Andreas Kaufmann: Ein "Edelknipser" als Leica-Retter

Er war Waldorf-Lehrer, bevor er seine Liebe zur Fotografie neu entdeckte. Heute gehört dem Salzburger der legendäre deutsche Kamerahersteller Leica. In sechs Jahren führte er das Unternehmen wieder in die Gewinnzone.

Edelknipser LeicaRetter
Edelknipser LeicaRetter
(c) MICHAEL PROBST

Die Kamera, die Leica gerettet hat, ist eine Canon. Sie steht im Schaukasten mit verschiedenen Prototypen der deutschen Firma. Zwischen einer Reporterkamera mit einem Magazin für 100 Bilder, der ersten Digitalkamera von Leica, zwischen einer nie gebauten Filmkamera und einer ebenfalls nie realisierten Autofokuskamera.

„Mit der Kamera habe ich wieder angefangen zu fotografieren“, sagt Andreas Kaufmann und deutet auf die alte Canon Powershot. Das war im Jahr 1999. 2003 kaufte er seine erste Leica und ein Jahr später die ganze Firma.

Damals meinten viele, der Hobbyfotograf aus Salzburg habe sich übernommen. Der legendäre Kamerahersteller stand am Abgrund, hatte kein Konzept für die Zukunft – was eigentlich egal war, weil viele ohnehin keine Zukunft für Leica sahen – und auch kein Geld mehr. Heute, sechs Jahre später, schreibt die Firma wieder Gewinn: 3,2 Millionen Euro blieben am Ende des abgelaufenen Geschäftsjahrs (31. März) in der Kasse.

Der Mann, dem Leica das zu verdanken hat, spielt an seiner digitalen Sucherkamera M9 herum. Daneben liegt eine Leica X1, später holt Kaufmann noch eine V-Lux20 aus der Fototasche. „Das“, sagt er mit leuchtenden Augen und hält die M9 hoch, „macht uns niemand nach. Eine Sucherkamera mit Vollformatsensor. Andere haben das probiert, aber nie geschafft.“ Leica hat es geschafft – und das scheint den Hobbyfotografen in Kaufmann fast noch mehr zu freuen als den Besitzer.

Tatsächlich weiß man bei dem 56-Jährigen nie, ob sein Enthusiasmus Leica oder der Fotografie gilt. Wenn er beispielsweise die Bilder in seinem Salzburger Büro im ehemaligen Haus des Residenzverlages zeigt: das berühmte Porträt Che Guevaras etwa, das in jeder Studentenwohnung dieser Welt hängt. Kaufmann hat einen Originalabzug, unterschrieben vom Fotografen Alberto Korda. Was freut ihn mehr? Das ikonenhaft Bild oder ein anderes Faktum: „Das hat er mit einer Leica M aufgenommen“, sagt er.


Ein rundlicher Roberto Benigni. Kaufmann ist ein quirliger Typ, stark unrasiert, aber noch nicht bärtig. Eine deutsche Zeitung bezeichnete ihn als „rundliche Version des Regisseurs Roberto Benigni“. Jedenfalls sieht er nicht so aus, wie man sich einen beinharten Manager vorstellt, der eine konkursreife Firma in die Gewinnzone gebracht hat. Eher wie ein Waldorf-Lehrer – und das war er auch den Großteil seines beruflichen Lebens.

Für Bilanzen hat er sich einst weitaus weniger interessiert als für Hesse oder Böll. „Ich war von der Schulzeit in den 70er-Jahren sehr stark linksalternativ orientiert“, erzählt Kaufmann. „Das Wichtigste für mich war die Revolutionierung der Welt.“ Vielleicht hatte das auch mit dem familiären Hintergrund zu tun: Die Kaufmanns sind eine der reichsten – und darob diskretesten – Familien Österreichs, ihr gehörte einst die Papierfabrik Frantschach. Wie viel Geld in der Privatstiftung liegt, darüber wird nur spekuliert: Mehrere hundert Millionen Euro sollen es sein.

