Wer ist wirklich arm in Österreich?

Zwölf Prozent der Österreicher gelten als armutsgefährdet, sechs Prozent als arm, sagt die Statistik Austria. Die politischen Reaktionen sind heftig. Die Grünen finden die vorgelegten Zahlen „erschütternd“.

(c) Bilderbox

Wien. Armut hat viele Facetten: Mehr als zwei Millionen Menschen in Österreich geben an, sich keinen Urlaub leisten zu können. 609.000 sind mit ihren Zahlungen im Rückstand. Aus finanziellen Gründen auf eine Waschmaschine verzichten müssen immerhin nur 31.000. All das geht aus den am Donnerstag präsentierten Zahlen der Statistik Austria hervor.

Der Bericht, demzufolge 993.000 Menschen im Jahr 2009 armutsgefährdet und 488.000 manifest arm waren, lässt breiten Interpretationsspielraum zu. Man kann argumentieren, dass die Armut in Österreich abnimmt: Die Zahl der „manifest Armen“ ist von 492.000 auf 488.000 gesunken, das Durchschnittseinkommen der Armutsgefährdeten (das sind jene, die weniger als 994 Euro im Monat zur Verfügung haben) ist nominell um 2,2 Prozent auf 823 Euro gestiegen.

Man kann auch herauslesen, dass die Armen ärmer geworden sind: Ihr Durchschnittseinkommen ist nur um 18 Euro pro Monat auf 823 Euro gestiegen, die Armutsschwelle wurde aber um 43 Euro auf 994 Euro angepasst. Das heißt: Der Betrag, der den Armutsgefährdeten im Schnitt fehlt, damit sie nicht mehr armutsgefährdet sind, hat sich um 25 Euro pro Monat erhöht. Oder, wie der Grüne Sozialsprecher Karl Öllinger vorrechnet: „Den Armutsgefährdeten fehlten 2009 im Schnitt 300 Euro mehr im Geldbörsel als 2008.“

Im Detail sehen die Zahlen der Statistik Austria so aus:
•„Armutsgefährdet“ ist man, wenn man weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Die eine Hälfte der Österreicher verdiente im Jahr 2009 an Nettoeinkommen, Familienbeihilfe, Arbeitslosengeld, Pension etc. mehr als 19.886 Euro, die andere Hälfte weniger. 993.000 Menschen mussten mit weniger als 11.931 Euro im Jahr das Auslangen finden, also mit weniger als 994 Euro im Monat. Bei Haushalten erhöht sich die Armutsschwelle für jeden Erwachsenen um die Hälfte und für jedes Kind um ein Drittel.

Kein Geld für Heizung und Fleisch

Eine Alleinerzieherin mit Kind ist armutsgefährdet, wenn sie weniger als 1290 Euro zur Verfügung hat, ein Vierpersonenhaushalt, wenn er mit weniger als 2085 Euro das Auslangen finden muss. Besonders häufig betroffen sind Arbeitslose mit 39 Prozent, Alleinerzieher mit 30 sowie allein lebende Pensionistinnen mit 28 Prozent (siehe Grafik).
•Die Zahl der „manifest Armen“ ist mit 488.000 geringer als die der Armutsgefährdeten. Denn viele Menschen kommen trotz niedrigen Einkommens passabel über die Runden– weil sie von Verwandten unterstützt werden, mietfrei wohnen oder sparsam leben.

Also wird auch erhoben, ob man die Wohnung angemessen heizen kann, ob man regelmäßige Zahlungen begleichen kann, sich bei Bedarf einen Arztbesuch leisten kann, ob man unerwartete Reparaturen unter 900 Euro finanzieren kann, sich neue Kleidung und jeden zweiten Tag Fisch oder Fleisch leisten kann und ob man einmal pro Monat Freunde zu sich einladen kann. Auf 1,4 Millionen Menschen treffen mindestens zwei der Kriterien nicht zu. Doch viele von ihnen haben ein hohes Einkommen, aber hohe Schulden– oder sie geben einfach zu viel aus.

Bleiben 488.000 mit niedrigem Einkommen, auf die auch noch zwei der Armutskriterien zutreffen: Sie gelten als „manifest arm“. Das entspricht in etwa sechs Prozent der Bevölkerung – ein Wert, der ebenfalls seit Jahren konstant ist.
•„Ausgrenzungsgefährdet“ nach EU-Definition sind 1,4 Millionen Menschen. Darunter fallen jene 993.000, die ein niedriges Einkommen haben, sowie 395.000 Personen, auf die vier von neun EU-Armutskriterien zutreffen. Da einige der EU-Kriterien (etwa die Waschmaschine, der Fernseher und das Handy) in Österreich von den meisten Haushalten erfüllt werden, sind nicht so viele Personen von „materieller Deprivation“ betroffen wie nach den österreichischen Kriterien.

Dafür sind auch Personen in Erwerbslosenhaushalten ausgrenzungsgefährdet: Das ist dann der Fall, wenn die 18- bis 59-jährigen Haushaltsmitglieder im Schnitt weniger als 2,4 Monate pro Jahr erwerbstätig sind. 461.000 Menschen leben in solchen Haushalten.

 

Uneinigkeit über Mindestlohn

Die politischen Reaktionen auf den Bericht waren heftig. Die Grünen finden die Zahlen „erschütternd“. Die grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz will dem Übel mit einem Mindestlohngesetz beikommen. Beim Gewerkschaftsbund sieht man das naturgemäß anders, immerhin würde so die Rolle der Gewerkschaften bei den KV-Verhandlungen infrage gestellt. ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser fordert kollektivvertragliche Mindestlöhne von 1300 Euro brutto im Monat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)

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