapiere im Wert von 96,1 Mrd. Dollar gehalten, waren es Ende Mai noch gerade einmal 14,9 Mrd. Dollar. Von einem "ganz großen Rätsel", schreibt die Agentur Reuters. Ob sich Moskau seither auch vom Rest getrennt hat, ist nicht bekannt. Möglich wäre es.

Russland scheint damit auch nicht mehr auf der Liste der 33 größten Gläubiger der USA auf. Um dort vorzukommen, braucht es im Moment US-Papiere im Wert von 30,2 Mrd. Dollar. So viel hält Chile. Angeführt wird die Liste weiterhin von China, Japan und Irland. China hält ein Volumen von sage und schreibe 1,183 Billionen Dollar, bei Japan sind es mit 1,048 Billionen nicht viel weniger, bei Irland immerhin 301 Mrd. Dollar. Alle drei haben ihre Positionen nicht wesentlich verändert. Ohnehin geht die Tendenz auf dem Markt angesichts der zunehmend härteren US-Geldpolitik Richtung Anleihenkauf in den USA.

Russland fällt aus der Reihe

Russland fällt mit seinem Vorgehen demnach völlig aus der Reihe. Begonnen hat es mit der Reduktion seiner Positionen allerdings schon früher, nachdem es am Höhepunkt seiner US-Investitionen im Oktober 2010 Papiere im Wert von 176,3 Mrd. Dollar und im Jahr 2013 immerhin noch über 150 Mrd. Dollar gehalten hatte. Der erste große Abverkauf fand unmittelbar nach der Verhängung der ersten US-Sanktionen im Anschluss an die Krim-Annexion im März 2014 statt. Laut Reuters hat Russland damals US-Staatsanleihen im Wert von 115 Mrd. Dollar verkauft, sie aber zwei Wochen später zurückgekauft. Damals entsprach dies 23 Prozent von Russlands internationalen Währungsreserven.

2017 stockte Russland angesichts der härteren US-Geldpolitik abermals seine Position in den USA auf.

Raus aus dem Dollar?

Die russische Zentralbank, die ihre diesbezüglichen Daten erst mit einer Verzögerung von einem halben Jahr bekanntgibt, ließ das Parlament im Juni nur sehr allgemein wissen, dass es die Investitionen seiner internationalen Reserven diversifiziere – und zwar aufgrund finanzieller, ökonomischer und geopolitischer Risiken, wie Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina sagte.

Das aktuelle Risiko lässt sich also nur mit den neuen US-Sanktionen vom 6. April erklären, wie Experten meinen. Es waren die bisher härtesten Sanktionen gegen mehrere russische Konzerne und Einzelpersonen.

Das offizielle Russland geht mit den Anleihenverkäufen also auf Nummer sicher und schließt offenbar nicht aus, dass russische Gelder im Ausland plötzlich eingefroren werden könnten, wie das im Falle des Iran passiert ist.

Experten zufolge will Russland auch die Abhängigkeit vom Dollar reduzieren, da Washington mit seiner Übermacht jederzeit Dollartransaktionen verbieten kann.

Einen wirklichen Ersatz für den Dollar hat auch Moskau nicht gefunden. Stattdessen hat es in den vergangenen Jahren seine Goldreserven aufgestockt. In den vergangenen Jahren wurden sie auf über 1890 Tonnen vervierfacht. So hoch waren die Reserven seit dem Ende der Sowjetzeit nicht mehr.

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