Das kommt auf die AMS-Kunden zu

Computer haben bei der Bewertung der Jobchancen von Arbeitslosen oft eine höhere Treffsicherheit als Berater, so die OECD. In Österreich sollen die Berater weiter das letzte Wort haben.

AMS-Vorstand Johannes Kopf am Freitag bei einer Pressekonferenz
AMS-Vorstand Johannes Kopf am Freitag bei einer Pressekonferenz
AMS-Vorstand Johannes Kopf am Freitag bei einer Pressekonferenz – APA/HANS KLAUS TECHT

Wien. Die Chancen von Arbeitslosen, wieder einen Job zu finden, werden in Österreich künftig per Algorithmus berechnet. Eine umstrittene Maßnahme, die laut einer Studie der Industrieländerorganisation OECD bereits in vielen Ländern angewendet wird. In Österreich wird das Instrument heuer erprobt und soll ab 2020 voll im Einsatz sein. In Belgien und den Niederlanden, die bereits mit Algorithmen arbeiten, zeigen die Erfahrungen, dass der Computer zu 70 Prozent Recht hat. Was kommt nun auf Arbeitslose in Österreich zu? Ein Überblick.

1. Was ändert sich künftig für Arbeitslose in Österreich?

Der Algorithmus teilt AMS-Kunden in drei Gruppen ein: Menschen mit hohen, mittleren und niedrigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In der ersten Gruppe landet, wer eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit hat, dass er binnen sieben Monaten einen Job findet, den er mindestens drei Monate behält. Wer weniger als 25 Prozent Chance hat, binnen zwei Jahren mindestens sechs Monate zu arbeiten, landet in der untersten Gruppe. Der Rest kommt in die Gruppe mit mittleren Chancen.

2. Warum stellt das AMS sein System um?

Der Algorithmus soll die Effizienz bei der Vermittlung erhöhen. Es habe sich gezeigt, dass teure Qualifizierungen wie die Facharbeiterintensivausbildung bei Menschen mit niedrigen Chancen nur in zwölf bis 15 Prozent zu einer Arbeitsaufnahme geführt hätten, sagt AMS-Chef Johannes Kopf. Laut OECD haben die Arbeitsämter quer durch die Industrieländer sinkende Budgets, oder es stehen Kürzungen im Raum. „Statistisches Profiling“ ist laut der Organisation sinnvoll, um keine Ressourcen für Arbeitslose zu verschwenden, die schnell einen Job finden.

3. Wer profitiert davon, wer hat eher Nachteile?

Wem schlechte Arbeitsmarktchancen ausgerechnet werden, wer also als schwer vermittelbar gilt, soll künftig mehr Beratung und Coaching anstatt teurer Qualifizierungen bekommen. „Menschen in den schwierigsten Situationen helfen nicht immer die teuersten Mittel“, sagte die OECD-Ökonomin Kristine Langenbucher bei einem Pressegespräch am Freitag. Auch sehr gut vermittelbare Arbeitslose kommen künftig seltener in den Genuss teurer Ausbildungen, weil sie ohnehin oft rasch und allein Arbeit finden. Jugendliche werden automatisch in die beste oder mittlere Gruppe gereiht.

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4. Welche Erfahrungen gibt es damit aus anderen Ländern?

In vielen OECD–Ländern würde seit Jahren mit einem Algorithmus gearbeitet, das System würde als bewährt angesehen, so Langenbucher. Sie sieht aber auch Risken wie verzerrte Daten, fehlende Genauigkeit und einen Mangel an Transparenz. In Australien, Belgien, Dänemark, Schweden und den USA gibt es statistisches Profiling per Algorithmus. Deutschland und die Schweiz verlassen sich auf die Einschätzung der Berater.

5. Wie lautet die Kritik an der neuen AMS-Strategie?

Kritik gab es an der Tatsache, dass der Algorithmus Frauen automatisch schlechter einstuft. Betreuungspflichten führen nur bei Frauen zu schlechteren Bewertungen, bei Männern nicht. AMS-Chef Kopf sagte am Freitag, dass der Algorithmus nicht zu Diskriminierung führe. Denn Frauen seien in der mittleren Gruppe, die am meisten Förderungen erhalten soll, überrepräsentiert. Aktuell seien neun Prozent der arbeitslosen Frauen in der höchsten Gruppe (das sind etwa junge Akademikerinnen), 62 Prozent in der mittleren und 29 Prozent in der untersten. Bei den Männern sind es 16, 51 und 33 Prozent. Kritik am neuen System kam auch von der Wiener Stadtregierung: Sie befürchtet, dass durch das Programm in Wien fast jeder zweite Arbeitslose als unvermittelbar eingestuft wird.

6. Hat dann der Computer immer das letzte Wort?

Nach Angaben von AMS-Chef Kopf werden die Berater weiterhin die Letztentscheidung treffen, wie Kunden bezüglich ihrer Arbeitsmarktchancen dastehen und welche Qualifizierungen sie machen dürfen. Die Berater haben außerdem die Möglichkeit, ihre Kunden in eine bessere Gruppe hinaufzustufen, wenn sich ihre Arbeitsmarktchancen verbessert haben. „Der Algorithmus hilft dem Berater, aber er ersetzt ihn nicht“, sagt OECD-Expertin Langenbucher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2019)

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