Post-Chef: „Einzelne Gewerkschafter sind Scharlatane“

Post-Chef Georg Pölzl beklagt „Populismus und Panikmache“ beim Sparkurs. Dieser sei notwendig, um auf Liberalisierung und Konkurrenz durch E-Mail zu reagieren. Wachsen will die Post vor allem im Paketbereich.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

„Die Presse“: Wann haben Sie zum letzten Mal einen Brief geschrieben?

Georg Pölzl: Gestern. Zwei private Briefe sogar.

 

Generell verliert der Brief an Popularität, E-Mail legt zu. Laut einer Post-Studie wird das Volumen von rund einer Mrd. Briefe pro Jahr bis 2025 um zwei Drittel sinken.

Pölzl: Das ist keine autorisierte Studie des Hauses. Solche Aussagen sind ein reines Ratespiel. Faktum ist, dass wir 2009 sechs Prozent des Briefvolumens verloren haben und wir künftig von einem Rückgang zwischen vier und sechs Prozent pro Jahr ausgehen. Wo sich das einpendelt, kann man seriös nicht sagen.

 

Klar ist, dass die Post unter doppeltem Druck steht – einerseits durch elektronische Medien wie E-Mail und anderseits durch mehr Konkurrenz im Rahmen der Liberalisierung. Wie reagieren Sie darauf?

Pölzl: Der Postmarkt ist sehr dynamisch. Während Liberalisierung und elektronische Substitution die Post negativ treffen, bietet der Internethandel neue Chancen. In unserer neuen Strategie betreffen daher drei von vier Handlungsfeldern Wachstumsmöglichkeiten. Im vierten Feld geht es um die Anpassung der Kostenstruktur. Wir können die Post nicht auf Kurs halten, ohne da radikal ranzugehen. Wir sind entschlossen und gezwungen, die Kosten drastisch zu verringern. Allerdings kann die Post nicht allein durch eine Kürzung der Kosten erfolgreich sein.

 

Reden wir über die Kosten. Sie haben gesagt, die Post müsse pro Jahr 800 bis 900Mitarbeiter abbauen. Welchen Zielwert steuern Sie an?

Pölzl: Einen Zielwert gibt es nicht. Wir müssen effizienter werden und vor allem mit den Fixkosten runter. Briefträger und Verteilzentren haben wir, egal, wie viele Briefe verschickt werden.

 

Können Sie diese Anpassung der Kosten konkretisieren?

Pölzl: Wenn wir über Kosten reden, sind wir schnell bei Personalkosten. Das gefällt mir auch nicht, aber es ist nun einmal so. Hohe Personalkosten haben wir in der Zustellung und im Filialnetz.

 

Es ist ja kein Geheimnis, dass in diesen Bereichen vor allem unkündbare Beamte arbeiten...

Pölzl: Wir müssen diesen Menschen eine Perspektive bieten, die über den Tellerrand Post hinausgeht. Sie müssen sich damit anfreunden, zu einer anderen Behörde oder einem anderen Unternehmen zu wechseln. Das ist ja eigentlich das Normalste auf der Welt.

 

Bisher sind erst rund 150Postler zur Polizei gewechselt.

Pölzl: Ja, das ist noch viel zu wenig. Wir haben im Moment kaum Mobilität bei Mitarbeitern im Beamtenstatus. Die Menschen nehmen die Sache noch nicht ernst genug.

 

Warum ist das so?

Pölzl: Weil das ein gelerntes Verhalten ist. Nach dem Motto: Am Ende des Tages wird es schon noch ein besseres Angebot geben. Das können wir uns aber schlicht nicht leisten.

 

Wie kann man das ändern?

Pölzl: Indem man mit den Leuten redet und sagt: „Ihr wollt doch nicht 20Jahre nur herumsitzen.“ Diese Menschen haben ja nichts falsch gemacht, ihren Job gibt es einfach nicht mehr. Allerdings wird ihnen suggeriert: „Für euch darf sich trotzdem nichts verändern. Schuld ist nur das Management, dem die großen Ideen fehlen“. Etwa, wie man aus dem Postamt den besseren Libro macht. Da werden völlig falsche Illusionen geweckt. Das halte ich für unverantwortlich. Die Leute werden an der Nase herumgeführt.


Gewerkschaft und Politik werfen Ihnen im Gegenzug vor, dass Sie keine anderen Ideen als Zusperren hätten.

Pölzl: Das Ministerium verlangt mit Recht eine flächendeckende Post-Versorgung. Das ist auch in unserem Interesse. Wir haben heute 120Post-Filialen mehr als zu Jahresbeginn und werden das Filialnetz auch weiter ausbauen. Allerdings können wir viele Filialen wirtschaftlich nicht selbst als Postämter betreiben. Manche sind seit Jahren ständig negativ. Jeder der sagt, dass kann man ändern, indem man postfremde Dienste dort anbietet, der belügt die betroffenen Mitarbeiter.

 

Meinen Sie die Gewerkschaft?

Pölzl: Nicht die Gewerkschaft im Allgemeinen – viele verstehen auch dort, dass es eine generelle Veränderung geben muss. Aber es gibt einzelne Personen, die richtige Scharlatane und Betrüger an den Mitarbeitern sind.

 

Welche Rolle hat das Karriere- und Entwicklungscenter (KEC), in dem Postler ohne Arbeit geparkt sind? Da gibt es ja oft den Vorwurf, dass man Mitarbeiter so lange herumsitzen lässt, bis sie frustriert selbst kündigen.

Pölzl: Ich habe über nichts so viel Blödsinn gehört wie über das KEC. Da ist in der Vergangenheit sicher nicht alles optimal gelaufen, aber das KEC ist keine Mobbingveranstaltung. Wir wollen den Mitarbeitern neue berufliche Perspektiven bieten – auch im eigenen Unternehmen – und müssen unsere Ziele den Mitarbeitern besser kommunizieren. Diese dürfen sich aber auch nicht jeglicher Veränderung verschließen. Es kann nicht sein, dass wir unrentable Postämter als Beschäftigungstherapie offen halten. Ich erwarte mir aber künftig weniger Populismus und Panikmache bei diesem Thema.

 

Wo sehen Sie die Post in zehn, 20 Jahren, wo sind die großen Wachstumschancen?

Pölzl: Der Paketbereich, der sehr unter der Krise litt, hat langfristig aufgrund der Zunahme des Internethandels ein enormes Potenzial. Anders sieht das beim klassischen „Rechnungsbrief“ aus. Der wird weiter abnehmen. Dagegen wollen wir mit neuen Produkten wie dem Hybridbrief (ein Brief wird von der Post eingescannt und elektronisch weitergeleitet oder ein E-Mail wird ausgedruckt und als Brief versandt, Anm.) und DirectMail (adressierte Werbung, Anm.) punkten. Solche Hybridpost erledigen wir schon für die Uniqa und T-Mobile. Außerdem forcieren wir die Finanzdienstleistungen. Die Bawag ist ein guter Partner, aber die Zusammenarbeit muss verbessert werden. In Summe wollen wir in zwei bis drei Jahren wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren.

Zur Person

Georg Pölzl ist seit 1.Oktober 2009 Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Post. Zuvor war der gebürtige Steirer Chef von T-Mobile Deutschland. Dort hat er erfolgreich ein konzernweites Effizienzprogramm durchgezogen. Der Hobbysegler studierte Erdölwesen an der Montanuniversität Leoben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2010)

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