Verpackungen wachsen, Inhalt schrumpft

Vor einem Jahr schaffte die EU die einheitlichen Verpackungsgrößen ab. Seither blüht die Fantasie der Hersteller: Die Packungen wachsen, die Inhalte schrumpfen – die Preise bleiben gleich.

Verpackungen wachsen Inhalt schrumpft
Verpackungen wachsen Inhalt schrumpft
Gewichte – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Es ist eine kleine Meisterleistung, die die Verpackungsdesigner von Henkel mit der neuen Persil-Flasche vollbracht haben: Die Verpackung ist größer als die alte, schaut wuchtiger und viel imposanter aus, hat einen eleganteren Schriftzug und ansprechendere Farben. Kurz: Alles ist schöner und besser und das bei gleichem Preis. Man muss schon genau schauen, um den Haken zu finden: In der alten Flasche waren drei Liter Waschmittel, in der größeren, neuen sind nur 2,625 Liter.

Seit die EU im April vergangenen Jahres die einheitlichen Verpackungsgrößen abgeschafft hat, geht es einem im Supermarkt wie zu Weihnachten, wenn kleine Geschenke in einem riesigen Karton stecken. Nur kommt am Ende kein wertvoller Ring heraus.

„Die Hersteller haben die neue EU-Richtlinie genützt, um still und heimlich mehr zu verdienen“, sagt Manuela Delapina, Konsumentenschützerin bei der Arbeiterkammer Wien. „Preiserhöhungen kommen in einer Krise nicht gut an. Da kommt so eine Regelung, die die Verpackungsgrößen freigibt, gerade recht: Man lässt den Preis gleich und macht die Verpackung kleiner.“

Früher war im Europäischen Wirtschaftsraum klar geregelt, in welchen Mengen bestimmte Produkte angeboten werden müssen: Zucker in Packungen mit 125, 250, 500, 750, 1000 oder 1500 Gramm. Schokolade in Tafeln zu 85, 100, 125, 150, 200, 250, 300, 400 oder 500 Gramm. Auch für Waschmittel gab es klare Vorschriften: 125, 250, 500, 750, 1000, 1500, 2000 Milliliter oder Gramm (weiter in 1000er-Schritten bis 7000). Mit der Zeit bürgerten sich bestimmte Größen ein: 250 Gramm für Butter, 200 oder 250 Gramm für Joghurt, ein Liter für Mineralwasser oder Milch, 100 oder 300 Gramm für Schokolade. Wer sich heute noch darauf verlässt, der kann ordentlich draufzahlen.

Geschrumpftes Joghurt. Joghurt schrumpfte auf 180 Gramm; die Mineralwasserflasche eines Herstellers hat nur noch 0,92 Liter Inhalt; Schokolade kommt jetzt auch mit 80 Gramm daher; in einer Packung Kekse sind nur noch 435 Gramm; wer Tempo-Taschentücher mit Menthol, Aroma oder Aloe Vera kauft, kann sich nur neunmal schnäuzen. In der regulären Packung sind zehn Taschentücher.

„Die Firmen sind sehr einfallsreich, wenn es darum geht, weniger Inhalt in gleiche Packungen zu packen“, meint Susanne Bauer von der Arbeiterkammer Steiermark. Diese Landes-AK hat das kreative Persil-Design aufgedeckt.

Wobei man bei Henkel daran nichts Schlechtes sieht. In einer Stellungnahme erklärt der Konzern, man habe die Rezeptur umgestellt. Das Waschmittel habe nun eine höhere Konzentration, das ermögliche eine geringere Dosierung bei verbesserter Waschleistung (trotzdem reichte laut Verpackung das alte Waschmittel für 40 Ladungen Wäsche, das Mittel in der neuen nur noch für 35). Dazu komme der Kostendruck durch die Lieferanten.

„Keinesfalls“, schreibt das Unternehmen, „hat unsere Entscheidung mit der im Jahr 2009 erfolgten Änderung der Fertigpackungsverordnung zu tun.“ Das hat es natürlich auch bei allen anderen Herstellern nicht, die ihre Preise mithilfe kleinerer Packungen erhöhten.


