Die Goldmeile von Wien

Alter Schmuck, Eheringe, Goldzähne: Alles lässt sich zu Geld machen. Ein Lokalaugenschein bei den unkonventionellen Goldhändlern der Wiener Gumpendorfer Straße.

(c) Dpa/Bodo Marks (Bodo Marks)

Wien. Mit flirrenden Neonschildern und großen Lettern auf Anzeigetafeln buhlt eine Traube von Geschäften um die Aufmerksamkeit der Leute, die ihr Altgold zu barem Geld machen wollen. In der Gumpendorfer Straße im sechsten Bezirk, dort, wo das Straßenbild nicht mehr von schicken Designerläden und Bobocafés dominiert wird, floriert seit 2008, seit der Wirtschaftskrise, eine eigene Geschäftssparte: die Goldankaufstelle. Fünf bis sieben Prozent über dem Tageskurs für Bruchgold versprechen die Händler. In zwei Auslagen prangt groß das Schild „Neueröffnung“.

 

Verlockung schnelles Geld

Der Grund, weshalb die Goldhändler genau hier und in dieser Dichte ihr Glück suchen, heißt Ögussa. Inmitten der jahrmarktähnlichen Kulisse wirkt der dezente Eingang der Österreichischen Gold- und Silber-Scheideanstalt mit dem gusseisernen Schild wie ein trotziger Anachronismus. Drinnen in der Goldankaufstelle, die die neutrale Sachlichkeit einer Bankfiliale ausstrahlt, findet Gerhard Forster, Leiter des Vertriebs von Schmuck und Metall, klare Worte für die Konkurrenz gegenüber: „Das ist schlicht und einfach eine Abzocke.“ Geschäftsführer Marcus Fasching gibt sich unaufgeregt und eher amüsiert angesichts der Konkurrenz. „Wir sind ein Haus mit 150 Jahren Tradition, die Händler da draußen kommen und gehen. Das regt uns wenig auf.“

 

Befreiung vom Ehering

Über Kundenmangel kann sich die Ögussa jedenfalls nicht beschweren. Seit 2008 hat sich die durchschnittliche Zahl der Leute, die täglich mit Altgold anrücken, von 50 auf 250 verfünffacht. Unter ihnen befindet sich Johannes S., 54. Er öffnet seine Faust und zum Vorschein kommt sein Ehering, den er heute hier zum Verkauf anbietet. „Die Scheidung ist schon einige Zeit her“, sagt er. „Mir geht's weniger ums Geld. Das ist ein Akt der Befreiung.“ Mit der Auszahlung ist er dann aber doch mehr als zufrieden. 3000 Schilling hat der Ring seinerzeit gekostet, handgeschmiedet, jetzt hat er dafür 334 Euro bekommen, ein Gewinn von 116 Euro.

Ein kleiner Wermutstropfen beim Goldverkauf: Man ist dem Urteil des Händlers ausgeliefert. Es gibt für den Laien keine Möglichkeit, den Feingoldgehalt eines Wertgegenstandes zuverlässig zu bestimmen. Die Punzierung, sofern vorhanden, und das Gewicht können ein ungefährer Anhaltspunkt sein. Doch nicht immer steht auf einem Schmuckstück, was dann auch tatsächlich drin ist. Das Urteil des Experten in der Goldannahmestelle ist in jedem Fall Gesetz.

 

Die Willkür der Goldhändler

Ausgerüstet mit einem bunten Potpourri von Goldschmuckstücken verschiedener Karatzahl, Silberschmuck und wertlosem Modeschmuck begibt sich „Die Presse“ auf Lokalaugenschein bei drei Goldhändlern in der Gumpendorfer Straße.

Bei der Höfinger KG, dem Testsieger bei einer Studie des Vereins für Konsumenteninformation, versucht man den Kunden auf die autoritäre Tour zum Verkauf zu bewegen. Zunächst bekommt man eine grobe Schätzung der mitgebrachten Gegenstände. Dann muss sich der Kunde entscheiden, ob er verkaufen will oder nicht. Erst wenn man zusichert zu verkaufen, setzt die misstrauische Dame hinter dem Schalter die branchenübliche „Strichprobe“ ein, eine Technik, die bereits seit 2500 Jahren für die Ermittlung des Feingehalts von Edelmetall eingesetzt wird. Die Chefin blickt ihr dabei prüfend über die Schulter.

Das endgültige Angebot fällt um einiges niedriger aus als die erste Schätzung. 435 Euro statt 760 bieten die Damen für die Stücke, die sie nach der Probe noch für brauchbar erachten. Der wertvollste Ring, ein vergilbter, fleckiger Rohling aus 18 Karat Gold, der laut Ögussa 427,71 Euro wert ist, wird als Ramsch zurückgewiesen. Die Höfinger KG bringt so den Kunden und sich um ein gutes Geschäft.

Natürlich können die Händler niemanden zum Verkaufen zwingen. Bei den naiveren Zeitgenossen reicht dieses Druckmittel jedoch offenbar aus, um sich zum Verkauf verpflichtet zu fühlen.

 

Kaffeehausatmosphäre

Bei Oromet Goldankauf gleich nebenan setzt man eher auf Gemütlichkeit. Der Kunde nimmt auf einem Barhocker Platz und bekommt erst einmal einen Kaffee. Die Strichprobe wird zügig durchgeführt, Verkaufsdruck wird keiner ausgeübt. Das Gesamtangebot fällt mit 890Euro um einiges höher aus als bei Höfinger. Die Detaileinschätzung der einzelnen Schmuckstücke zeigt jedoch, dass einiges an Willkür an den Tag gelegt wird. Während ein Silberarmband, offenbar mit Blick auf einen eventuellen Weiterverkauf, weit über dem vorher von Ögussa ermittelten Materialpreis angesetzt wird, verschätzt man sich bei der Karatzahl eines nicht punzierten Ringes empfindlich: 14 statt 18 Karat. Immerhin erkennt man alles, was Gold ist, auch tatsächlich als Gold.

Ähnlich heimelig ist die Atmosphäre bei S&G Silber und Gold. Man nimmt in einem gemütlichen Lederstuhl an einem massiven Holztisch Platz, hinter dem Herr Stevanovic, flankiert von seinem etwa zehnjährigen Enkel, sich in aller Ruhe der Begutachtung widmet. Er sondert drei Schmuckstücke als für ihn interessant aus und bietet dafür 396 Euro. Das gut getarnte Prunkstück, den fleckigen 18-Karat-Rohling, stuft Herr Stevanovic erst als Silber ein, zweifelt dann aber und nimmt ihn nochmals zur Hand. Um herauszufinden, ob es doch Gold ist, will er den Ring anfeilen. Da alles Geschmeide nur geborgt ist, keine Option.

Zurück bei Ögussa: Ein junger Mann mit Piercings in Nase und Ohr namens Ferdl hält ein Sackerl mit geschätzten 50 Goldzähnen in Händen. Seine Freundin arbeitet beim Zahnarzt, und da kommt alle paar Monate eine schöne Menge gezogener Zähne zusammen. Von den Händlern da draußen rät er dringend ab: „Wie sollen die denn einen besseren Preis bieten als Ögussa, die brauchen ja einen Zwischenhändler.“ Beim Hinausgehen wachelt er zufrieden mit dem Kundenbeleg: 227 Euro gibt es diesmal für die Goldzähne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2011)

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