Die österreichische Zigarette: 1784–2011

Austria Tabak sperrt sein letztes Werk in Österreich zu und beendet damit nach 227 Jahren die heimische Zigarettenproduktion. 320 Menschen verlieren ihren Job und Hainburg einen Kindergarten.

(c) APA/HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)

Man hat schon eifrig diskutiert, Pläne gewälzt, Budgets kalkuliert, aber seit gestern ist alles Makulatur: Die Überlegung der Hainburger Stadtväter, einen zusätzlichen Kindergarten zu errichten, lösten sich gegen zehn Uhr in Rauch auf. Da ließ Austria Tabak die Gemeinde wissen, dass man das Zigarettenwerk schließen werde. 500.000 Euro an Kommunalsteuer wird Hainburg verlieren, fünf Prozent des Jahresbudgets, und damit wird es „finanziell ein wenig eng“, wie Bürgermeister Karl Kindl meinte.

Mit der Schließung von Hainburg zieht Japan Tobacco International (JTI), Eigentümer der Austria Tabak, einen Schlussstrich unter 227 Jahre heimische Zigarettenproduktion. 1784 hatte Joseph II. die „Österreichische Tabakregie“ als Monopol gegründet, 2001 hat sie der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zur Gänze privatisiert und jetzt trägt sie JTI zu Grabe. Heimische Marken wie Smart oder Memphis werden künftig in anderen Ländern produziert, vermutlich in Polen.

 

Zehn Milliarden Zigaretten

Überraschend kommt die Schließung für die 240 Mitarbeiter in Hainburg. Noch 2007 hat JTI von Ausbauplänen gesprochen und nach eigenen Angaben seither 30 Mio. Euro in das Werk investiert. Es sollte 15 bis 20 Milliarden Zigaretten produzieren. Im vergangenen Jahr waren es zehn Milliarden.

Die Menschen rauchen weniger, es gebe mehr geschmuggelte Zigaretten, die Krise – „all das trug zum Ende bei“. Aber auch „die Standortkosten“, wie Austria-Tabak-Sprecher Walter Sattlberger offen erklärte: „Hohe Lohnkosten, die Arbeitszeitregelung, andere Auflagen – da unterliegt Österreich gegenüber anderen Ländern.“

Beispielsweise gegenüber Polen, das die Produktion übernehmen könnte. Schon die Maschinen aus Linz wurden nach der Schließung des dortigen Tabakwerks 2007 nach Polen gebracht.

„Das ist für uns ein Riesenschock“, meinte ein Mitarbeiter aus Hainburg. Er habe nach den Investitionszusagen vor vier Jahren geglaubt, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, und mit dem Bau eines Hauses begonnen. „Ich hab keine Ahnung, was wir jetzt machen.“

Ein anderer Mitarbeiter berichtet von einer „sehr emotionellen Sitzung“ Donnerstagvormittag in der Wiener Koppstraße, bei der Firmenchef Hagen von Wedel vom Aus berichtete. Die Angestellten hätten es ihm mit ihren Fragen „nicht leicht gemacht“, eine Frau bemängelte, dass man erst gar nie versucht habe, mehr Zigaretten in Hainburg zu produzieren.

In der Firmenzentrale verlieren 80 Personen, die die Produktion unterstützen, ihren Job. Etwa 500 Jobs bleiben in Wien – darunter die Beschäftigten des Tobaccoland-Vertriebs, die Mitarbeiter der Forschungseinrichtung Ökolab und etwa 200 Personen, die für Marketing und Verkauf zuständig sind.

Aus der Politik gab es heftige Reaktionen: Die Gewerkschaft sieht in der Schließung „den Abschluss eines traurigen Kapitels einer verantwortungslosen Privatisierungspolitik“. Die SPÖ kritisierte, dass 320 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren, obwohl Eigentümer JTI Rekordgewinne schreibe.

Der operative Gewinn von JT International sank von 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf knapp eine Mrd. Euro im Jahr 2010.

 

1000 Pendler pro Tag

In Hainburg wird nach der Schließung der Fabrik das Krankenhaus der größte Arbeitgeber sein, an zweiter Stelle folgt bereits die Gemeinde mit 89 Beschäftigten. Wachsen wird die Zahl der Pendler: Derzeit pendeln täglich etwa 1000 der 5800 Einwohner aus. rie

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)

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