Plus sechs Prozent. Neue Rezepturen, technische Gründe, innovative Verpackungen, veränderte Konsumentenbedürfnisse oder Rohstoffpreise, die man den Kunden nicht direkt spüren lasse, so argumentieren die Hersteller. Nicht wenige weisen mit dem Finger auf die Händler: Man habe die empfohlenen Preise an die neuen Größen angepasst. Den Endpreis festzulegen, liege aber im Ermessen des Handels.

Grund für die Abschaffung der einheitlichen Größe war das Bestreben der EU, den Vorschriftendschungel zu lichten. Außerdem hätten die Produzenten so die Möglichkeit, die Verpackungen für den Transport zu optimieren und auch auf neue gesellschaftliche Phänomene zu reagieren, etwa auf die steigende Zahl von Singles oder andere Ernährungsgewohnheiten.

Und das taten sie. Die AK Wien hat im vergangenen Herbst bei der jährlichen Warenkorberhebung bei Lebens- und Reinigungsmitteln in 37 Fällen eine Änderung der Verpackungsgröße festgestellt. In 70 Prozent der Fälle wurden die Artikel kleiner und daher teurer. Im Schnitt erhöhten sich die Preise um sechs Prozent, in einzelnen Fällen gar um mehr als 40 Prozent.

Kotányi-Pfeffer wurde zum Beispiel Anfang 2008 in 100-Gramm-Packungen für 1,99 Euro verkauft. Der Pfeffer kostet noch immer 1,99 Euro, allerdings bekommt man dafür nur noch 70 Gramm. Das Unternehmen erklärt die Preissteigerung um 42,9 Prozent damit, dass Pfeffer um 40 bis 50 Prozent teurer geworden sei. Statt den Verkaufspreis zu erhöhen, habe man beschlossen, die Menge zu reduzieren.

Balisto erklärt seine Änderungen mit Kundenwünschen: Die Riegel sind um vier Gramm leichter geworden, eine Differenz von rund zehn Prozent. Der Preis blieb freilich gleich. Die Konsumenten würden bei Süßigkeiten lieber zu kleineren Portionen greifen, erklärt man beim Hersteller Mars.

40 statt 50 Beutel Tee in der Großpackung zum gleichen Preis? Beim Hersteller, der Teekanne GmbH, erklärt man die Preiserhöhung um 20 Prozent mit den Rohstoffen, die im gesamten Teebereich um durchschnittlich 30 Prozent, bei einzelnen Rohstoffen gar um 100 Prozent gestiegen seien. Konkurrent Milford, der die Füllmenge pro Beutel von drei auf 2,25 Gramm gesenkt hat, erklärt, eine „Mogelpackung“ liege nur vor, wenn der Konsument über den Inhalt getäuscht werde. Solange drin ist, was auf der Packung steht, sei das „in keinster Weise“ gegeben.


Legale Tricks. Rechtlich stimmt das fraglos. Für Konsumenten heißt das: genau lesen und rechnen. Am Ketchup-Regal wird das zur Herausforderung. Fünf Flaschen ähnlicher Größe, fünf verschiedene Füllmengen zwischen 300 und 480 Gramm.

Die Konsumenten sind verwirrt, ihre Schützer steigen auf die Barrikaden. Mit Erfolg: Arbeiter- und Wirtschaftskammer haben sich darauf geeinigt, dass ab September 2010 der Grundpreis pro Liter, Kilogramm oder 100 Gramm am Regal mit einer Größe von mindestens vier Millimeter angegeben werden muss. Der Verkaufspreis soll dann acht Millimeter groß am Regal stehen.

Die Großen des Lebensmittel- und Drogeriehandels bekennen sich zu dieser freiwilligen Auszeichnung, in 85 Prozent aller Geschäfte werden die Grundpreise ab Herbst also leichter zu lesen sein.

Mit dem wachsamen Blick auf den Grundpreis ist es aber nicht getan. Schließlich sind die Tricks der Verpackungskünstler beim Ändern der Größen noch nicht zu Ende. Als die AK 965 Produkte untersuchte, stellte sie fest, dass der Anteil an Luft am Verpackungsinhalt etwa bei der Hälfte lag. Einsamer Spitzenreiter war eine Reisverpackung: Die war 20,5 Zentimeter hoch, der enthaltene Reis füllte die Schachtel aber gerade einmal 6,5 Zentimeter hoch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2010)

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