Hochspannungsleitung: Über 410 Masten in die Dose

In der Steiermark stritt man über 20 Jahre, bevor die 380-kV-Hochspannungsleitung gebaut wurde. In Salzburg könnte es nun zu einer Wiederholung kommen. Zwischen Elixhausen und Kaprun.

ueber Masten Dose
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Hochspannungsmasten – (c) Bilderbox

Der Ausblick von dem Bauernhaus in Kuchl in der Nähe von Hallein ist gewaltig. Hinunter ins Tal, über saftige Wiesen, grüne Wälder, über die Salzach bis hin zu den Ausläufern des Tennengebirges. In ein paar Jahren kommt eine weitere optische Bereicherung dazu: eine Hochspannungsleitung mit 60 Meter hohen Masten und 15Zentimeter dicken Kabeln. „Jo mei“, sagt Herbert Maier. „Irgendwie muss der Strom ja zu den Menschen. Jetzt müss' ma halt die Aussicht genießen, so lang mir sie noch hab'n.“

Eigentlich müsste die Verbundgesellschaft Herbert Maier ausstopfen und auf einen Sockel stellen. Als Denkmal der energiepolitischen Vernunft. Jemand, der einsieht, dass man einen Preis für die Annehmlichkeiten des modernen Lebens bezahlen muss. Und dieser Preis sind in dem Fall eben Strommasten und dicke Kabel.

Aber Herbert Maier will nicht auf einen Sockel gestellt werden. Er will nicht einmal namentlich in der Zeitung stehen, und deswegen heißt er auch nicht Herbert Maier. Der 53-Jährige ist vermutlich der einzige Salzburger, dem sie eine 380-kV-Leitung vor die Nase setzen und der nur mit den Schultern zuckt. „Des kimmt net so gut an“, sagt er über seine Einstellung. Deshalb hält er den Mund, wenn im Gasthaus über die neue Stromleitung diskutiert wird.

Und das wird es derzeit in jedem Gasthaus zwischen Elixhausen und Kaprun. 142 Kilometer Kabel will die Austrian Power Grid (APG), die Stromleitungstochter des Verbund, zwischen den beiden Gemeinden auf 410 Masten aufhängen. Seit einigen Wochen steht der ungefähre Trassenkorridor fest: direkt vorbei an ein paar Häusern in Fusch, an einem Bauernhof, durch Kuchl, über ein Natura-2000-Gebiet bei Bad Vigaun, vorbei an einer neuen Wohnsiedlung in Elsbethen, durch einen Wald bei Adnet, über den Gaisberg.

Unberührt. Insgesamt werden 203 Häuser weniger als 200 Meter von der 380-kV-Leitung entfernt sein, weitere 300 liegen näher als 400 Meter – die Abstände, die das Landeselektrizitätsgesetz (LEG) für Häuser bzw. Siedlungen vorschreibt. Der genaue Verlauf wird in den kommenden Monaten in Verhandlungen mit Gemeinden, mit Bürgern, dem Land und Experten festgelegt. Das heißt, es geht jetzt vor allem um eines: die Leitung möglichst weit vom eigenen Haus wegzubekommen.

„Da wird sie verlaufen“, sagt Rupert Lehenauer und deutet mit der Hand über eine Wiese hinaus zu einer Baumgruppe in Bad Vigaun. Im Hintergrund sieht man die beeindruckende Bergkette mit Rossfeld, Hohem Göll – „und Untersberg“, wirft eine Nachbarin ein. Im Juni vergangenen Jahres hat Lehenauer den Umbau seines Elternhauses abgeschlossen, nach eineinhalb Jahren. „Unberührte Natur“, sagt er. „Der Baugrund hier ist nicht billig.“ Im November hat er vom geplanten Verlauf der 380-kV-Leitung erfahren. Von seiner Terrasse aus würde er direkt auf die Leitung schauen.

„Die reden von einem Jahrhundertprojekt, und dann bauen sie wie vor 50Jahren“, sagt sein Nachbar Thomas Selig. Warum könne man die Leitung nicht einfach unter die Erde legen, das sei für alles besser: für das Ortsbild und vor allem die Gesundheit.

