IHS-Chefsuche: Keine politische Frage?

Am 28.Juli könnte sich entscheiden, wer das Konjunkturforschungsinstitut künftig leitet. Aus Sicht des Noch-IHS-Chefs Felderer wird nicht politisch entschieden.

(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)

Wien/Jaz. Aus den 14 Bewerbern für die Nachfolge von Bernhard Felderer als IHS-Chef sind de facto nur noch zwei übrig geblieben, bestätigte Felderer am Dienstag einen Bericht der „Presse“. Und am 28.Juli könnte schon die endgültige Entscheidung fallen: zwischen Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universtität St.Gallen, und Dalia Marin, Professorin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

Fachlich verfügen beide Kandidaten über ausgezeichnete Referenzen. Der große Unterschied zwischen den beiden soll in ihrer wirtschaftspolitischen Ausrichtung liegen. So gilt Keuschnigg als wirtschaftsliberal, Marin wird indes klar dem linken Spektrum der Ökonomie zugeordnet. So soll sich auch der SPÖ-nahe Nationalbank-Gouverneur, Ewald Nowotny, Vizepräsident des entscheidenden IHS-Kuratoriums, schon vor den Hearings vergangene Woche für Marin ausgesprochen haben.

Laut Felderer wird die Entscheidung trotzdem nicht nach „politischen“, sondern nach Beurteilung „rein wissenschaftlicher“ Kriterien getroffen werden. Dies, obwohl das IHS-Kuratorium nach dem Proporz besetzt ist. So ist der Präsident der ehemalige ÖVP-Klubobmann Heinrich Neisser, sein Vize, Ewald Nowotny, saß vor seiner Zeit in der Nationalbank 20 Jahre lang für die SPÖ im Nationalrat. Und auch die einfachen Mitglieder sind mit Ex-ÖVP-Obmann Josef Taus, dem Industriellen und ÖIAG-Aufsichtsratschef Peter Mitterbauer oder dem Wiener SPÖ-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig nicht gerade unpolitisch.

Dennoch gehe die Zustimmung zu oder Ablehnung von einem der beiden Kandidaten quer durch das Kuratorium, meint Felderer. Es gebe keine politischen Blöcke für Keuschnigg oder Marin. Daher könne auch keiner der beiden Kandidaten politisch zugeordnet werden, so Felderer. „Keiner von beiden hat ein Parteibuch.“

Auch die angebliche Ablehnung von Marin durch einige IHS-Mitarbeiter habe nichts mit politischen Präferenzen zu tun, sondern eventuell mit persönlichen Differenzen. Marin war nach ihrem Studium in Wien zwischen 1984 und 1994 Mitarbeiterin am IHS und ist daher vielen dort tätigen Wirtschaftswissenschaftlern noch persönlich bekannt.

 

IHS-Belegschaft neigt zu „Grün“

Nach Ansicht von Felderer wird das IHS auch unter der neuen Führung eine politisch unabhängige Institution bleiben. Es sei zwar richtig, dass die Ökonomie keine Naturwissenschaft mit eindeutigen Gesetzen sei und in ihrer Deutung immer einer gewissen ideologischen Ausrichtung unterliege, sagt er auf Nachfrage. Parteipolitik spiele dabei aber keine Rolle. Und wenn es eine Partei gäbe, die im IHS eine Mehrheit hätte, dann wären das die Grünen. Diese wurden bei der letzten AK-Wahl im IHS nämlich am häufigsten gewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2011)

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