Stickerei-Export nach Afrika

Die Vorarlberger Stickereiwirtschaft erholt sich, doch der Nachwuchs lässt auf sich warten.

Der Museumsshop im Lustenauer Stickereizentrum ist so etwas wie das Schaufenster der Vorarlberger Sticker. Dafür sorgt Andreas Staudacher, Geschäftsführer der Fachgruppe Stickereiwirtschaft (Wirtschaftskammer Vorarlberg). Ihm ist es zu verdanken, dass sich hier neben klassischen Arbeiten auch neue Entwürfe junger Designerinnen finden. Etwa die mit Stickerei besetzten Handtaschen von Daniela Hofer. Oder die Streetwear der jungen Designerin Sabrina Vogel.

Sie wurde vor zwei Jahren gefragt, ob sie nicht „etwas mit Stickerei machen“ wolle. Seitdem zählt das Kunsthandwerk zum fixen Bestandteil ihrer Kollektion. „Vorarlberger Stickerei ist zwar traditionell, aber die Muster sind absolut modern“, schwärmt Vogel. Die Textilkunst, die vor allem in Lustenau Tradition hat, müsse man unbedingt den Jungen näherbringen. „Stickerei ist etwas Besonderes. Manchmal muss ich sogar Schnitte reduzieren, weil die Stoffe eine derart starke Aussagekraft haben“, so die Designerin.

Dieses Engagement und das Einbeziehen der Jungen kann die Vorarlberger Stickereiwirtschaft gut brauchen. Seit Jahren kämpft die Industrie mit der Billigkonkurrenz aus Asien, die Krise hat auch ein Übriges getan. Allein im Vorjahr ist der Exportwert um 33Prozent gesunken. Auch der kreative Nachwuchs lässt auf sich warten. Dennoch macht sich heuer ein leichter Aufschwung bemerkbar. Erster Hoffnungsschimmer: Von Jänner bis April stieg der Exportwert um 5,9 Prozent.

Viel Konkurrenz, kein Nachwuchs. „Wir kämpfen seit rund 20 Jahren mit der Konkurrenz aus Fernost und aus der Türkei – seit zehn Jahren massiv“, sagt Selma Grabher, die seit 30 Jahren bei Hoferhecht (der ältesten Stickerei in Lustenau) tätig ist. Es komme deshalb nicht selten vor, dass zwar Muster angefragt werden, Aufträge aber ausbleiben und das Design dann im Handel wieder auftaucht. „Trotzdem hab ich ein positives Gefühl, dass es wieder bergauf geht“, sagt Grabher. Die Stickerei lasse sich nicht so schnell umbringen, immerhin hat sie schon Kaiser und Päpste geziert.

Markus Riedman, Obmann der Vorarlberger Sticker, stimmt zu. „Man merkt in der letzten Zeit ein Revival der österreichischen Stickerei. Dieser Trend ist heuer spürbar“, sagt er. Sorgen macht ihm nicht die Billigkonkurrenz, vielmehr der fehlende Nachwuchs– und zwar nicht im technischen, sondern im kreativen Bereich. „Früher hatte jeder große Stickereibetrieb einen eigenen Designer für das Muster. Um die Kosten zu minimieren, hat man diese aber ausgelagert.“ Und: Durch die Arbeit am Computer verlernen die Jungen das Zeichnen. „Dadurch verliert die Kreativität an Leben.“ Die Stickereiwirtschaft versucht, dieses Defizit durch Kooperationen mit Ausbildungsstätten auszugleichen. So gibt es eine Zusammenarbeit mit der internationalen Modeschule Esmod sowie mit der Modeschule Hetzendorf in Wien.

Eine der ausgelagerten Designerinnen ist Jasmin Hämmerle. Sie entwirft seit 1996 als Selbstständige Stickereimuster. „Damals war es kein Problem, sich gleich nach der Lehre selbstständig zu machen. Heute geht das nicht mehr so einfach“, sagt Hämmerle, die für sechs Großkunden und mehrere Kleine tätig ist. Was sie aber besonders stört, ist, dass „dem Nachwuchs eingeredet wird, dass im Design der Stickerei keine Zukunft liegt“. Sie selbst bezeichnet ihre Auftragslage als gut. Sie habe zwar nicht durch die Krise gewonnen, aber: „Je schlechter die Lage für die Sticker ist, desto exklusiver muss das Design sein.“ Allerdings müsse auch sie jetzt zehn Muster liefern, um fünf zu verkaufen. „Früher haben sie mir alle zehn aus der Hand gerissen.“

Schwerpunkt Afrika. Ein besonders wichtiger Markt für das Vorarlberger Kunsthandwerk ist Afrika, speziell Nigeria. Im Jahr 1966 sind einem Lustenauer Geschäftsmann in Lagos die bestickten Gewänder der Afrikanerinnen aufgefallen. „Die Zusammenarbeit ist durch reinen Zufall entstanden. Damals wurde die Idee belächelt. Heute ist Afrika, speziell Nigeria, der wichtigste Markt“, sagt Riedmann. Rund die Hälfte der Exporte geht nach Afrika. Allerdings muss auch dieser Markt – wegen der Krise – wieder etwas angekurbelt werden. So läuft derzeit eine Kooperation mit vier nigerianischen Designern. Eine Premiere – zuvor lief der Kontakt über Verkäufer. Im Oktober werden die Ergebnisse auch im Wiener Volkskundemuseum gezeigt. „Das ist die richtige Richtung. Früher haben wir viel vorgegeben. Jetzt haben wir das umgedreht und uns angeschaut, was die nigerianischen Designer wollen.“

Auch hierzulande wird einiges getan, um den Markt wieder anzukurbeln. Ein neues Qualitätssiegel soll den Billigimport aus dem Ausland stoppen. Sieben große Stickereien haben gemeinsam die Qualitätsgruppe LQE (Lustenau Quality Embroideries) gegründet. Produkte, die mit dem Logo LQE gekennzeichnet sind, stammen garantiert und ganzheitlich aus Lustenau. „Vor drei, vier Jahren gab es einen Boom, was billige Ware aus dem Ausland betrifft. Jetzt haben wir das gut im Griff, weil auch die Kunden immer mündiger werden und nach Qualität verlangen,“ sagt Stickerei-Obmann und Initiator Riedmann. Ein Umstand, der den Vorarlbergern zugutekommt.

Es geht also für die heimischen Sticker wieder bergauf. Davon ist auch Andreas Staudacher überzeugt. „Zwar nicht so rasant, wie es bergab ging, aber es wird.“ Einerseits, weil sich die Krise beruhigt haben dürfte – „es wurde eine Zeit verhalten geordert, jetzt sind die Lager leer, man bestellt wieder nach“ –, und andererseits, weil viele Kunden, nachdem sie schlechte Erfahrungen mit China gemacht haben, zu den heimischen Anbietern zurückkehren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)

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