Zusammen mit ein paar Nachbarn haben Lehenauer und Selig ein Informationsblatt zusammengestellt über „die grausame Wahrheit der Hochspannungsleitungen“: Fehlgeburten, steigende Hirntumor- und Brustkrebsrate, Bildung von Ozon, starkes Brummen der Leitungen bei Regen, steht da.

Seligs Frau hat einen siebenjährigen Sohn, die anderen Nachbarn fünf- und sechsjährige Kinder, zwei Frauen sind schwanger. „Natürlich mach ich mir Sorgen“, sagt eine. „Wenn man das liest, und dann ist die Leitung 200Meter weg.“ – „Die sagen, es ist nicht gefährlich“, wirft Selig ein. „Dann soll doch der Verbund-Chef bei mir einziehen. Ich tausche das Haus gern.“

„Man muss die Menschen und ihre Ängste ernst nehmen“, erklärt ein Verbund-Mitarbeiter, der an diesem Tag in Hallein mit Betroffenen spricht. Die APG organisiert in ganz Salzburg Informationsmessen für die betroffene Bevölkerung, klärt mit detaillierten Landkarten über den geplanten Verlauf der Leitung auf, informiert über mögliche Entschädigungen, über Gesundheitsgefahr und ökologische Folgen. Man will in die Offensive gehen, es soll nichts heimlich oder im stillen Kämmerchen ablaufen.


8000 Euro Entschädigung. In der Salzberghalle in Hallein stehen trotz drückender Hitze und unklimatisierter Räume knapp hundert Menschen vor den Schautafeln. Am Eingang gibt es Feuerzeuge mit Verbund-Aufdruck, Kugelschreiber, Maßbänder, Luftballons; drinnen reicht man Würstel und Saft.

Das Bemerkenswerte ist, wie ruhig die Veranstaltung abläuft. Niemand schreit, niemand erhebt die Stimme, es gibt keine emotionalen Diskussionen. Vielleicht ist das Projekt noch zu unkonkret, vielleicht aber sind die Menschen tatsächlich „verständnisvoller“, wie Wolfgang Hafner glaubt, Projektleiter der „380-kV-Salzburgleitung 2“.

„Die Menschen akzeptieren und verstehen, dass wir die Leitung brauchen“, meint Hafner. Er hat schon ganz andere Erfahrungen gemacht: Er war auch Leiter der 380-kV-Leitung durch die Steiermark. Über die stritt, diskutierte und tobte man mehr als 20 Jahre. Eine ganze Generation an Politikern ist durch diese Hochspannungsleitung groß und stark geworden. In Salzburg findet die Diskussion recht unaufgeregt statt.

Weil es der Verbund „sehr klug gemacht hat“, sagt Grün-Abgeordnete Astrid Rössler. Das vermeintliche Lob ist offene Kritik: „Alles wird Dialog genannt, man macht den Menschen damit die Hoffnung, dass man noch über alles diskutieren kann.“ Das stelle die Bürgerinitiativen ruhig. „Bevor man es sich versieht, steht die Leitung.“ Man sollte eigentlich das ganze Projekt hinterfragen: „Brauchen wir die Leitung überhaupt? Warum setzen wir nicht auf regionale, statt auf internationale Strukturen?“

Diese Frage stellt sich für Hafner überhaupt nicht: „Die Leitung ist das Rückgrat der Energieversorgung in Österreich.“ Auf den 380-kV-Ring könne man nicht einfach verzichten. Außerdem gehe es nicht darum, Menschen hinters Licht zu führen. „Es wird eine intensive Bürgerbeteiligung geben, wenn die Detailplanung beginnt.“ Das wird kommendes Jahr sein. 2015, 2016 sollen die Bauarbeiten beginnen, zwei Jahre später soll die Leitung dann fertig sein. Soll. Ein Zeitplan ist bei so einem Projekt immer mehr ein Wunschplan.

