AMS-Schulungen: "Was ich hier mache? Zeit absitzen!"

Beschäftigungstherapie für die Massen oder sinnvolle Weiterbildung? Obwohl das AMS gute Schulungen im Programm hat, werden Zigtausende jährlich mit Billigkursen abgespeist.

AMSSchulungen hier mache Zeit
AMSSchulungen hier mache Zeit
Schulungsinstitut – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Jetzt ist es Zeit, krank zu werden – zumindest für alle, die weiter Arbeitslosengeld beziehen wollen.“ Tipps wie diese muss sich der Langzeitarbeitslose Robert B., 32, nicht am Stammtisch holen. Er bekommt sie im AMS-Kurs serviert – vom Trainer persönlich. Mehr als eine halbe Milliarde Euro an Steuermitteln steckt Österreichs Arbeitsmarktservice jährlich in die Aus- und Weiterbildung von Jobsuchenden. „Verlorenes Geld“, meint P. Wie der frühere Programmierer denken viele, die eine AMS-Schulung hinter sich haben. Auch manch ein Trainer räumt Qualitätsmängel ein. Wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, denn auf Pauschalkritik an den Kursen reagiert der Auftraggeber allergisch.

Denn das AMS hat tatsächlich auch qualitativ hochwertige Kurse im Angebot. Nur eben nicht für jeden. Das Budget ist knapp und muss für alle reichen. Wer droht, in Österreich länger als ein Jahr lang arbeitslos zu bleiben, muss „beschäftigt“ werden. So wollen es die Sozialpartner, die dem AMS die Richtung vorgeben. Ob das aber noch Sinn hat, debattieren auch sie heftig. Zeit für einen Lokalaugenschein.


Kurse als Motivationshilfe. „Was ich hier mache? Zeit absitzen“, sagt der 57-jährige Tibor F. Seit drei Wochen kommt er jeden Morgen um 8.30Uhr in das abgewohnte Wiener Zinshaus am Gaudenzdorfer Gürtel. Hier bietet das private Bildungsinstitut Weidinger & Partner das untere Ende der AMS-Kurspalette an. Auch F. sitzt in einer sogenannten „Aktivierungsmaßnahme“, wie die berüchtigten Bewerbungstrainings und Jobcoachings im Jargon der AMS-Betreuer heißen. An den beiden Computern im Raum zeigt der frühere Bauarbeiter kein Interesse. Drei Stunden am Tag macht er hier, was er wohl auch zu Hause machen würde. In der Zeitung blättern und vor allem warten – darauf, dass er wegen seiner Lungenprobleme in Pension gehen darf.

„Das ist nicht meine erste Schulung, und wohl auch nicht meine letzte“, meint eine andere Teilnehmerin. Sie hat sich einen Platz am Computer gesichert und googelt gemeinsam mit einer Kollegin nach ihrem Heimatort in der Türkei. Die Teilnehmer müssten sich mit den „Grundkenntnissen des Computers vertraut machen“, erklärt der Trainer. Etwas später im Sechswochenkurs werde im Internet nach Jobs gesurft. Für manche ist das durchaus sinnvoll. Die meisten hier scheinen sich aber zu langweilen.

Die Trainer wissen, dass sie mit unterschiedlich engagierten Teilnehmern rechnen müssen. Auch Menschen unter schwerem Medikamenteneinfluss und „psychisch Kranke“ schicke das AMS. Man könne dann „nicht mehr tun, als die Leute selbst wollen“, meint ein Ausbildner. Manchmal frage er sich schon, wofür all das Geld ausgegeben werde. Seinen Namen will auch er lieber nicht in der Zeitung lesen. Mit 800 Euro ist diese „Aktivierungsmaßnahme“ einer der billigsten Kurse, die das AMS zukauft.

Dass es Schulungen gibt, die manch ein Teilnehmer keinen Deut schlauer verlässt, weiß auch AMS-Vorstand Johannes Kopf. Mehr als die Hälfte seiner 900.000Kunden im Jahr haben im besten Fall die Pflichtschule hinter sich. Aber nicht allen fehlt die Qualifikation, sagt er. Manche müssten nur motiviert werden, sich eine Arbeit zu suchen. Dazu eignen sich die „Aktivierungsmaßnahmen“ ideal: „In Wien haben wir Kurse, bei denen jeder Zehnte sofort einen Job annimmt, wenn sie erfahren, dass sie teilnehmen sollen.“

Von 202.000 Menschen, die im Vorjahr eine AMS-Schulung besucht haben, landeten 84.000 bei derartigen Aktivierungsmaßnahmen oder in Berufsorientierungskursen. Das hat einen großen Vorteil: Für 73Millionen Euro „beschäftigt“ das AMS auftragsgemäß seine Kunden und darf zudem kurzfristig 84.000 Arbeitslose aus der Statistik streichen. Im März waren 250.000 Österreicher arbeitslos gemeldet. Fast 70.000 saßen in einem AMS-Kurs.


Akademiker im Bewerbungstraining.
Nicht alle haben Grund zur Klage. Mindestens jeder Zweite hat nach der Schulung immerhin einen Qualifizierungsnachweis. In welchem Kurs der Arbeitslose landet, liegt aber auch in der Hand seines AMS-Betreuers. Am lautesten beschweren sich daher jene, die sich zu Unrecht in einem Billigkurs wähnen. Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Hochschulabsolventen, der sich beim Üben von Bewerbungsschreiben fehl am Platz fühlt. Peter Weidinger, Chef von Weidinger & Partner, zweifelt deshalb nicht an der Sinnhaftigkeit seiner Kurse. Auch manch ein Akademiker könne sich nicht ordentlich bewerben.

