15 Jahre Konsum-Pleite: Untergang des "roten Riesen"

Vor 15 Jahren schlitterte Österreichs größter Handelskonzern in die Insolvenz. Die Pleite des "roten Riesen" war und ist bis heute die größte in der Geschichte der Zweiten Republik. Eine Rückschau.

KonsumVerzicht Pleite roten Riesen
KonsumVerzicht Pleite roten Riesen
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Schuld waren die Schweizer. Mitten im Fasching hat der Handelsriese Migros die Krapfen aus den Regalen des Konsum genommen. Hermann Gerharter meinte seine Kritik bitterernst, als er in diesen denkwürdigen Tagen im April 1995 im Fernsehen auftrat. Dem damaligen Chef des österreichischen Handelsriesen Konsum war nicht nach Scherzen zumute. Seine Erklärung für die Probleme des Konsum war symptomatisch für ein System aus Fehlentscheidungen, Missmanagement, mangelnder Kontrolle und strategischer Weitsicht sowie politischer Einmischung roter Gewerkschafter, das die einst florierende Handelskette in den Ruin führte.

Am 5. April 1995 wurde das Ausgleichsverfahren über den Konsum eröffnet. Mit Schulden von 26 Milliarden Schilling (in Euro plus Teuerung ein Gegenwert von knapp 2,4 Milliarden) war der Konsum-Ausgleich die größte Pleite der Nachkriegsgeschichte. Und sie ist es bis heute – da kamen weder Maculan, Libro, Atomic oder Quelle ran. Ein trauriger Rekord.

Das ganze Land war geschockt. Obwohl der Tod schleichend kam, wollte den Untergang keiner, vom Aufsichtsratspräsidenten Hans Hobl bis zur kleinen Kassiererin, wahrhaben. Der mächtige ÖGB-Präsident Anton Benya hatte sich schon fünf Jahre zuvor aus der Aufsichtsratsspitze des Konsum zurückgezogen. Aber schon unter seiner „Regentschaft“ schrieb der „rote Riese“ rote Zahlen. Diese wurden teilweise durch waghalsige Sale-and-Lease-Back-Geschäfte kaschiert – was die „Todesspirale“, wie der spätere Liquidator Hansjörg Tengg sagt, nur beschleunigte.

Die Kernschicht der SPÖ. Auch wegen Benyas Funktion galt der Konsum als Eigentum der Gewerkschaft – was er formell nie war. Vielmehr gehörte er 700.000 Genossenschaftern. Weil diese durchwegs zur Kernschicht der SPÖ zählten, galt der Konsum neben Partei und Gewerkschaft als „dritte Säule der Arbeiterbewegung“. In fast jedem Gemeindebau gab es eine Konsum-Filiale, außerdem gehörten auch Drogerien, Bäckereien und Fleischfabriken sowie die Wiener Traditionskaufhäuser Steffl und Gerngross zum Konzern. Und nicht zuletzt war der Konsum mit dem ÖGB Eigentümer der Bawag. Was Gerharter ein Nachspiel im Bawag-Prozess bescherte: Wegen einer „Spende“ von Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner – 600.000 Euro in einem Plastiksackerl.

In fast 140 Jahren war aus dem einstigen Selbsthilfeverein armer niederösterreichischer Textilarbeiter in Teesdorf ein Konzern mit mehr als 31 Milliarden Schilling Umsatz gewachsen. Aber auch die Schulden waren auf 17 Milliarden Schilling gestiegen.

Gerharter, der als Konsum-General nach der Pleite vom mächtigsten Manager zum Buhmann der Nation mutierte, tat sich offenbar schwer, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Die Konkurrenz von Billa bis Meinl rüstete erbarmungslos auf, dagegen wirkten die Konsum-Supermärkte altbacken. Das Schließen unrentabler Filialen war angesichts bedrohter Arbeitsplätze tabu.

Als sich Gerharter 1993 entschloss, die Schweizer Migros als Partner in das Unternehmen zu holen, wurde zwar ein Kooperationsvertrag über eine gemeinsame Einkaufsgesellschaft geschlossen, aber so richtig nahe kamen sich die Partner nie. Gerharter verweigerte den Schweizern – vielleicht aus falsch verstandener Eigenständigkeit – den Blick in die Bücher, was Migros verstimmte.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Migros prüfte trotz Rosenkriegs mit den Konsum-Granden die Gesamtübernahme des Konsums, gleichzeitig beauftragten die Gläubigerbanken die CS First Boston mit dem Verkauf von Beteiligungen – von der Bawag bis zum Kaufhaus Gerngross. Aber es war zu spät: Die Schweizer zogen enttäuscht ab und die Banken beschlossen in einer Nachtsitzung, den Konsum nicht mehr weiter zu finanzieren. Aus, Ende.

Am 31. März trat Gerharter, den Tengg als „tragische Persönlichkeit“ bezeichnet, die „völlig überfordert“ war, den schweren Gang in die Riemergasse an – dort residierte damals das Handelsgericht. Wenige Tage später wurde der Ausgleich eröffnet. Für 700.000 Genossenschafter und 17.000 Mitarbeiter ging eine Welt unter. Gerharter wurde dreimal verurteilt: Wegen fahrlässiger und betrügerischer Krida sowie Beihilfe zur Untreue.

Ganz ist der Konsum aber nicht verschwunden: Die Konsum Österreichreg. Gen.mbH gibt es noch, Jan Wiedey ist weiter Vorstand und Tengg Aufsichtsratspräsident. Wer am Wiener Süd- und Westbahnhof Reiseproviant bei Geschäften namens „Okay“ einkauft, tut dies beim Konsum, der dahinter steckt. Aber den Südbahnhof gibt es nicht mehr und den Westbahnhof bald nur mehr im Kleinformat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2010)

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