Warum wir das SPARBUCH so lieben

Geld. Vor 200 Jahren wurde mit der Hilfe des Kaisers das Sparbuch eingeführt. Die innige Liebe der Österreicher zu dieser Anlageform konnten weder Weltkriege noch Börsenbooms brechen.

(c) Michaela Bruckberger

Von Marie Schwarz existieren keine Fotos, keine Videos und keine Briefe. Wir würden uns heute gar nicht an sie erinnern, wäre sie im Jahr 1819 nicht in der richtigen Schulklasse gesessen. Exakt am 4. Oktober dieses Jahres wurden nämlich in Wien die ersten Sparbücher „unter würdigen Kindern der unteren Klassen von 12 bis 15 Jahren“ verteilt.

Marie erhielt damals das „Einlagebuch Nr. 1 der Ersten Oesterreichischen Spar-Casse“, die am selben Tag vom Pfarrer Johann Baptist Weber gemeinsam mit einigen „Wohltätern“ gegründet wurde. Unter ihnen war auch Kaiser Franz I., der das Geldgeschenk auf den ersten Sparbüchern stiften sollte: Genau 10 Gulden. Der damalige Gegenwert: immerhin 140 Euro.

29 Jahre lang ließ Marie dieses Geld einfach liegen und kassierte Zinsen. Im Revolutionsjahr 1848, dem Gründungsjahr der „Presse“, lief die inzwischen 45-Jährige zur Bank und räumte ihr Sparbuch leer. Inzwischen lagen dort mehr als 30 Gulden. War sie nervös wegen der politischen Umbrüche? Möglich.

Nach der Revolution wurde die Monarchie weitergeführt – und Marie Schwarz kehrte zurück mit frischem Geld für das Sparbuch Nr. 1. Sie war der perfekte Kunde. Nicht nur für die Sparkassen, die ihre Geschichte bis heute gern für Werbematerial ausschlachten. Sondern auch für den Kaiser.

 

Von den Nazis missbraucht

Dessen Spende war nie uneigennützig. Wer spart, hat etwas zu verlieren. Und wer etwas zu verlieren hat, wird sich den revolutionären Strömungen nicht anschließen. So lautete damals die Theorie. Auf Marie Schwarz sollte sie auch zutreffen. Im Jänner 1896 wurde das letzte Mal Geld vom Sparbuch Nr. 1 abgebucht. Die Schülerin von einst wäre da schon 93 Jahre alt gewesen. Danach verlieren sich die Aufzeichnungen.

Die Sparfreude der Österreicher ist aber nie verloren gegangen. Sie hat sich gehalten. Über zweihundert Jahre, zwei Republiken, zwei Weltkriege, Hyperinflation und die Nazidiktatur. Die Sparguthaben haben geholfen, das Land nach 1945 wieder aufzubauen. Österreich war auch schon mit dabei als der internationale Sparkassenverband im Jahr 1924 auf die Idee kam, einen „Weltspartag“ ins Leben zu rufen.

Immer wieder wurde das Sparen auch politisch aufgeladen, ausgenutzt und bekämpft. Karl Marx nannte die Sparsamkeit einmal eine „Kardinaltugend des Kapitalismus“. Es waren keine lobenden Worte des Ur-Kommunisten.

Die Nazis instrumentalisierten die Sparsamkeit der Deutschen und Österreicher von Anfang an. Ab 1933 wurden jüdische Sparer enteignet, während die Sparsamkeit als „zentrales Erziehungsziel“ der Deutschen ausgerufen wurde. Später gab es eine ganze Reihe von Sparprogrammen, die zur „leisen Kriegsfinanzierung“ dienen sollten. Den Deutschen und Österreichern wurde das Geld abgenommen, zur Unterstützung von Volk, Reich und Führer.

