Jagdgesellschaft: Geschäfte unterm Hochstand

Die Jagd ist in Österreich in Verruf geraten, seit bekannt wurde, welche – mutmaßlichen – Geschäfte bei Jagdausflügen auf Einladung des Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly in den vergangenen Jahren gemacht wurden.

Jagdgesellschaft Geschaefte unterm Hochstand
Jagdgesellschaft Geschaefte unterm Hochstand
Jagd – (c) Www.BilderBox.com

Es ist eine kleine Jagdrunde, die sich jeden ersten Mittwoch im Monat in einem Gasthaus in einem Vorort Wiens trifft. Der Förster ist meist dabei, der Elektriker, der Installateur und noch ein paar Mitglieder der Gemeinde. Man trinkt, lacht, pflegt das Jägerlatein – und ja, hin und wieder geht es auch um das Geschäft. Es ist nicht viel anders, als bei den Treffen am letzten Dienstag des Monats im noblen Loos-Haus in Wiens Innenstadt. Nur halt viel, viel, viel kleiner.

„Das ist ein privater Jagdverein und eine wunderbare Einrichtung“, erklärt ein Mitglied. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Das genannte Mitglied ist der Präsident der Industriellenvereinigung, Veit Sorger. Und wenn jemand in dieser Position Mitglied in einem Verein ist, kann man sich leicht vorstellen, dass die anderen Mitglieder nicht einfach nur jagende Installateure oder Elektriker sind.

Der private Verein heißt „Der Jagdstammtisch“ und ist ganz offiziell im Vereinsverzeichnis registriert. Obmann ist Karl Stoss, Generaldirektor der Casinos Austria und Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees. Sein Stellvertreter ist der Telekom-Austria-Manager Michael Fischer, dessen Name in Zusammenhang mit dubiosen Geldflüssen an Politiker genannt wurde. Und der Stellvertreter des Schriftführers? Das ist kein Geringerer als Josef Pröll, einst Vizekanzler dieser Republik.

Möglicherweise sitzen auch hier dienstags einfach nur ein paar Jagdfreunde zusammen. Vielleicht gibt auch bei diesen Treffen einer an, wie er letztens auf 300 Metern eine Gams bergauf geschossen hat. Vielleicht geht es nur um neue Waffen, wasserdichte Stiefel und Sitzwärmer für den Hochstand. Aber wenn an diesem Jagdstammtisch über Geschäfte gesprochen wird, dann ist man bei diesen Mitgliedern und bei Besuchern wie Raiffeisen-General Christian Konrad in ganz anderen Dimensionen.

Die Jagd ist in Österreich in Verruf geraten, seit bekannt wurde, welche – mutmaßlichen – Geschäfte bei Jagdausflügen auf Einladung des Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly in den vergangenen Jahren gemacht wurden. Um welchen Skandal es in der Vergangenheit auch immer ging – Zahlungen der Telekom in Millionenhöhe, Geldflüsse an die Politik, die Neuausschreibung beim Behördenfunk, Postenvergaben unter dem damaligen Innenminister Ernst Strasser, möglicherweise auch Gegengeschäfte beim Kauf der Eurofighter – immer spielt im Hintergrund irgendwo die Jagd mit.

Die Pirsch durch den Wald, über Stock und Stein, dient schon lange nicht mehr dazu, Essen zu einer hungrigen Familie zu bringen. Nicht einmal als einfacher Broterwerb: Lediglich knapp zehn Prozent der Jagdkartenbesitzer in Österreich verdienen sich ihr Geld als Berufsjäger. Für den Rest, etwa 100.000 Menschen, ist die Jagd ein Hobby – und nicht das billigste.

Ein Ansitz auf Rotwild kostet schnell ein paar tausend Euro, für einen kapitalen Hirsch in einem erstklassigen Jagdgebiet muss man bis zu 15.000 Euro hinblättern. Und das ist nur ein gekaufter Abschuss. Ein eigenes Jagdgebiet – ab 115 Hektar darf der Eigentümer oder Pächter zur Waffe greifen – kostet ab 30 Euro Pacht pro Hektar und Jahr. Wer sein Hobby ernsthaft betreiben und mehr erlegen will als Rehe und Wildschweine, muss bedeutend tiefer in die Tasche greifen: Dann zahlt man 90 Euro und mehr für den Hektar. Dazu kommen die Kosten für einen professionellen Jagdaufseher, für die Wildfütterung, Dienstautos usw. Alles in allem ein paar zehntausend Euro pro Jahr.

Nach oben gibt es kaum eine Grenze. Eines der attraktivsten Jagdgebiete Europas, die 23.000 Hektar der Alwa Güter- und Vermögensverwaltung in den Bundesländern Burgenland, Niederösterreich, Steiermark und mit einem Teil in Ungarn, wurde vergangenes Jahr verkauft – um gemunkelt mehr als 100 Millionen Euro.


Who's who in Österreich. Bei solchen Dimensionen wird es dünn, und deswegen ist eine professionell betriebene Jagd etwas für Wirtschaftseliten – und für die Politik. Die Namen der Jäger lesen sich wie ein Who's who Österreichs: Neben Pröll, Stoss und Konrad gehen die Industriellen Thomas Prinzhorn und Siegfried Wolf regelmäßig jagen, Hanno Soravia streift durch die Wälder, Alexander Quester, Helmut Niedermeyer, Gerhard Randa, Milliardärswitwe Ingrid Flick.