Andreas studierte also Literaturwissenschaft statt Bilanzen, er protestierte gegen die Atomkraft, war bei der Gründung der Grünen dabei und trug lange Haare. In der Waldorf-Schule im deutschen Göppingen unterrichtete er Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch. Bis zum Schuljahr 1999/2000. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt: ,Mache ich das für den Rest meines Lebens oder probiere ich etwas anderes?‘“


Investition in Softwarefirma. Er probierte etwas anderes, zuerst mit Investitionen in eine Softwarefirma, später mit Leica. Als er über die Beteiligungsfirma ACM 2004 bei dem deutschen Unternehmen einsteigt, ist er zuversichtlich – bis er die Bücher studiert, die er in seiner Jugend so verachtet hat: „We are in deep shit“, soll er gesagt haben.

Heute drückt er es dezenter aus: „Hätten wir damals gewusst, was kommt, hätten wir es vielleicht nicht getan.“ Leica hatte sein Eigenkapital zu mehr als der Hälfte verbraucht, 2005 musste refinanziert werden. Kaufmann pumpte zusätzliche Millionen in die Firma und kaufte die Aktien über die Börse zurück. Heute besitzt er 97,5 Prozent an dem Unternehmen.

„Wir haben immer gewusst, dass man mit der Firma etwas machen kann“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende. Das Problem war nur, was. Die Prototypen in Kaufmanns Büro erzählen eine eindeutige Geschichte, es ist ein Schaukasten der verpassten Chancen: Als erster Kamerahersteller entwickelte Leica den Autofokus, ignorierte die neue Technik aber, bis Minolta 1985 damit die Kamerawelt veränderte. 1989 diskutierte man in Solms schon über Digitalkameras, 1996 brachte Leica eine auf den Markt und ließ die Sache wieder einschlafen. Als sich die anderen Hersteller 2004 auf der weltgrößten Fotomesse, der Photokina in Köln, mit Digitalkameras überbieten, heften sich Leica-Manager einen Button ans Revers: „Ich bin ein Filmdinosaurier.“

Kaufmann setzt den längst fälligen Aufholprozess nach der Übernahme in Gang: Mit der Vorstellung der digitalen Leica M8 beginnt die Erholung, mit dem verbesserten Nachfolgemodell M9 landet man einen Hit. Die Kamera ist auf Monate hinaus ausverkauft. „Wir werden vermutlich mehr als doppelt so viele produzieren wie geplant.“

2008 kommt ein völlig neues Kamerasystem hinzu, die Leica S2. Für die Photokina im heurigen Herbst „könnte es“, sagt Kaufmann, „ein, zwei neue Produkte geben. Dann sind wir gut aufgestellt.“ Er sehe für Leica jedenfalls nicht nur einen Silberstreif am Horizont, „es gibt einen ganzen silbernen Himmel“.

Dank der Leica-Fans, die bereit sind, exorbitante Preise zu bezahlen. Die S2 kostet beispielsweise 18.000 Euro – nur das Gehäuse. Trotzdem kommt man mit der Herstellung nicht nach. Nicht einmal der Chef hat eine („Ich warte, bis unsere Kunden bedient sind“).

Für die Sucherkamera M9 verlangt der Hersteller 5495 Euro, für ein Weitwinkelobjektiv zahlt man fast noch einmal so viel, ein Normalobjektiv kostet mindestens 1050 Euro.

Dazu kommen die Digitalkameras, die man in Zusammenarbeit mit Panasonic entwickelt: Sie sind völlig baugleich, Leica stimmt lediglich die Software und die Einstellungen für die Kameras mit dem rotem Leica-Punkt ab. Den Kunden ist das einen Aufpreis von bis zu 100 Prozent zum Panasonic-Produkt wert.


Eine Leica in Gold. Oder die vielen Sonderserien: eine Leica in Gold, eine in Krokodilleder, eine Anton-Bruckner-Serie, eine aus Titanium, eine anlässlich des Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China, eine zum Jahrtausendwechsel. „Wir haben Kunden, die diese Sonderserie lieben, deswegen machen wir sie.“ Für die Käufer ist es auch eine Investition: Bei Auktionen zahlen Sammler regelmäßig Rekordpreise für die Serien.

„Natürlich leben wir auch vom Mythos“, sagt Kaufmann. Leica sei für Fotografen, was Porsche für Autofahrer sei: „Niemand sagt, ich möchte einmal im Leben einen Hyundai fahren. Man möchte einmal im Leben einen Porsche fahren.“

Kaufmann besitzt keinen Porsche, aber drei Leicas. „Ich habe“, sagt er, „das Stadium des Edelknipsers erreicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2010)

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