Eines aber stellt der Projektleiter unumwunden klar: Gebaut wird die Leitung auf jeden Fall, und zwar als Freileitung. Ein unterirdisches Kabel zu führen, wie es vor allem die betroffenen Anrainer und Gemeinden wollen, sei sowohl ökonomisch als auch technisch nicht zu realisieren. Und was die vorgeschriebenen Mindestabstände betrifft: „Es geht dabei nicht um eine Gesundheitsgefahr, weil es die nicht gibt.“ Auf ihrer Website erklärt die APG, dass die Belastung durch das Magnetfeld einer 380-kV-Leitung in 70 Meter Entfernung geringer sei, als wenn man vor dem Computer sitzt. Es gehe bei den Abstandsvorschriften „nur um die Optik“, betont Hafner. Daher werde, „wenn es nicht anders geht“, die 380-kV-Leitung auch in geringeren Abständen als im LEG festgeschrieben an Häusern vorbeiführen.

Für die Betroffenen gibt es in diesen Fällen Entschädigung, wie eine Tafel in Hallein kundtut: Wer näher als 200Meter an der Leitung ist, bekommt 2000 Euro; bei weniger als 150 Meter erhöht sich der Betrag auf 4000 Euro, und bei einem Abstand zwischen 70 und 100 Meter gibt es 8000 Euro. Die Salzburger Sozialpartner haben bereits eine Summe von 70Millionen Euro als Ausgleichszahlung und Entschädigung für Grundeigentümer, betroffene Anrainer und Gemeinden zur Diskussion gestellt. Das will man beim Verbund nicht kommentieren, man nennt nur das Gesamtbudget: 400 Millionen Euro sind für den Bau veranschlagt.

„Soll ich Ihnen sagen, was die mit dem Geld machen können“, fragt ein Landwirt aus Elsbethen rhetorisch. Er wohnt beim Gaisberg, einem Naherholungsgebiet Salzburgs, die Leitung wird nach derzeitigem Plan etwa 150Meter von seinem Haus entfernt verlaufen. Was seine Frau vor allem ärgert: „Wenn wir irgendetwas machen wollen beim Haus oder beim Grund, brauchen wir Genehmigung um Genehmigung, weil das ein Erholungsgebiet ist. Und die dürfen einfach den Mast da hinstellen?“

Das ist einer der Gründe für Ärgernis: Das übergeordnete Interesse, das man der Hochspannungsleitung zugesteht. In das Naturschutzgebiet bei Bad Vigaun durfte man bis vor einigen Monaten nicht einmal hineingehen, erzählen Einheimische. „Und jetzt soll die Leitung da rübergehen“ – und dann natürlich weiter, in Sichtweite der Wohnhäuser.

Was die einen ärgert, freut die anderen. Den Mann etwa, der in Elixhausen an seinem Golf arbeitet. Keine zehn Meter von seinem Haus entfernt verläuft eine brummende Hochspannungsleitung. Wenn die 380-kV-Leitung steht, kommt die hier weg. „Vor allem bei Regen“, sagt er, „ist sie gut zu hören.“ Er verstehe ja die Sorgen der Menschen, aber die würden ohnehin weit von der Leitung weg wohnen. „Wir müssen schon jahrelang mit der“ – er deutet auf die Hochspannungsleitung – „direkt vor unserem Haus leben.“

Unterm Strich, so der Verbund, bringe die 380-kV-Leitung eine Entlastung für die Bevölkerung. Denn zeitgleich würden 250 Kilometer alter 110- und 220-kV-Leitungen samt 850Masten demontiert, dadurch würden „4300 Wohnobjekte entlastet und vier Millionen Quadratmeter Bauland zurückgewonnen“, erklärt man in einer Broschüre.

Das ist für die, die von dem Neubau betroffen sind, kein Trost. Rupert Lehenauer hat neulich Luftballons unten beim Waldstreifen aufsteigen lassen, 50 Meter hoch, um zu sehen, wie weit die Strommasten die Bäume überragen würden. Es wären etwa 20, 30Meter. „Dann würden wir das Rossfeld und den Hohen Göll nur durch den Masten sehen“ – „und den Untersberg“, wirft die Nachbarin ein.

(c) Die Presse / JV

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)

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