Im Gegenzug gab es Versprechen. So konnten die Deutschen auf einen KdF-Wagen sparen. Aber der sollte in den Kriegsjahren nie vom Band rollen. Und wer danach einen Käfer wollte, musste ihn erst recht mit dem „neuen“ Geld bezahlen. Mit der D-Mark.

Die Österreicher legten in der Zweiten Republik so richtig los. Der Sparefroh, das Maskottchen der Sparkassen, war zeitweise bekannter als die höchsten Politiker im Land. Die Unterlagen zum richtigen Sparen wurden in Schulklassen wie Lehrmaterial verwendet. „Wir sparen was vom Taschengeld, denn Sparefroh ist unser Held“, hieß es auf dem Cover der „Kleinen Sparerzeitung“ von 1966.

Mehr als 70 Millionen dieser Zeitschriften ließ die Sparkasse nach 1955 drucken. In den Jahren von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder wurde so der Mythos Sparbuch endgültig zementiert. Man kann diese Phase heute als den zweiten österreichischen Sparboom verstehen. Der erste setzte in den Jahren von Marie Schwarz ein. Damals zerfiel die alte Ordnung und die private Vorsorge rückte erstmals in den Mittelpunkt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine regelrechte Sparmanie ein.

Ähnliches können wir auch heute noch erleben. Drei Viertel der Österreicher sagen 2018, dass Sparen wichtig ist. Im Schnitt sparen wir 245 Euro pro Monat. Auf den Sparbüchern schlummern mehr als 250 Mrd. Euro. Vier von fünf Österreichern legen Geld auf ein Sparbuch. Kein anderes Finanzprodukt ist so beliebt. Das Bausparen liegt mit 60 Prozent Zustimmungsrate auf Platz zwei.

 

Aktien als Alternative?

Allein: Es funktioniert heute nicht so richtig. Nicht so wie bei Marie Schwarz. Seit der Wirtschaftskrise 2008 gibt es keine Zinsen. De facto verlieren die Österreicher am Sparbuch jeden Tag an Kaufkraft, während sie mit schlauen Aktieninvestments besser fahren würden.

Banken, die seit Jahrhunderten am Mythos Sparen basteln, reden es jetzt schlecht und wollen die Menschen zu mehr Risiko an den Finanzmärkten überreden. Zum Teil funktioniert das auch. Immerhin 28 Prozent veranlagen ihr Geld inzwischen in Wertpapieren. Deutlich mehr als vor 10 Jahren.

Das ist aber auch nicht neu. Nur, dass die Sparkassen und Banken diesmal mitmachen können, weil sie auch Fonds und ähnliche Produkte anbieten. Im 19. Jahrhundert war das anders. Da folgte auf den Sparboom eine Aktienmanie. Das ersparte Geld floss an die Börse, Spekulation wurde zum Volkssport. Im Vorfeld der Weltausstellung 1873 in Wien kam es dann zu einer Aktienblase.

Die sollte am 9. Mai laut platzen. 120 börsenotierte Firmen gingen an diesem „Schwarzen Freitag“ pleite. Der Wiener Börsencrash von 1873 beendete die Begeisterung der Österreicher für die Börse. Sie legten ihr Geld wieder aufs Sparbuch. Und halten seitdem endgültig daran fest – komme, was wolle.

AUF EINEN BLICK

Die intime Beziehung der Österreicher zum Sparbuch reicht zwei Jahrhunderte zurück. In der Monarchie wurde das Sparen vom Kaiser unterstützt. Die Idee: Wer etwas zu verlieren hat, bevorzugt Stabilität und ist für revolutionäre Ideen nicht zugänglich. Das allererste Sparbuch in Österreich ging im Jahr 1819 an eine Schülerin namens Marie Schwarz. Unter den Nazis wurde die Sparsamkeit später für die Kriegsfinanzierung missbraucht. In der Zweiten Republik wurde der Mythos Sparbuch endgültig zementiert. Er hält sich bis heute, auch wenn es kaum Zinsen gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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