Arbeitsmarkt: Boom nützt auch Hilfsarbeitern

Im Aufschwung finden auch schlecht Qualifizierte wieder Jobs. Sie bleiben aber die größte Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt.

(c) REUTERS (Philippe Wojazer)

Wien. Sie arbeiten am Fließband, im Lager oder in Putzjobs. Sie verdienen, heißt es auf der Homepage des Arbeitsmarktservice, ab 1150 Euro brutto im Monat. Und: Sie werden auf modernen Arbeitsmärkten immer seltener gebraucht. Hilfsarbeiter gehören zu den schwierigsten und teuersten Kunden der Arbeitsmarktbetreuer. 344.921 Arbeitslose sind aktuell beim AMS gemeldet. 160.340 davon können als höchste abgeschlossene Ausbildung nur die Pflichtschule vorweisen. Aber der aktuelle Wirtschaftsaufschwung zieht alle mit: Und so fanden im September auch 13.554 arbeitslose Hilfsarbeiter einen Job, wie die aktuellen AMS-Zahlen zeigen.

Zu verdanken ist das dem seit Monaten anhaltenden Job-Boom in Österreich. Beim AMS waren allein im September knapp 80.000 offene Stellen gemeldet, um 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Und die Unternehmen würden gern noch viel mehr Menschen einstellen. Sie können ihren Bedarf aber nur teilweise mit Arbeitslosen decken, weil viele nicht die nötigen Qualifikationen mitbringen.

Die Regierung hat deshalb angekündigt, das Budget für zusätzliche Kurse, etwa für Deutsch und Mathematik, aufzustocken. Damit sollen junge Arbeitslose ohne Ausbildung zu den begehrten Facharbeitern umgeschult werden. Schon jetzt wird ein guter Teil des Arbeitsmarkt-Budgets für Maßnahmen eingesetzt, um schlecht Qualifizierte in den Arbeitsmarkt zu bringen. Im Jahr 2017 hatte das AMS 1,33 Milliarden Euro für Arbeitsmarktmaßnahmen zur Verfügung. Davon wurden 752 Millionen Euro für die Beschäftigung, Weiterbildung und Unterstützung von Hilfsarbeitern ausgegeben.

 

472 Mio. für Qualifizierung

20.531 arbeitslose Hilfsarbeiter bekamen 2017 eine Eingliederungsbeihilfe. Dabei übernimmt die öffentliche Hand mehrere Monate lang die Lohnnebenkosten für einen neuen Job. Das kostete 103 Mio. Euro. 10.727 Menschen kamen in sozialökonomischen Betrieben unter, Einrichtungen, die eigens zur Beschäftigung von Arbeitslosen betrieben werden. Dafür wurden 87 Mio. Euro ausgegeben. 472 Mio. Euro flossen in Qualifizierungsmaßnahmen: Aktuell lassen sich zum Beispiel 10.000 Hilfsarbeiter in einer Facharbeiterintensivausbildung umschulen. Zu den 752 Mio. Euro kommen rund 150 Mio. Euro im Jahr für die überbetriebliche Lehrausbildung: Für Jugendliche, die keine Lehrstelle in einem Betrieb finden, schafft das AMS Ausbildungsplätze.

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel hat Türkis-Blau einerseits mehr Geld für die Qualifizierung von Arbeitslosen zugesagt. In einem zweiten Schritt sollen Firmen bei der Mitarbeitersuche im Ausland unterstützt werden. Arbeitnehmervertreter fordern, dass offene Stellen von den Firmen vorrangig mit Österreichern besetzt werden, anstatt im Ausland zu rekrutieren. Renate Anderl, Chefin der Arbeiterkammer, kritisiert, dass die Unternehmen rund zwei Drittel der neu geschaffenen Arbeitsplätze mit Arbeitnehmern aus dem Ausland decken würden.

Für Menschen ohne Ausbildung wird es in jedem Fall schwierig bleiben. Das Institut für Höhere Studien schätzt, dass 30 Prozent der Hilfsarbeiterjobs durch die Digitalisierung bedroht sind. Wenn der aktuelle Wirtschaftsaufschwung abflaut, wird auch die Nachfrage nach Hilfsjobs wieder zurückgehen. Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung rechnet damit, dass die Arbeitslosigkeit bis inklusive 2019 sinkt und dann wieder langsam ansteigt. Besonders viele Hilfsjobs gibt es traditionell auf dem Bau: 33.000 Hilfsarbeiter fanden dort zwischen Jänner und August einen Job. 26.000 kamen im Gastgewerbe unter.

 

Lehrabsolventen sind gefragt

Im September ist die Arbeitslosigkeit quer durch alle Branchen, Ausbildungs- und Altersgruppen gesunken – besonders stark unter Lehrabsolventen (elf Prozent). Nach Branchen betrachtet lagen der Bau, das Gastgewerbe und die Produktion ganz vorn (siehe Grafik). Regional betrachtet gab es den stärksten Rückgang in Tirol mit 16,5 Prozent, vor der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2018)

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