LÄRMSCHUTZ: Ruh' über allen Wipfeln

Autobahnwände. Woanders schützen sie Menschen. In Österreich auch leeres Land.

Angeblich soll Österreich landschaftlich sehr schön sein. Wer dieses Land auf Autobahnen durchfährt, kann seine ästhetischen Qualitäten freilich nur erahnen. Man fährt die meiste Zeit eingesperrt zwischen meterhohen Wänden, die jede Sicht verstellen. Nur Fremdlinge vermuten dahinter dicht besiedelte Wohngebiete schützenswerter Eingeborener. Als Österreicher weiß man, dass sich hinter den einschüchternden Barrieren oft genug nur Wiesen und Wälder verbergen. Auch über allen Wipfeln sei Ruh'. Will man Hasen und Rehe schützen? Geben lärmgeplagte Kühe saure Milch? Fakt ist: Ein Drittel des heimischen Autobahnnetzes ist mit Lärmschutzwänden eingehaust. Das ist Europa-, wenn nicht Weltrekord. 1400 Kilometer Mauer: Damit lassen sich auch Chinesen, DDR-Nostalgiker und Trump-Anhänger beeindrucken. Auslöser des Baufurors war Hannes Farnleitner, der als Wirtschaftsminister 1999 die schärfsten Lärmlimits in ganz Europa einführte. Sie sind so niedrig, dass oft auch ein kilometerweit entfernt wohnender Anrainer auf Wände bestehen kann.

Aber damit nicht genug: Wie der Rechnungshof 2008 monierte, haben Infrastrukturministerium und Asfinag diese Grenzwerte noch wissentlich unterboten. Aus Lust am Bauen. Oder am Verschwenden von Steuergeldern: Seit dem Jahr 2000 flossen 450 Mio. Euro in Lärmschutzwände. Für die viel günstigere Alternative Schallschutzfenster lag die Hürde lang so hoch, dass sie kaum zum Einsatz kam. Nun stehen die Mauern, und man wird sie nicht mehr los. Auch an der auf Dauer „gesperrten Ausfahrt Simmering“, bekannt aus dem Verkehrsfunk – eine Auffahrt zur Südosttangente für eine nie gebaute Autobahn. Dort fährt niemand, seit den 1970er-Jahren. Aber Lärmschutzwände wurden 2005 trotzdem errichtet, um 260.000 Euro. „Verlorener Aufwand“, kritisierte der Rechnungshof. „Bauliche Vorsorge“, meinte die Stadt Wien. Man kann ja nie wissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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