Handel: Das aufgeschobene Vier-Tage-Versprechen

400.000 Handelsmitarbeiter haben seit Kurzem ein Recht auf die Vier-Tage-Woche. Nur sträuben sich einige Chefs dagegen, sagt die Gewerkschaft.

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Die Gewerkschafter hatten sich das alles anders vorgestellt, als sie vor Weihnachten ihre Forderung nach einem Metaller-würdigen Gehaltsplus von 3,5 Prozent für den Handel aufgaben. In der aufgeheizten Stimmung rund um den Zwölf-Stunden-Tag ließen sie sich auf einen Tausch ein: Zuckerln bei der Arbeitszeit gegen eine niedrigere Lohnsteigerung. Das prominenteste ist ein neuer Rechtsanspruch für alle 400.000 Handelsangestellte auf die Vier-Tage-Woche. Der Handel ist die erste Branche, die ihn in den Kollektivvertrag geschrieben hat.

Nun sind drei Monate vergangen und die Arbeitgeber halten sich nach Ansicht der Arbeitnehmer nicht an ihren Teil der Abmachung. Soll heißen: Etliche Chefs, vor allem in kleinen Betrieben, erlauben die Vier-Tage-Woche nicht. Teils würden auch Informationen zum neuen Angebot zurückgehalten, erzählen Betriebsräte. “Da wird momentan ein bisschen gebremst”, sagt Franz Georg Brantner, der den Handel in der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) vertritt. Beweis seien die vielen Anrufe, die seit Inkrafttreten zu Jahresbeginn, bei ihnen und der Arbeiterkammer eingehen: Betriebsräte und Mitarbeiter fragten, was sie tun sollen, wenn der Chef einfach Nein sagt.

Genau das darf er seit 1. Jänner im Handel aber nur noch aus zwei eng umrissenen Gründen: die Vier-Tage-Woche gefährdet die „Einhaltung von Betriebsabläufen” oder die „Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs”. Nicht alle Chefs müssten daran erinnert werden, sagte die KV-Verhandlerin der Gewerkschaft, Anita Palkovich, am Mittwochabend vor Journalisten: „Die ersten kommen darauf, dass sich mehr Leute bei ihnen bewerben, wenn sie die Vier-Tage-Woche in die Stellenanzeige schreiben.”

Ein „halber“ Rechtsanspruch

Das bestätigt ihr Gegenüber auf der Arbeitgeberseite, Peter Buchmüller. Er habe die Regelung selbst gewollt, weil sie Betrieben und Pendlern nützt, sagt der Obmann der österreichischen Händler. Er bezeichnet den neuen Rechtsanspruch allerdings als „halben”, schließlich gebe es die zwei genannten Einschränkungen. Die „Vorbehalte” unter den Firmenchefs seien natürlich, das brauche Zeit. Er persönlich habe aber keinen Vorbehalt. Als er jüngst für seine Salzburger Lebensmittelgeschäfte Personal suchte, warb er mit der Möglichkeit des Vier-Tages-Modell. Die Reaktionen seien sehr gut gewesen. „Die Mitarbeiter wollen das.“

Der schlaue Unternehmer sollte nicht sagen, das geht nicht.

Werner Hackl, Betriebsratschef von Billa

Das meint auch Billa-Betriebsratchef Werner Hackl, bei ihm landen viele Anfragen der 20.000 Mitarbeiter. In der Praxis wird ein ähnliches System schon bisher gelebt, erzählt er: Billa bringt seine Mitarbeiter seit Längerem mit Bussen aus anderen Bundesländern in die Wiener Filialen. Einmal im Rad Montag, Mittwoch und Freitag. Einmal Dienstag, Donnerstag und Samstag. Da wüssten die Kollegen, wann sie frei haben und wie sie sich ihre Freizeit einteilen. „In Zeiten, wo Unternehmen um Arbeitskräfte kämpfen, ist das ein Thema für einen attraktiven Arbeitsplatz. Der schlaue Unternehmer sollte nicht sagen, das geht nicht.“ Er findet das Angebot umso wichtiger, als die Mitarbeiterfluktuation im Handel nach seiner Schätzung im Jahr bei 25 Prozent liegt.

Feilschen um die teuren Zuschläge

Die Misstöne um die Vier-Tage-Woche könnten ein Vorgeschmack und Vorbote der geplanten Arbeitszeitreform im Handel sein. Mitte Mai wollen sich die Sozialpartner zur Klausur treffen und die Eckpunkte abstecken. „Es sind heiße Eisen für beide Seiten drinnen”, sagt Gewerkschafterin Palkovich. Das heißeste sind wohl die Zuschläge für die längeren Öffnungszeiten, die von den Arbeitgebern als nicht mehr zeitgemäß kritisiert werden. Am Sonntag müssen sie doppelte Gehälter zahlen, abends nach 18.30 Uhr und samstags ab 13 Uhr fallen ebenfalls Zuschläge an. Das sei bei dem heutigen Einkaufsverhalten der Menschen – abends und am Wochenende – eine Herausforderung für die Arbeitgeber. Viele kleine Betriebe könnten sich das Offenhalten am Samstag nicht leisten, heißt es aus ihren Reihen. Buchmüller versucht zu relativieren: „Wir treten nicht an, um etwas einzusparen oder den Mitarbeitern etwas wegzunehmen.“ Er wolle vor allem den Dschungel an Regeln vereinfachen, der über Jahrzehnte gewachsen ist.

Schnelle Lösungen, vielleicht noch dieses Jahr, erwartet jedenfalls keine Seite. Man hat noch die Reform des Gehaltssystems in Erinnerung. Die dauerte dreieinhalb Jahre.

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