Strom: Der Traum von der grünen Nummer eins

Der Verbund ernennt die Rettung des Klimas zu seinem Geschäft – und eilt damit von Rekord zu Rekord. Der Wasserkraftkonzern verdoppelt seine Investitionen und will künftig aggressiver in die Solarenergie gehen.

Wasserkraft liefert fast 60 Prozent der heimischen Stromproduktion.
Wasserkraft liefert fast 60 Prozent der heimischen Stromproduktion.
Wasserkraft liefert fast 60 Prozent der heimischen Stromproduktion. – JFK / EXPA / picturedesk.com

Wien. Welches ist Österreichs wertvollstes Unternehmen? Vor einigen Jahren war die Antwort auf diese Frage sonnenklar: Entweder der Öl- und Gaskonzern OMV mit seinen Geschäften von Abu Dhabi über Sibirien bis Asien. Oder eben eine der Großbanken, die gerade Glück bei ihrer Einkaufstour in Osteuropa hatte. Doch in den vergangenen Wochen schob sich erstmals der Stromversorger Verbund mit einer Marktkapitalisierung von knapp 15 Milliarden Euro an die Spitze der teuersten Unternehmen an der Wiener Börse. Allein im vergangenen Jahr ging der Kurs des Wasserkraftproduzenten um 85 Prozent nach oben.

Der Spitzenplatz allein hat freilich wenig Aussagekraft. Wie schnell solche Rekorde an der Börse wieder verloren gehen können, zeigte der gestrige Mittwoch, als die OMV wieder haarscharf am Verbund vorbeiziehen konnte. Interessanter ist ohnedies, wie es der teilstaatliche Verbund überhaupt in diese Sphären geschafft hat: Nötig war eine gedankliche Kehrtwende. Diese gelang, als der Konzern, nach Jahren der Kritik an der Energiewende, plötzlich die Rettung des Weltklimas für sich entdeckte.

„Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist auf dem höchsten Wert seit 400.000 Jahren“, warnte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber bei der Präsentation der Finanzzahlen am Mittwoch. „Das ist kein Thema für Gutmenschen. Das sagen wir als börsenotiertes Unternehmen.“ In den kommenden Jahren müssten weltweit rund 300 bis 500 Milliarden Dollar im Jahr ausgegeben werden, um die Folgen des Klimawandels abzufedern. Rund um den Globus wollen Regierungen die Emissionen zurückdrängen. Und in der Mitte dieses Milliardengeschäfts sieht sich der Verbund.

Mit großteils abgeschriebenen Wasserkraftwerken produziert er günstig CO2-freien Strom. Das kommt gut an. VW produziert seinen E-Golf zur Gänze mit sauberem Strom vom Verbund. Banken geben dem Unternehmen eine halbe Milliarde Euro Kredit. Die Besonderheit: Die Verzinsung ist nicht an die Bonität des Konzerns geknüpft, sondern an die Entwicklung seines Nachhaltigkeitsratings. Ein Unikum weltweit.

Wenn dann – wie im Vorjahr – ein trockener Sommer und unglückliches Hedging das Ergebnis trüben (Ebitda 6,3 Prozent auf 864,2 Millionen Euro), bewegt das zwar ein paar Anleger dazu, ihre Gewinne zu realisieren. Langfristig stört es aber wenig, zumal auch das Konzernergebnis dank Wertsteigerungen bei den Wasserkraftwerken um 43,7 Prozent auf 433,2 Millionen Euro stieg.

In den kommenden beiden Jahren rechnet das Management ohnedies damit, dass sich die Absatzpreise beinahe verdoppeln werden. Entsprechend ambitioniert ist auch das Investitionsprogramm des Konzerns. Gut zwei Milliarden Euro will der Verbund in den nächsten drei Jahren ausgeben. Doppelt so viel wie bisher. „Wir können uns das leisten“, sagt Finanzchef Peter Kollmann. Ein straffes Sparprogramm habe geholfen, die Schulden um 1,5 Milliarden Euro zu drücken. „Wir haben keine Baustellen mehr.“

„Billiger wird es nicht werden“

600 Millionen Euro fließen also in den Ausbau bestehender Wasserkraftwerke, was 500 GWh mehr Produktion bringen soll. 900 Millionen Euro gehen in den Netzausbau, „um die Erneuerbaren zu integrieren“.

Aber damit nicht genug. Der Verbund will sich nicht länger nur auf Wasserkraft beschränken, sondern auch stärker als bisher am Ausbau der geförderten Wind- und Solaranlagen im Land partizipieren. „Wir wollen 20 bis 25 Prozent des zusätzlichen Ökostrom-Ausbaus in Österreich bis 2030“, gab Anzengruber die Marschrichtung vor. Das ist keine Kleinigkeit. Heute machen Windräder nur 2,5 Prozent des Verbund-Portfolios aus. Bei der Solarenergie ist die Tochter Solavolta mit gut 4000 installierten Anlagen auch keine sonderlich große Nummer.

Hält die Regierung aber an ihrem Ziel fest, dass Österreich 2030 zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt werden soll, sind dafür viele neue Kraftwerke notwendig. Die Branchenlobby Österreichs Energie rechnet mit einem Bedarf von zusätzlichen 30 Terawattstunden. Die Hälfte der bisherigen Stromproduktion des Landes müsse zugebaut werden. Allein der Solarbereich müsse um den Faktor 13 wachsen. „Beim jetzigen Tempo ist das unmöglich“, so Anzengruber. Er fordert, die staatlichen Förderungen künftig auch auf Solaranlagen auf Freiflächen auszudehnen. Ein Geschäft, für das sich der Verbund gerade in Stellung bringt.

So gut die Aussichten für das Unternehmen sind, so schlecht sind sie für die Endkunden. Sowohl der Ausbau der Netze als auch der weitere Zubau von Ökostromanlagen werden Geld kosten. Bezahlen werden das letztlich die Haushalte. Erst im Februar hob der Verbund, wie alle anderen Versorger, seine Preise deutlich an. Eine Prognose, wie viel der Ausbaukosten die Haushalte tragen werden, wagt Anzengruber nicht. Nur eines: „Billiger wird es nicht werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2019)

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