Lohnrunde: Die Metaller sind in Kampfstimmung

Streit ist bei den Tarifverhandlungen für die 134.000 Beschäftigten programmiert: der Gewerkschaft geht es dabei nicht nur ums Geld. Das Arbeitszeitgesetz sorgt für Zündstoff.

(c) APA/HANS KLAUS TECHT

Wien. Jedes Jahr dasselbe Ritual: Die Sozialpartner bringen sich vor der für die gesamte Industrie richtungsweisenden Metaller-Herbst-Lohnrunde in Stellung und sprechen von einem „heißen Herbst“. Tagelanges Feilschen und ein paar halbherzige Streikdrohungen später ist alles gelaufen: Man einigt sich auf ein Lohnplus und geht zur Tagesordnung über.

Heuer dürfte alles anders sein, wenn sich die Sozialpartner am 20. September erstmals treffen: Das von der türkis-blauen Regierung durchgedrückte neue Arbeitszeitgesetz mit der Anhebung der maximalen Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden pro Tag lässt die Gewerkschaft rot sehen. „Wir werden uns zurückholen, was uns genommen wurde“, so die Kampfansage von ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian, für den die KV-Verhandlungen ein willkommener Anlass sind, Flagge zu zeigen.

Rainer Wimmer, Bundesgeschäftsführer der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, der mit GPA-djp-Chef Karl Dürtscher für die Arbeitnehmer verhandelt, nimmt den Faden auf: „Bei der Arbeitszeit hat der Chef allein das Sagen, der Schutzschild des Betriebsrats ist weggefallen.“ Das werde man besprechen müssen, so Wimmer zur „Presse“. Aufs Tapet bringen will er auch die geblockte Freizeit, also die Vier-Tage-Woche. Die sei zwar im Metaller-KV verankert, „und wir und die Mehrzahl der Beschäftigten wollen das“. Aber nur ganz wenige Betriebe würden es realisieren.

 

„Keine Plattform für Politik“

Für Brisanz ist also gesorgt, denn Christian Knill, Obmann des Fachverbands der mit 134.000 Beschäftigten größten Metaller-Gruppe, der Metalltechnischen Industrie, kontert umgehend: „Die Metaller-KV-Runde ist keine Plattform für politische Auseinandersetzungen, wir verhandeln für unsere Betriebe und Beschäftigten“, sagte er am Dienstag. Die Stimmung sei künstlich aufgepusht, denn die Branche sei vom Arbeitszeitgesetz nicht betroffen. Das Zeitkontenmodell, das sich sehr gut bewähre und bis 2021 verlängert worden sei, ermögliche schon die Vier-Tage-Woche.

Knill, der für sachliche Verhandlungen auf der Basis von Fakten statt Drohgebärden plädiert, gießt freilich selbst Öl ins Feuer: Angesichts der Streikdrohungen und knallharten Sprüche spricht er der Gewerkschaft „eine gewisse Seriosität ab“. Für Zündstoff ist freilich auch beim Geld gesorgt: Während Wimmer meint, dass angesichts voller Auftragsbücher, guter Exportwerte und steigender Produktion „nicht ein paar Zehntel, sondern eine spürbare Erhöhung“ drin sein müsse, sagt Knill „die Abschlüsse der vergangenen Jahre waren zu hoch“. Im Vorjahr wurde für 2018 ein Lohn- und Gehaltsplus von drei Prozent erreicht – nach 62 harten Verhandlungsstunden in sechs Runden. Dieser Abschluss lag deutlich über jenen der Vorjahre (siehe Grafik).

Mit welchen Forderungen man heuer in die KV-Runde geht, lassen beide Seiten traditionell offen. Nach der alten – längst totgesagten, aber dann doch wieder herangezogenen – Benya-Formel Inflationsrate (zwei Prozent) plus Hälfte des Produktivitätszuwachses könnte wieder ein Dreier vor dem Komma stehen. Denn während die Arbeitgeber für das Produktivitätsplus die 1,4 Prozent der gesamten Wirtschaft heranziehen, verweist Wimmer auf das sechsprozentige Produktivitätswachstum in der Metallindustrie.

Einen Abschluss über drei Prozent will Knill definitiv nicht, auch wenn er es nicht offen sagt. Seine Argumente gehen freilich in diese Richtung: Mit durchschnittlichen Löhnen von 2606 Euro und Gehältern von 4120 Euro pro Monat liege die Metallindustrie weit über dem österreichischen Schnitt. Auch der Mindestlohn liege mit 1850 Euro über dem gesetzlichen Niveau. „Der Mythos vom realen Lohnverlust stimmt bei uns nicht“, verwies Knill auf die realen und nominellen Zuwächse in den vergangenen Jahren.

 

Arbeitgeber wollen „KV 4.0“

Die Kehrseite sei, dass die Lohnkosten seit 2005 um 50,4 Prozent gestiegen seien. Angesichts einer Lohnsumme über die gesamte Branche von 8,1 Mrd. Euro koste jeder Prozentpunkt Lohnerhöhung die Unternehmen also 80 Mio. Euro. Was sich nicht jede Firma leisten könne: Ein Fünftel der Betriebe mache Verluste, betonte Fachverbands-Geschäftsführer Berndt-Thomas Krafft. Zudem zeige das Konjunktur-Barometer für 2019 eine deutliche Abflachung.

Generell wünschen sich die Arbeitgeber einen „KV 4.0“, der die Digitalisierung berücksichtige und – im Zuge weiterer Flexibilisierung – eine Art Lebensarbeitszeitmodell enthalte. Außerdem sollte er mindestens auf zwei Jahre abgeschlossen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2018)

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