Firmenpleiten auf niedrigstem Stand seit 17 Jahren

Grafik Die heimischen Unternehmen profitierten 2018 von der guten Konjunktur. Die Zahl der Privatinsolvenzen ist dagegen massiv angestiegen, Hauptgläubiger sind Banken, Versicherungen, Mobilfunkbetreiber und Online-Shops.

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Insolvenzen bei Unternehmen rückläufig. – APA/HERBERT PFARRHOFER

Die Firmenpleiten sind im Vorjahr auf einen historischen Tiefstand seit 17 Jahren gesunken. Das geht aus der Insolvenzstatistik der Creditreform hervor. Die Zahl der Verfahren ist demnach
um 1,8 Prozent auf 5224 gesunken. Die Zahl der eröffneten Verfahren sank um 1,5 Prozent auf 3113 Fälle, die Zahl der mangels kostendeckenden Vermögens abgewiesenen Fälle ging um 2,1 Prozent auf 2111 zurück. Betroffen waren vor allem Klein- und Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. 

Dennoch hat es im vergangenen Jahr auch zahlreiche namhafte Unternehmen erwischt: Niki Luftfahrt GmbH, Forstinger Österreich GmbH, Charles Vögele (Austria) GmbH, die Rosenberger-Gruppe und die Waagner-Biro-Gruppe. Die Insolvenzgründe lagen laut Creditreform vor allem in kaufmännischen Fehlern des Managements, in Liquiditätsproblemen aufgrund sinkender Margen und nicht zuletzt in Forderungsverlusten.

Stärkster Rückgang in Tirol, Zuwächse in Ostösterreich

Ein Blick auf die Bundesländer zeigt den stärksten Rückgang in
Tirol. Zuwächse gab es lediglich im Burgenland und in Niederösterreich. Die höchste Insolvenzbetroffenheit herrschte in Wien mit 17 Insolvenzen pro 1000 Unternehmen. Österreichweit wurden im Durchschnitt elf Insolvenzen pro 1000 Unternehmen gezählt.

Nach Branchen verzeichnete das "Beherbergungs-
und Gaststättenwesen" (Tourismus) mit -11,6 Prozent und die
"Sachgütererzeugung" (Industrie) mit -7,1Prozent die größten Rückgänge. Den größten Zuwachs meldeten das "Kredit- und Versicherungswesen" (+6,6 Prozent) und der Handel
(+5,4 Prozent). Trotz konjunkturbedingter guter Auftragslage ist die am stärksten betroffene Branche nach wie vor das "Bauwesen" mit 25 Pleiten je 1000 Branchenunternehmen.

Kommt heuer die Trendwende?

Das vergangene Jahr war ein gutes für die österreichische
Wirtschaft und verzeichnete ein reales BIP-Wachstum von rund 2,7 Prozent. Eine starke Exportindustrie, gute Konsumlaune infolge der sinkenden Arbeitslosigkeit, ein Rekord an Neugründungen sowie die fortwährende Niedrigzinsphase ließen die Firmeninsolvenzen auf einen Tiefststand seit 17 Jahren sinken. Manche Experten halten nun den Zenit für überschritten und prognostizieren aufkommende Gewitterwolken ab dem heurigen Jahr.

Als Gründe werden die die Trump`sche Handelspolitik, das Brexit-Chaos, die Unsicherheiten hinsichtlich der italienischen Volkswirtschaft und die möglicherweise noch in diesem Jahr auslaufende Niedrigzinspolitik genannt. Nicht ausgeschlossen also, dass der sechsjährige Trend mit sinkenden Insolvenzen in Österreich heuer zu Ende geht.

Privatinsolvenzen stark gestiegen

Weiter gestiegen ist indes die Zahl der Privatinsolvenzen. Der Trend mit stark steigenden Insolvenzfällen hat sich im Jahresverlauf kontinuierlich verfestigt, Hauptgrund ist wohl dieReform des Insolvenzrechts. Die Zahl der Insolvenzen von Privatpersonen stieg um 38,7 Prozent auf über 11.300 Verfahren - ein neuer Rekord seit Einführung des Privatinsolvenzrechts 1995. Die Anzahl der eröffneten Schuldenregulierungsverfahren ist dabei um 44,4 Prozent auf mehr als 10.000 Verfahren gestiegen. Die mangels Vermögen abgewiesenen Insolvenzanträge nahmen um 4,3 Prozent auf über 1200 Fälle zu.

Die Hauptgründe für das finanzielle Scheitern sind der Verlust des
Arbeitsplatzes, gescheiterte Selbständigkeit oder ein persönlicher
Schicksalsschlag (Krankheit, Scheidung). Das Grundübel sei aber immer der mangelnde Überblick über die eigene finanzielle Lage, sei es bei Online-Bestellungen oder in der Selbstüberschätzung beim Gang in die Selbständigkeit, halten die Creditreform-Experten fest. Hauptgläubiger in den Privatinsolvenzen sind Banken, Versicherungen, Mobilfunkbetreiber und Online-Shops.

17 von 10.000 Erwachsenen sind pleite

Ein Bundesländer-Vergleich zeigt die stärksten Zuwächse im
Burgenland (+97,6 Prozent), in der Steiermark (+72,6 Prozent) und in Vorarlberg (+69,7 Prozent). Die größte Insolvenzbetroffenheit herrscht jedoch traditionell in der Bundeshauptstadt: Knapp 27 von 10.000 erwachsenen Wienern wurden insolvent. Ein Drittel aller Insolvenzen ereignete sich hier. Im österreichweiten Schnitt wurden 17 von 10.000 Erwachsenen zahlungsunfähig.

Die Weichen für den enormen Anstieg an Privatinsolvenzen wurden im Frühjahr 2017 gestellt, als die Pläne der damaligen Bundesregierung für eine Reform der Privatinsolvenz (Stichwort: schnellere Entschuldung, keine fixe Mindestquote mehr) publik wurden. Schuldnerberater empfahlen, auf das neue Gesetz im November 2017 zu warten. Daraufhin sank die Zahl der Insolvenzanträge auf das niedrigste Niveau seit 2006. Mit dem Inkrafttreten der Novelle am 1. November 2017 stiegen dann - wie
prognostiziert - die Insolvenzanträge sprunghaft an. 2018 brachte einen neuen Rekord an Schuldenregulierungsverfahren.

Im letzten Quartal dese Vorjahres  hat sich dieser Trend aber deutlich abgeflacht. Für heuer rechnen die Experten damit, dass sich die Insolvenzen auf das "normale" Niveau der Jahre 2016/2017 einpendeln werden. (cka)

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