Dass es bei der Zusammensetzung der Kursteilnehmer Probleme gebe, weiß auch Kopf. Das AMS nehme alle Beschwerden ernst, beteuert er. Stellt das AMS bei Vor-Ort-Kontrollen Mängel fest, fordere es Geld zurück. Im Großen und Ganzen würden aber acht von zehn Schulungsteilnehmern die AMS-Kurse als sinnvoll erachten, verweist Kopf auf Umfragen. Auch wenig Unzufriedene könnten eben viel Staub aufwirbeln, so seine Theorie.


Kritik der Trainer. Doch Kritik an der Qualität der Kurse kommt nicht nur von unzufriedenen Arbeitslosen. Auch in der Trainerbranche regt sich Unmut. Kritisiert wird einerseits die Kurszuweisung der Arbeitslosen durch das AMS. Andererseits beklagen die Trainer den harten Konkurrenzkampf auf einem Markt, dessen Blüte mit dem Ende der Wirtschaftsflaute vorbei sei. Über hundert private Bildungsinstitute rangeln um schwindende Mittel ihres größten Auftragsgebers, dem AMS. Als Leidtragende dieser Entwicklung sehen sich die Trainer selbst. Spätestens seit die Krankenkassen im Vorjahr die Anstellungspflicht für Trainer durchgeboxt haben, ist die Motivation am Boden. Viele Kollegen, die vorher freiberuflich tätig waren, verdienen heute netto 1000Euro weniger im Monat. Das wirke sich eben auch auf die Qualität der Kurse aus, heißt es. Es sei bekannt, dass einige ihren Schützlingen gern den Nachmittag freigeben.

Beim AMS denkt man trotz aller Kritik nicht daran, die umstrittenen Billigkurse abzuschaffen. „Wenn das so verteufelte Jobcoaching ein Drittel aller Teilnehmer in Jobs bringt, dann muss ich das machen“, sagt Kopf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Massenabfertigung nur einen Bruchteil von Programmen mit doppelt so hoher Erfolgsquote kostet.

Mit 350 Millionen Euro floss 2010 der Löwenanteil des AMS-Budgets in die teurere Qualifizierung von 136.000 Menschen. 50 weitere Millionen waren für individuelle Weiterbildungen von 45.700 Menschen vorgesehen, die sich privat einen Kurs suchen durften. Den meisten Arbeitslosen bleibt der Weg zum Traumjob via Steuergeld aber verwehrt. Schuld seien oft die unrealistische Vorstellungen, heißt es beim AMS. Viele würden etwa gern Masseur werden. „Ich produziere aber nicht teuer noch einen Arbeitslosen“, sagt Kopf. Wer in seinem bisherigen Job vermittelbar sei, dürfe sich ohnedies keine Hoffnung auf Umschulung machen.

Dass es einen Unterschied macht, welchen Kurs man vom AMS erhält, weiß Rudolf Gollner. Nach zehn Jahren als Steinmetz wurde er arbeitslos. Die „obligaten Schweißkurse“, die er anfangs besuchen sollte, bezeichnet er heute als „Zeitverschwendung“. Erst als sein AMS-Betreuer von „vier aufgelösten Bandscheiben“ erfuhr, wendete sich das Blatt zum Besseren. Da Gollner seinen Beruf krankheitsbedingt nicht mehr ausüben kann, wird er im Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrum BBRZ zum Bürokaufmann umgeschult. Zufrieden sind hier fast alle, mit denen man spricht: der frühere Melkmaschinenmonteur, der hier eine Mechatronikerlehre absolviert, ebenso wie der 45-jährige Konditor mit Burn-out. Mehr als siebzig Prozent aller Teilnehmer finden nach 1,5Jahren Ausbildung einen Job. Doch der Erfolg hat einen Preis: pro Person 12.000Euro.


Kein Ende der Billigkurse.
Für alle anderen schulungswilligen AMS-Kunden bleibt entsprechend weniger Geld übrig. Da aber alle Arbeitslosen mindestens einmal im Jahr „beschäftigt“ werden müssen, werden gegen Jahresende eben en bloc billige Computerkurse und Bewerbungstrainings gebucht, auch wenn viele der Teilnehmer kaum reale Chancen auf einen Job haben. „Wir sind nicht ganz ehrlich“, sagt Kopf. „Wir tun so, als könnten wir aus jedem etwas machen. Aber das ist nicht mehr als eine charmante Lüge.“

Ob dann das Geld nicht besser in weniger, aber dafür sinnvolle Schulungen gesteckt würde? Was spricht gegen ein Ende der Beschäftigungstherapie für die Massen? Selbst die Sozialpartner scheinen unsicher, ob sie mit dem jährlichen Schulungszwang noch den Nerv der Zeit treffen. Der AMS-Vorstand kann sich ein baldiges Ende der Billigkurse nicht vorstellen: „Menschen ganz in Ruhe zu lassen ist nicht verantwortbar“, sagt er. Was dann passiert, könne man jetzt bei der Einführung der Mindestsicherung beobachten. Menschen, die es sich jahrelang mit der Notstandshilfe zu Hause „eingerichtet“ hätten, müssten jetzt plötzlich wieder betreut werden. Sie wieder vor die Tür, vielleicht sogar in einen Job zu bringen, sei ein „wahnsinnig schwieriges Geschäft“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2011)

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