Politisch mag die Jagd eine schwarze Domäne sein – Finanzministerin Maria Fekter ist beispielsweise Jägerin–, aber auch Hannes Androsch war bis vor einigen Jahren passionierter Jagdpächter. Und selbst die grüne Nationalratsabgeordnete Gabriela Moser besitzt den Jagdschein.

Siemens, die Bank Austria, Raiffeisen, ThyssenKrupp haben oder hatten eigene Firmenreviere, unter anderem im Tiroler Zillertal. Nicht ohne Grund: „Firmen behandeln Jagdpachten wie Einladungen zum Opernball. Sie wollen damit zur Geschäftsanbahnung kommen – aber eben nur mit Partnern, die jagdliche Ambitionen haben“, erklärte Peter Lebersorger, Generalsekretär des österreichischen Landesjägerverbands, vor einigen Jahren offen dem „Wirtschaftsblatt“.

Sogar einige Bundesländer betreiben „Repräsentationsjagden“. Das Land Tirol hat eine im Pitztal, auch Salzburg, Steiermark und sogar Wien unterhalten Jagdgebiete. Dorthin lädt man andere Politiker ein, Firmenchefs und teilweise auch einfach nur verdiente Beamte.

Wie sehr bei diesen Einladungen die Natur und das Erlebnis Jagd im Vordergrund stehen, bleibt dahingestellt. Nur ausgesuchte Personen dürfen bei Gesellschaftsjagden dabei sein, eine Zeit lang galten Einladungen von Mensdorff-Pouilly als Zeichen dafür, dass man es in diesem Land geschafft hatte. Mittlerweile hütet man sich davor.


Jagdkarte für Cocktailpartys. Ob man ein guter Jäger ist, ist bei den Einladungen oft zweitrangig. Einem hochrangigen Landespolitiker knapp außerhalb der österreichischen Grenzen sagt man eine leidenschaftliche, wenn auch eher unglückliche Beziehung zur Jagd nach: Wenn er anlege, würden rundum alle in Deckung gehen. Trotzdem sei der Mann eifrig in österreichischen Jagdgebieten unterwegs.

Dass die Jagd ein reines „Mauschelnetzwerk“ sei, weist Konrad zurück, dem man es wegen seiner Leidenschaft für das Hobby glauben mag: „Ich brauche meine Jagdkarte nicht für Cocktailpartys, was bei manchen anderen der Fall sein mag, sondern aus meinem Interesse für die Natur“, erklärte der mächtige Raiffeisen-Boss der Zeitschrift „Datum“.

Zum „Jagdstammtisch“ in Wien geht aber auch er laut Auskunft von Mitgliedern gerne. In knapp zehn Tagen wird man wieder zusammenkommen, als Ehrengast und Referenten hat man diesmal den neuen Eigentümer der Firma Kettner, Friedrich Schmid, eingeladen. Der mag von neuesten Jagdprodukten berichten, abseits dürfte es aber um anderes gehen: etwa um die Telekom-Affäre. Denn einige Mitglieder des Klubs, nicht nur dessen Gründer, Telekom-Manager Fischer, sind im Zuge der Affäre in die Schlagzeilen geraten.

Auch Markus Beyrer, früher Generalsekretär der Industriellenvereinigung, jetzt ÖIAG-Chef, sitzt im Verein. Er kam wegen eines Jagdausflugs bei Mensdorff-Pouilly, den die Telekom bezahlt hatte, in die Kritik. Als Aufsichtsratspräsident der Telekom leitet Beyrer nun die konzerninterne Aufdeckungsarbeit.

In der Industriellenvereinigung ist man der Auffassung, dass an solchen Einladungen zu Jagden nichts Verwerfliches ist. „Das ist doch selbstverständlich, dass man sich als Generalsekretär der Industriellenvereinigung um Kunden und Mitglieder kümmert – ich habe ihm sogar dazu geraten“, meint IV-Boss Sorger. Beyrer selbst betont, dass er 2002, als die Behördenfunkvergabe anstand, noch kein Gewehr in der Hand hatte.


Jagen ohne Jagdschein. Damit die vielen Prominenten tatsächlich ganz offiziell als Jäger auftreten können, bieten Landesjagdvereine VIP-Schnellkurse an. Gerüchteweise soll so das halbe Kabinett des damaligen Innenministers Strasser den Jagdschein erlangt haben, und auch ein prominentes Mitglied der Wiener Seitenblicke-Gesellschaft wurde so zum Jäger: Dompfarrer Toni Faber.

So hat bei den Ausflügen in die österreichischen Wälder und Berge zumindest jagdlich alles seine Ordnung. Nicht wie in Andalusien, wo Spaniens Justizminister Mariano Fernández Bermejo 2009 acht Mufflons und fünf Wildschweine erlegte. Später stellte sich heraus, dass der Minister keinen Jagdschein hatte. Bermejo musste zurücktreten und zusätzlich 2000 Euro Strafe bezahlen. Immerhin: Von illegalen Absprachen bei seiner Jagd ist nichts bekannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2011)

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