Novartis hält an Standort Kundl fest

Der Tirol-Standort des Konzerns will sich auf die Herstellung von Fertigprodukten konzentrieren. Meldungen, wonach Mitarbeiter abgebaut werden, weist das Unternehmen zurück.

Die Produktionsanlage in Kundl ist eine der größten weltweit. Novartis ist zweitgrößter Arbeitgeber Tirols.
Die Produktionsanlage in Kundl ist eine der größten weltweit. Novartis ist zweitgrößter Arbeitgeber Tirols.
Die Produktionsanlage in Kundl ist eine der größten weltweit. Novartis ist zweitgrößter Arbeitgeber Tirols. – Robert Parigger / APA / picturedesk.com

Wien. Für das Tiroler Unterland ist sie seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Arbeitgeber und in der Region zwischen Schwaz und Kufstein mittlerweile sogar identitätsstiftend – die „Biochemie Kundl“, wie Tiroler den Standort des Pharmaunternehmens Novartis nennen. Auf einem der größten Anlagen weltweit werden an der Biochemiestraße 10 in Kundl Medikamente nicht nur hergestellt, sondern auch in Kooperation mit klinischen Studien entwickelt. Und weil die Sandoz GmbH überdurchschnittlich hohe Gehälter bezahlt, gehört sie auch zu den begehrtesten Arbeitgebern Tirols.

Umso größer war die Verunsicherung, als zuletzt in Medien zu lesen war, Novartis plane eine Abspaltung seines Generikageschäfts, das unter der Marke Sandoz läuft. Als Indiz dafür wurde unter anderem genannt, dass der Schriftzug Sandoz durch Novartis ersetzt wurde. Die Geschäftsführung dementierte umgehend. Was hat es damit auf sich?

Wie groß ist der Standort Kundl bzw. Schaftenau?

Novartis ist eines der größten Pharmaunternehmen Österreichs mit einem jährlichen Umsatz von rund 1,4 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 4000 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind in Kundl bzw. dem benachbarten Schaftenau tätig. Damit ist die Novartis-Gruppe in Tirol nach Swarovski der zweitgrößte Arbeitgeber. Rund 2000 Lehrlinge wurden dort bisher ausgebildet, derzeit befinden sich 170 Jugendliche in Ausbildung, beispielsweise in Labortechnik. Novartis deckt etwa 45 Prozent des Umsatzes der gesamten Pharmaindustrie in Österreich ab und investiert jährlich rund vier Millionen Euro in klinische Forschung.

Welche Arzneimittel werden an dem Standort in Tirol produziert?

Die Novartis-Gruppe gliedert sich in die Geschäftsbereiche innovative Medikamente (Pharmaceuticals, Oncology) und Generika (Sandoz). Der Standort Kundl/Schaftenau ist beispielsweise weltweit führend in der Entwicklung und Produktion auf dem Gebiet der sogenannten Biologika sowie im Bereich der Wachstumshormonregulatoren. Biologika werden mithilfe von Gentechnik in lebenden Zellen hergestellt, wirken sehr gezielt und kommen bei Rheuma, Diabetes und Krebs zum Einsatz. In Tirol werden zudem zwei Drittel der Weltproduktion von Penicillin hergestellt. Insgesamt verlassen den Standort pro Jahr knapp 200 Millionen Arzneimittelpackungen, von denen 80 Prozent in mehr als 100 Länder exportiert werden.

Wird das Generikageschäft abgespaltet?

Meldungen darüber waren aufgetaucht, nachdem von einer Neuorganisation der Produktionseinheiten und mehr Eigenständigkeit für Sandoz die Rede war, um auf die Konkurrenz vor allem aus China und Indien zu reagieren.

Von einer Abspaltung könne aber keine Rede sein, da die Generikaherstellung einen der wichtigsten Teile des Standorts ausmache, sagt Geschäftsführer der Sandoz GmbH und Country President von Novartis Österreich, Michael Kocher. Er ist seit 2012 bei Novartis und wurde vor zwei Wochen zum Geschäftsführer bestellt.

Derzeit werde zwar überlegt, die Rohstoffproduktion „auf ihre Effizienz hin zu prüfen, Prozesse voneinander zu trennen, Sandoz eigenständiger zu machen und gewisse Pharmastoffe möglicherweise extern zuzukaufen, anstatt sie selbst herzustellen“.

Das bedeute aber definitiv nicht, dass den Standort weniger Produkte verlassen werden. Kundl wolle sich lediglich auf die Produktion von Fertigprodukten konzentrieren. Der Sandoz-Schriftzug sei entfernt worden, um das Novartis-Produktionsnetzwerk Novartis Technical Operations zu betonen.

Werden in Kundl Mitarbeiter abgebaut?

Diese Sorge dürfte unbegründet sein und kam auf, nachdem bekannt geworden war, dass Jobs in der Verwaltung vom Standort abgezogen und beispielsweise nach Wien verlagert würden. Insgesamt wächst die Zahl der Mitarbeiter in Kundl seit Jahren stetig an, bis 2021 ist zudem durch weitere Investitionen die Schaffung von mindestens 200 weiteren Arbeitsplätzen geplant.

Die Investition bezieht sich auf die nächste Generation der biotechnologischen Produktion namens Advanced Integrated Biologics Manufacturing. Die Eröffnung der Anlage ist für 2021 geplant und soll die weltweit modernste sein. Ein weiteres Projekt ist der Ausbau der bestehenden BioInject-Anlage mit einer zusätzlichen Produktionslinie für die Herstellung von sterilen Fertigspritzen. Kocher: „Wir werden also auch in den kommenden Jahren mit Sicherheit mehr und nicht weniger Mitarbeiter haben, weil wir weiterhin in den Standort Kundl/Schaftenau investieren werden.“

AUF EINEN BLICK

Großkonzern. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 1,4 Milliarden Euro und mehr als 4000 Mitarbeitern ist Novartis eines der größten Pharmaunternehmen Österreichs. Am Standort in Kundl, wo die meisten Beschäftigten tätig sind, will man sich künftig auf die Herstellung von Fertigprodukten konzentrieren. Pro Jahr verlassen den Standort knapp 200 Millionen Arzneimittelpackungen, von denen 80 Prozent exportiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2019)

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