Interview: „Viele Bauern haben falsch investiert“

Großbauer Hardegg spricht über die versäumten Chancen der Bauern seit dem EU-Beitritt, Klischees, die längst nicht mehr stimmen, die Verantwortung der Politik und das sich der Bauer von ihr loslösen muss.

(c) Clemens Fabry

Die Presse: Sie haben Ihren Betrieb geerbt. Wenn Sie sich jetzt frei entscheiden könnten, würden Sie dann noch einmal Bauer werden?

Maximilian Hardegg: Als Landwirt arbeiten Sie unter freiem Himmel, entscheiden mehr oder weniger täglich, was Sie machen oder nicht machen. Es gibt ein sehr hohes Potenzial an Freude, aber es gibt auch viele negative Erlebnisse. Sie müssen es aushalten, dass Sie die schönste Ernte stehen haben, und eine halbe Stunde Hagel zerstört Ihnen alles. Trotzdem: Das klingt jetzt pathetisch, aber Landwirt ist der schönste Beruf, den es gibt.

Glauben Sie, dass sich der Großteil der Landwirte so fühlt?

Bauern haben erst ab 70Hektar eine positive Zukunftsperspektive. Die vielen kleinen Bauern in Österreich sehen die Zukunft trist. Das Schlimme ist: Die Politik versucht uns glauben zu machen, dass es nicht so sei. Die Landwirte sind viel weiter als die Politiker.

 

Viele stellen sich das Dasein als Landwirt wohl eher anstrengend vor: früh aufstehen, sehr viel arbeiten und noch dazu wenig verdienen. Nämlich durchschnittlich 19.000Euro im Jahr.

Für mich ist eher relevant, wie hoch der Anteil der Förderungen am Einkommen ist: Laut Wifo(Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, Anm.) sind es 65Prozent. Der Landwirt ist also stark von öffentlichem Geld abhängig. Das ist eine große wechselseitige Verantwortung. Einmal die der öffentlichen Hand gegenüber den Landwirten, eine fachlich nachvollziehbare Agrarpolitik zu machen und keine willkürliche. Und der Landwirt muss effizient mit diesem Geld umgehen und darf es nicht missbräuchlich verwenden. Da haben wir noch ein großes Stück Arbeit vor uns.

 

Das Bild des kleinen Bergbauern, der seine Kühe beim Namen kennt, wird in Österreich sehr kultiviert. Ist das noch zeitgemäß?

Die meisten Landwirte wollen so dargestellt werden, wie sie sind, und nicht, wie es irgendein Klischee will. Die Menschen durchschauen diese Klischees, sie sind in der Tat viel reifer, als man vermuten würde.

 

Es gibt in Österreich rund 180.00 landwirtschaftliche Betriebe. Wie viele könnten zusperren, ohne dass unsere Nahrungsmittelversorgung an Qualität verliert?

Die Statistik ist aufgebläht und sehr viele Betriebe werden längst in größeren Einheiten bewirtschaftet, aber als mehrere Betriebe gezählt. Das liegt daran, dass viele Bauern über das Bauernsein versichert bleiben wollen. Mit 100.000 Betrieben könnte Österreich sicher gut bewirtschaftet werden.

 

Wollen sich kleine Betriebe überhaupt zusammenschließen?

Absolut! Die Betriebe stellen schließlich auch Berechnungen an. Rund um den EU-Beitritt war die große Frage, was man mit den vielen kleinen Betrieben macht. Als 1995 das Geld kam, wurden Maschinen gekauft wie blöd, Hallen gebaut, und niemand hat gesagt: Tu es nicht allein, macht es zusammen. Das war eine versäumte Chance. Viele Kleinbauern haben einfach falsch investiert. Da hat die Politik schon eine Verantwortung. Sie kann sagen, jeder von euch hat eine Existenzberechtigung, oder sie kann sagen, ihr bekommt nur Subventionen, wenn ihr zeigt, dass ihr die Maschinen auslastet. In den Medien wird es oft so dargestellt, als ob die Bauern hunderttausende Euro zugeschoben bekommen. Das ist sehr unangenehm. Auf lange Sicht muss der Bauer von der Politik loskommen.

 

Also die Direktzahlungen abschaffen?

Langfristig muss es das Ziel sein, dass die Förderungen nicht mehr 65Prozent der Bauerneinkommen ausmachen.

 

Es werden wieder Obergrenzen diskutiert. Auch ÖVP-Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich kann sich dafür erwärmen. Was würde sich für Sie mit einer Obergrenze ändern?

Das ist noch dermaßen unklar definiert, dass ich das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen kann. Für uns ist das natürlich ein katastrophales Thema: Ein Betrieb, den die Obergrenze ausschließt, schaut in ein schwarzes Loch. Ich habe 40 Mitarbeiter, die ich jedes Monat bezahlen muss und damit eine riesige Verantwortung als Arbeitgeber. Man muss wissen, dass man so mit der Existenz von Betrieben spielt.

 

Aber Sie haben gerade gesagt, Sie wollen langfristig von den Subventionen wegkommen – das wäre ein erster Schritt.

Auch mein Einkommen hängt von den Förderungen ab. Wenn man sagt, der eine bekommt sie, der andere nicht, dann ist das eine Wettbewerbsverzerrung par excellence. Sie verdrängen den einen zugunsten des anderen. Das ist so, als ob sie jemanden enteignen.


Die Gutsverwaltung Hardegg und die Karmasin Motivforschung präsentieren am 16. Dezember 2010 im Rahmen des Agrardialogs die Studie „Erwartungen an die Landwirtschaft“. 18 Uhr, Café Prückel, Stubenring 24.

Zur Person

Maximilian Hardegg ist mit einer Gesamtfläche von rund 2000 Hektar, über 40 Mitarbeitern und einem Millionenumsatz einer der ganz Großen in der österreichischen Landwirtschaft. Die Gutsverwaltung Hardegg befindet sich im niederösterreichischen Seefeld-Kadolz. Neben dem Getreidebau als größtem Betriebszweig betreibt Hardegg Weinbau und eine Schweinezucht. Ein durchschnittlicher Betrieb bewirtschaftet in Österreich eine Fläche von 19,3Hektar, der EU-Schnitt liegt bei 12,6 Hektar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2010)

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